«Heiler» vor Gericht: «Die Opfer sind auf mich gehetzt worden»
Aktualisiert

«Heiler» vor Gericht«Die Opfer sind auf mich gehetzt worden»

Der «Heiler von Bern» weist auch vor Gericht sämtliche Vorwürfe zurück und sieht sich als Opfer einer Verschwörung. Das Protokoll der Einvernahme durch Staatsanwalt und Richter.

von
Adrian Müller

Tag 4 im Prozess gegen den «Heiler von Bern»: Gespannt, schon fast ehrfürchtig schaut der angeklagte Musiklehrer X. in die Zuschauerreihen, fährt sich durch die schwarzen, schulterlangen Haare und seinen angegrauten Bart. Er trägt einen schwarzen zerknitterten Sakko. Mit seinen Füssen wippt er hin und her – er ist sichtlich angespannt.

Eine Therapeutin steht ihm während der Einvernahme bei, da die Belastung für den Heiler offenbar sehr gross ist. Der schweizerisch-italienische Doppelbürger spricht Hochdeutsch mit italienischem Akzent, redet viel, springt zwischen Themen hin und her. Und erhebt schon mal die Stimme gegen den Richter. Das Protokoll der Einvernahme.

Staatsanwalt Fleischhackl: Wie erklären Sie sich, dass zwei Opfer lange vor Eröffnung des Strafverfahrens von einer Akupunktur mit einem schmerzhaften Stich durch Sie gesprochen haben?

Diese Leute haben wohl eher einen Stich im Kopf. Eines der Opfer war damals mein bester Freund. Ich habe nie mit ihnen eine Akupunktur durchgeführt. Ich hatte solche Nadeln nie in meiner Wohnung. Hingegen habe ich spirituelle Energie auf den schmerzenden Punkt der Patienten geführt und ihnen etwa eine Stein-Behandlung erklärt. Wenn Gott es für richtig gehalten hatte, fand dann so eine Heilung statt.

Angeblich ist keine Musiklektion vergangen, ohne dass sie nich über HIV referiert hätten. Wie stehen Sie zum Thema Aids? Halten Sie die Krankheit für eine Strafe Gottes?

Gott bestraft niemanden, sondern verbreitet nur Liebe. Aber im Leben kommt alles auf einem zurück. Damals habe ich aber nie explizit über Aids gesprochen.

Auch den Vorwurf eines Zivilkläger-Anwaltes bestritt X. vehement.

Eine frühere Gitarrenschülerin sagte aus, dass sie jedes mal miteinander geschlafen haben, wenn sie sich gesehen haben. Was sagen Sie dazu?

Sie war in mich verliebt, ich aber nicht in sie. Als Musiklehrer muss man eine Distanz zu den Schülern haben. Ich habe aber gekämpft, dass sie von Zuhause ausziehen kann. Ich wollte ihr nur helfen, dass sie ein selbstständiges Leben führen kann. Zwischen uns ist etwas gelaufen, es gab aber keine sexuelle Beziehung.

Zuvor hatte Richter Urs Herren den Angeklagten befragt.

Herren: Wie viele Musikschüler haben Sie noch, wie geht es Ihnen?

X.: Mir sind alle Musikschüler davongelaufen, von den einst über 40 ist mir nur noch einer geblieben. Die Medienberichte haben mein Geschäft zerstört. Wenigstens gehört mein Mehrfamilienhaus immer noch mir. Meine Frau hat sich von mir scheiden lassen und ist 2009 mit meinem Kind abgehauen, ohne ein Wort zu sagen. Ich bin derzeit in psychologischer Behandlung und nehme Schlafmittel, ich gehe einmal pro Woche zur Gesprächstherapie. Freunde habe ich nur noch einige wenige - die stehen mir aber bei.

Das Gericht hat ein psychologisches Gutachten von Ihnen anfertigen lassen. Was sagen Sie dazu?

Ich distanzierte mich vehement davon, die zuständige Psychiaterin ist stark befangen. Sie wurde von meiner Ex-Frau beeinflusst, die Anzeige wegen Nötigung gegen mich eingereicht hat.

Sie haben Ihren Musikschülern ein «Stärkungsmittel» angeboten. Was war dort drin?

Ich habe Echinaforce mit ein bisschen Alkohol gemixt. Ich wollte die Schüler so anspornen, damit sie ihre Ziele erreichen. Das war kein Betäubungsmittel.

Was sagen Sie zu den Vorwürfen, 16 Leute mit HIV angesteckt zu haben?

Ich bestreite sämtliche Anschuldigungen. Es muss sich um jemanden anders handeln, der die Behandlungen vorgenommen hat und alles verursacht hat. Denn ich habe nie eine Akupunktur-Behandlung durchgeführt, ausser bei meiner Ex-Frau. Mir wird alles in die Schuhe geschoben. Mehrere meiner Musikschüler haben hingegen vor dem Unterricht Drogen konsumiert, sie sind teils ‹stark beeinträchtigt› in die Musikstunde gekommen und sind fast eingenickt. Wahrscheinlich haben sich die infizierten Personen beim Drogenkonsum oder bei gegenseitigen sexuellen Kontakten angesteckt. Die Infektion kann keinesfalls von einer Akupunktur stammen. Es ist schon merkwürdig, dass nun alle Opfer die gleiche Geschichte erzählen, nachdem sie von Ärzten des Inselspitals auf mich hingewiesen worden sind! Ich habe kein Motiv, meine Schüler infiziert zu haben. Dann könnten sie ja nicht mehr zu mir in den Unterricht kommen und würden wahrscheinlich sterben. Ich hatte mit niemandem Streit. Eines der Opfer war ja gar mein bester Freund.

In den Akten steht, sie hätten dem HIV-infizierten Opfer D. wiederholt Blut entnehmen wollen?

Das habe ich nie gemacht und wollte ich nie. Ich habe von niemandem Blut beschafft. Mit gutem Grund: Ich habe eine schlimme Blut-Phobie. Bei der Geburt meiner Tochter habe ich Medikamente genommen, um das Blut ertragen zu können. Darum will ich dem Gericht auch keinen neuen Aids-Test vorlegen.

Warum sollen die mit HIV infizierten Opfer ein Motiv haben, solche Anschuldigungen gegen Sie zu erheben?

Sie sind auf mich gehetzt worden. Einige dieser Leute von der Schule sind Sozialfälle und haben Existenzängste, einige wollen Rache oder mein Mehrfamilienhaus an sich reissen. Meiner Ex-Frau wurde von der Verwandtschaft eine Gehirnwäsche verpasst, sie trägt quasi zwei Persönlichkeiten in sich. Darum erhebt sie jetzt diese Anschuldigungen gegen mich.

Der Heiler-Prozess

X., Musiklehrer und selbsternannter Heiler, soll 16 Patienten und Schüler mit HIV-verseuchten Nadeln gestochen und so infiziert haben. Nach acht Jahren Untersuchung muss sich der «Heiler von Bern» vor dem Regionalgericht Bern-Mittelland verantworten. Bis heute sass der Angeklagte in einem Nebenzimmer und verfolgte von dort den laufenden Prozess, jetzt tritt er zum ersten Mal vor den Richter.

Bisher haben jene 13 Opfer vor Gericht ausgesagt, die auch als Privatkläger auftreten, darunter zwei ehemalige Patienten und die Ex-Freundin des Musiklehrers. Die Kläger liessen keine Zweifel aufkommen, dass X. sie während einer vermeintlichen Akupunktur-Behandlung angesteckt hat, die Ex-Freundin erzählte vor Gericht, dass der Angeklagte sie geschlagen, bedroht und mit einem Getränk betäubt habe.

Auch das am vergangenen Donnerstag vorgestellte phylogenetische Gutachten belastet den Heiler schwer: Die Viren der Opfer hätten ganz klar denselben «Stammbaum», sagte Jörg Schüpbach vom Nationalen Zentrum für Retroviren der Universität Zürich vor Gericht. Die Untersuchungen lege den Schluss nahe, dass sich alle 16 Personen aufgrund derselben Quelle infiziert hätten, so der Gutachter.

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