25.08.2020 03:02

Neue Ohrmarken-Regeln«Die Ohren der Schafe entzünden, eitern und verkrusten»

In den offenen Wunden sammeln sich Maden-Eier, es soll zu verfaulten Ohren und Blutvergiftungen gekommen sein: Tierhalter berichten von brutalen Zuständen durch die vom Bund vorgeschriebenen Ohrmarkierungen für Schafe und Ziegen.

von
Daniel Krähenbühl
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Brutale Bilder: Schafe und Ziegen leiden unter den neuen Ohrmarkierungen.

Brutale Bilder: Schafe und Ziegen leiden unter den neuen Ohrmarkierungen.

zvg
Jedes Tier muss seit Januar gekennzeichnet und registriert werden.

Jedes Tier muss seit Januar gekennzeichnet und registriert werden.

Getty Images/iStockphoto
Entzündete Ohren sind die Folge der neuen Markierungen.

Entzündete Ohren sind die Folge der neuen Markierungen.

Facebook

Darum gehts

  • Seit Anfang Jahr müssen Schafe und Ziegen zwei Ohrmarken tragen.
  • Tierhalter klagen, dass es häufig zu Entzündungen komme.
  • Grund sei ein neuer Hersteller der Marken, die nun kürzer und ohne Luftlöcher sind.

Eine neue Weisung des Bundes hat blutige Konsequenzen für Nutztiere und ihre Halter: Seit dem 1. Januar 2020 müssen Schweizer Tierhalter ihre Schafe und Ziegen mit je zwei Ohrmarken kennzeichnen, eine davon elektronisch. Zudem müssen sie ihre Tiere zur Identifikation und Nachverfolgbarkeit in der Tierverkehrsdatenbank (TVD) des Bundes registrieren. Laut der Regierung sei diese Kontrolle des Tierverkehrs für eine wirksame Tierseuchenbekämpfung, sowie für die Sicherheit von Lebensmitteln tierischer Herkunft «von grosser Bedeutung».

Bei den Schaf- und Ziegenhaltern stösst die Neuerung jedoch auf wenig Gegenliebe. In der Facebook-Gruppe «Buurechind mit Liib und Seel» klagen sie über entzündete, eiternde oder gar faulende Ohren. «Von wegen keine Probleme mit den Ohrmarken. Wacht endlich auf in Bern», schreibt ein User zu Fotos, auf denen die entzündeten Ohren seiner Schafe zu sehen sind. Andere Facebook-Benutzer stimmen ihm zu: «Es haben alle das gleiche Problem. Der Stift der Marke ist zu kurz und quetscht das Ohr bereits, wenn man die Marke anbringt.» Und eine Frau schreibt: «Die Tiere haben Schmerzen! Ich markiere die Kleinen wegen dem Problem gar nicht mehr.»

Maden in den Wunden

Bei der Aargauer Schafhalterin Silvana Rosenberg waren rund 100 von 300 Schafen betroffen. «Die Ohren der Schafe entzünden, eitern und verkrusten – bei Tieren von befreundeten Haltern ist es bereits zu Blutvergiftungen gekommen.» In den gröbsten Fällen hätte sie die Marken daher wieder rausgeschnitten. «Was im Sommer hinzukommt, sind die Fliegen, die ihre Eier in die Wunden ablegen.»

Von 300 hatten rund 100 von Silvana Rosenbergs Schafe Beschwerden wegen der neuen Markierung.

Von 300 hatten rund 100 von Silvana Rosenbergs Schafe Beschwerden wegen der neuen Markierung.

zvg

Die Problematik habe ihren Ursprung im neuen Hersteller der Ohrmarken, sagt Rosenberg. Die letzten Jahre seien die Ohrmarken vom Schweizer Hersteller Multiflex fabriziert worden, erst seit diesem Jahr stelle sie die deutsche Firma Allflex her. «Der Stift der Ohrmarke ist zu kurz und zu weich, was die Quetschung verursacht. Ausserdem fehlen die Luftlöcher, was wahrscheinlich zum Juckreiz führt.» Deshalb würden die Schafe oftmals die Marke rausreissen.

Sie und viele weitere Schaf- und Ziegenhalter seien bereits mehrmals beim Bund und beim Beratungs- und Gesundheitsdienst für Kleinwiederkäuer (BGK) vorstellig geworden. «Aber immer sagte man uns, dass es nur Einzelfälle sind», sagt Rosenberg. «Auch die Tierschutzkontrolleure verschliessen ihre Augen vor dem Leid der Tiere.»

«Schmerzen machen keinen Sinn»

Die Schafhalterin hat daher Konsequenzen gezogen und verzichtet konsequent darauf, die neuen Ohrmarken zu verwenden. «Wenn man mir eine Busse geben will, weil ich meine Tiere nicht verletzen will, dann stimmt doch etwas nicht», sagt Silvana Rosenberg.

Auch bei Ziegen komme es in vielen Fällen zu Entzündungen, sagt der Zürcher Landwirt Ruedi Bucher, der sich als Hobby um 16 Ziegen kümmert. «Wir haben festgestellt, dass die neuen Marken zu stark auf das Ohr pressen. Dadurch hat es fast keinen Platz und entzündet sich.» Vor diesem Jahr sei das sehr selten passiert – jetzt komme es bei praktisch jedem zweiten Tier zu einer Inflammation. «In gewissen Fällen schnitt ich die Ohrmarke wieder raus, weil das Ohr vereiterte oder die Tiere danach unter Fieber litten.» Bucher fordert vom Bund endlich eine Lösung. «Dass man den Tieren mit den Ohrmarken so viele Schmerzen bereitet, macht für mich keinen Sinn.»

Nachmarkierungspflicht wurde gelockert

Auf Anfrage von 20 Minuten bestätigt das Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen (BLV), Kenntnis von «unerfreulichen Nebenwirkungen» im Zusammenhang mit der Nachmarkierung von Schafen zu haben. «Auch wenn dem BLV Stand August momentan lediglich rund 60 Fälle von insgesamt über 10’000 Tierhaltungen bekannt sind, nimmt das BLV das Problem ernst», so Sprecher Jascha Friedli. Ein Lösungsansatz sei eine Ohrmarke mit einem längeren Dorn.

Die Kennzeichnung der Tiere mit elektronischen Ohrmarken sei jedoch extrem wichtig: «Gerade für hochansteckende Seuchen, wie beispielsweise die Maul- und Klauenseuche, ist die Einzeltierrückverfolgbarkeit eine unabdingbare Krisenvorsorge», so Friedli. Das BLV hat in einem Schreiben an die Kantonstierärzte inzwischen die Nachmarkierungspflicht gelockert.

Der Schweizer Tierschutz stellt sich grundsätzlich hinter den Bund: «Die Markierung von Einzeltieren erachten wir als sehr wichtig, damit man die Herkunft der Tiere eruieren kann», sagt Cesare Sciarra, Leiter des Kompetenzzentrums Nutztiere. Wenn sich aber gesundheitliche Probleme zeigen würden, müsse man diese analysieren und nach einer anderen Lösung suchen.

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58 Kommentare
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aaa

26.08.2020, 18:49

und wo ist der Tierschutz?

Emil

26.08.2020, 14:03

Eine EU Verordnung von 2003 Danke Bundesrat Für den Weg meiner Heimat zu einem Vassallenstaat der EU

Husarin

26.08.2020, 08:50

Ich frage mich langsam aber sicher, für was man den Bund eigentlich noch braucht!