Aktualisiert 03.12.2011 13:45

Timo HelblingDie offensive Heldentat des Zuger «Bad Boys»

Der EV Zug fegt den SC Bern mit spektakulärem Offensivhockey mit 6:5 vom Eis. Aber der Held ist ein hüftsteifer Rumpel-Verteidiger: Timo Helbling (30).

von
Klaus Zaugg

Der Spitzenkampf wird zur offensiven Party und ein Solothurner machte den DJ. Die grosse Offensivmaschine des EV Zug (jetzt 110 Tore) produzierte in Bern sechs Goals. Den Siegestreffer 34 Sekunden vor Schluss. Wie ein DJ mit seinen Scheiben erst für richtige Stimmung sorgt, so hat Timo Helbling aus einem anfänglich belanglosen Spiel eine Party gemacht, die schliesslich ein Drama für den SC Bern mündete.

Timo Helbling ist einer der erfahrensten Verteidiger der Gegenwart, gestählt in diesem Handwerk in Nordamerika wie noch kein anderer Schweizer: 393 Partien hat der Hägendorfer in Nordamerika auf allen Stufen gearbeitet. Von den Junioren über die Farmteamligen bis hinauf in die noble NHL. In der NLA hat er auch schon mehr als 300 Partien durchgestanden und selbst für die Nationalmannschaft bewährte er sich bereits in 60 Länderspielen. Letzte Saison verteidigte er gar ganz ordentlich in der höchsten finnischen Liga. Aber so einen Abend wie gestern hat er noch nicht erlebt.

Fehler korrigiert

Nach 24 Minuten und 26 Sekunden spielt er den Puck als hinterster Mann und völlig unbedrängt direkt auf die Stockschaufel des schlauen Forecheckers Pascal Berger. Ritschratsch und der SCB führt 3:1. Berger habe spekuliert und die Richtung des Passes erahnt, wird Helbling diesen Moment später erklären. «Aber es gibt keine Entschuldigung. Das war ein wirklich schlimmer Fehler.»

Doch entscheidend ist nicht dieser Fehler. Sondern die Reaktion. Eine offensive Reaktion. «Noch vor drei, vier Jahren wäre ich nach so einem Fehler nicht mehr aufgestanden. Erst recht nicht in Bern vor 16 000 Zuschauern. Es ist die schlimmstmögliche Situation: Dein Fehler kann das Spiel kosten und als Verteidiger hast du kaum eine Möglichkeit, das wieder zu korrigieren.» Aber Timo Helbling schafft die Korrektur. Er habe sich an einen Spruch des berühmten Sportpsychologen Dr. Saul L. Miller erinnert: «Change the channel» (Schalte einfach um). Das sei ihm umso leichter gefallen, weil er nach diesem Fehler nicht ein einziges böses Wort von Trainer Doug Shedden oder den Mitspielern gehört habe. «Das war ja auch nicht nötig. Ich wusste, dass es ein unverzeihlicher Fehler war.»

«Elchtest» bestanden

Zugs meistbestrafter Spieler dieser Saison hat nicht nur umgeschaltet. «Bad Boy» Timo Helbling hat gleich auch das Spiel gedreht und gewonnen. Mit seinem ersten Saisontreffer erzielt er den Ausgleich zum 5:5 (50. Min). Es ist der Anfang vom Ende des SC Bern. Am Schluss steht der Sieg (6:5) und die Erleichterung. Die Worte sprudeln aus dem sonst so wortkargen rauen Riesen nur so heraus. «Das war eines der verrücktesten Spiele meiner Karriere und diese Situation überstanden zu haben, ist eine wertvolle Erfahrung, die unsere Mannschaft und mich stärker macht.» Der Verteidiger-Saurier hat sozusagen den mentalen Elchtest bestanden.

Wir verneigen uns auch nach diesem Spitzenkampf in Bern tief vor der Kunst und Eleganz und Intelligenz von NLA-Topskorer Damien Brunner (28 Spiele/18 Tore/19 Assists/24 Strafmin.). Aber dass auch einer wie Timo Helbling (26 Spiele/1 Tor/3 Assists/79 Strafmin.) eine offensive Heldentat vollbringen kann, das zeichnete die Zuger in diesem spektakulären Spitzenkampf aus.

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