Morganella-Skandal: Die Olympia-Chronologie des Grauens
Aktualisiert

Morganella-SkandalDie Olympia-Chronologie des Grauens

84 Jahre lang warteten die Schweizer Kicker auf eine Olympia-Teilnahme – und dann sorgt ausgerechnet einer der ihren für einen Skandal. Doch das Übel begann lange vor den Spielen.

von
Felix Burch
Cardiff

Pierluigi Tami ist ein ruhiger, besonnener Mann und er ist ein Gentleman. Er machte die U21-Nationalmannschaft letztes Jahr zum Vize-Europameister. Die kleine Schweiz wurde plötzlich wahr- und ernstgenommen auf der internationalen Fussballbühne, die hervorragende Junioren-Förderung gelobt.

Am Montagabend wollte der Tessiner, dem Umgangsformen äusserst wichtig sind, eigentlich über Fussball reden. Doch er durfte vorerst nicht. Stattdessen teilten Jean-Claude Donzé und Peter Knäbel vom SFV mit, Verteidiger Michel Morganella sei nicht nur nach Hause geschickt, ihm sei auch die olympische Akkreditierung entzogen worden. Knäbel sagte, man habe den Fussballern die Spielregeln im Zusammenhang mit den Sozialen Medien vor Olympia erklärt. Donzé fügte an: «Wir entschuldigten uns bei der südkoreanischen Olympia-Delegation und beim südkoreanischen Fussballverband für den Twitter-Vorfall

Wir hatten Probleme

Dann erst durfte sich Tami hinter das Mikrofon setzten. Zuvor hiess es, Fragen zum Morganella-Skandal seien keine erlaubt. Dem Trainer fiel es sichtlich schwer, über das Mexiko-Spiel zu sprechen. Dass ausgerechnet einer aus seinem Team die olympischen Werte mit den Füssen getreten hat, muss ihn besonders schmerzen. Doch er blieb ganz Profi und sagte in den wohl schwierigsten Minuten seiner Karriere: «Wir können den Viertelfinal immer noch erreichen. Es ist schwierig, aber möglich.» Am Rande erwähnte er, dass die Equipe schon im Vorfeld «Probleme» hatte.

Solche gab es tatsächlich zuhauf. Zuerst musste Tami eine Absage nach der anderen zur Kenntnis nehmen. Xherdan Shaqiri gab schon früh bekannt, dass er nicht zur Verfügung stehe. Dass dann auch noch Granit Xhaka und Valon Behrami in letzter Minute nicht freigegeben wurden für Olympia, enttäuschte den Coach sehr und schwächte das Team empfindlich.

Die Negativmeldungen gingen weiter: Das späte Einrücken von Ricardo Rodriguez und Timm Klose sorgte vor der Reise nach England erneut für Unruhe. Schliesslich ging das einzige Vorbereitungsspiel gegen Senegal nach einer schwachen Vorstellung mit 0:1 verloren.

Der Twitter-Skandal als Negativhöhepunkt

Es folgte der Auftakt-Match gegen Gabun in Newcastle. Oliver Buff holte sich in der 78. Minute eine Gelb-Rote Karte und die Schweiz verpasste die angestrebten drei Punkte. Auf der Fahrt nach Coventry verpflegten sich einige Spieler mit Fast Food, am Sonntag verlor die Mannschaft trotz einer besseren Leistung gegen Südkorea mit 1:2. Morganella wurde nach einer Schwalbe vom Publikum gnadenlos ausgepfiffen. In der Mixed Zone verhielten sich nach dem Match nicht alle Spieler so, wie man es von Profi-Sportlern erwarten darf. Und zum Schluss folgte der Eklat mit Morganella, der die Südkoreaner per Twitter auf üble Weise beleidigte.

Einiges lief schief, es war Pech dabei und es gibt zahlreiche Spieler, die sich bisher absolut «olympiawürdig» verhielten. Dennoch dürften dem Schweizerischen Fussballverband in den nächsten Tagen einige unangenehme Fragen gestellt werden. Der richtige Zeitpunkt darüber zu diskutieren, sei aber nicht jetzt, sondern nach den Olympischen Spielen, sagt Tami.

Nun ist volle Konzentration auf das Mexiko-Spiel gefragt. Gewinnen die Schweizer mit mindestens zwei Toren Differenz, ist die Mannschaft trotz allem für das Viertelfinale qualifiziert. Es wäre die beste Antwort auf die offenen Fragen und den völlig verpatzten Olympia-Auftakt.

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