Aktualisiert 08.12.2011 14:43

Zuppigers Erbsünde

«Die Parteileitung war unglaublich naiv»

Der Fall Zuppiger wird zum Fall SVP. Parteimitglieder kritisieren die SVP-Spitze scharf, weil diese von den Vorwürfen wusste. Die Nomination sei eine grobe Fehleinschätzung gewesen.

von
Jessica Pfister
Hat die Parteileitung der SVP Bruno Zuppigers Geschichte unterschätzt? Christoph Blocher, Toni Brunner und Caspar Baader am Donnerstag im Bundeshaus.

Hat die Parteileitung der SVP Bruno Zuppigers Geschichte unterschätzt? Christoph Blocher, Toni Brunner und Caspar Baader am Donnerstag im Bundeshaus.

Bei der SVP ist nach den Enthüllungen um den Bundesratskandidaten Bruno Zuppiger Feuer im Dach. Dabei geht es nicht nur darum, dass die «Weltwoche» in ihrer aktuellen Ausgabe dem SVP-Bundesratskandidaten die Veruntreuung einer Erbschaft vorwirft, sondern vor allem auch um die Tatsache, dass die SVP-Leitung darüber Bescheid wusste - und Zuppiger dennoch den Segen gegeben hat.

Für SVP-Ständerat This Jenny ist klar, dass die Parteispitze die Fraktion über Zuppigers Erbschaftssünde hätte informieren müssen. «Dann wäre die Nomination wahrscheinlich anders ausgefallen», glaubt Jenny. So ein grobes Vergehen könne nicht einfach als erledigt angesehen werden. «Das war eine völlige Fehleinschätzung der Parteileitung», kritisiert Jenny.

Kam die Information von der SVP?

Ins gleiche Horn stösst Parteikollege Oskar Freysinger. «Ich staune über die unglaubliche Naivität der Parteileitung», sagt er zu 20 Minuten Online. Es sei doch völlig klar, dass Bundesratskandidaten vor einer Wahl von den Medien durchleuchtet werden. «Das hätte man einfach wissen müssen.» Auch für den Zürcher SVP-Nationalrat Toni Bortoluzzi ist klar, dass die Führungsspitze die Angelegenheit unterschätzt hat.

Ein weiteres Fraktionsmitglied, das anonym bleiben will, hegt den Verdacht, dass die ganze Geschichte von Vertretern aus der SVP selbst eingefädelt worden ist. Es sei schon verdächtig, dass die Parteileitung am Mittwoch unmittelbar nach der Vorabmeldung der «Weltwoche» eine Medienmitteilung verschickt - und erst noch in einer deutschen und in einer französischen Version. Normalerweise würde eine Übersetzung doch ein Weilchen dauern.

«Wissen nicht, was Zuppiger gesagt hat»

Der Zürcher SVP-Kantonalpräsident Alfred Heer will nichts von solchen «Verschwörungstheorien» wissen. «Damit würden wir uns ja selber schaden.» Aber auch er ist nicht glücklich darüber, dass die Parteileitung niemanden aus der Fraktion informiert hat. Trotzdem nimmt er die Führungsriege mit Fraktionschef Caspar Baader, Parteipräsident Toni Brunner und Christoph Blocher in Schutz: «Wir wissen nicht, was Zuppiger der Parteileitung genau gesagt hat.» Für Heer liegt die Schuld vor allem bei Zuppiger selbst. «Mit dieser Vorgeschichte hätte er gar nicht erst antreten sollen.»

Auch sein Zürcher Parteikollege Hans Fehr ist der Meinung, dass die Lagebeurteilung der Parteispitze dannzumal richtig gewesen sei. «Heute sieht die Lage vielleicht etwas anders aus.» Eine aktuelle Beurteilung nimmt die SVP-Fraktion ab 13 Uhr an einer ausserordentlichen Sitzung vor. Danach soll informiert werden.

(Mitarbeit: mdr)

Die SVP informiert im Anschluss an ihre ausserordentliche Fraktionssitzung über die Beschlüsse. Die Medieninformation soll ungefähr um 15 Uhr stattfinden, kann sich aber je nach Dauer der Diskussionen auch verzögern. 20 Minuten Online berichtet live.

Das sagt Politexperte Michael Hermann zur Situation rund um SVP-Bundesratskandidat Bruno Zuppiger:

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(Video: Keystone)

Rolle von «Weltwoche» und Blocher

Dass die Publikation der brisanten Vorwürfe gegen SVP-Kandidat Bruno Zuppiger ausgerechnet in der «Weltwoche» geschah, sorgt im Bundeshaus für Verwirrung und Spekulationen. Da dem «Weltwoche»-Chefredaktor eine grosse Nähe zu Blocher nachgesagt wird und die beiden laut eigenen Angaben auch regelmässig Kontakt haben, erscheint es praktisch ausgeschlossen, dass der Artikel ohne Wissen und ohne zumindest stillschweigender Zustimmung Blochers veröffentlicht wurde - selbst wenn die Informationen über die Vorgänge nicht aus SVP-Kreisen stammen.

Doch selbst bei SVP-Parlamentariern gibt es Spekultationen, dass die Informationen aus der eigenen Partei stammen - zumal die Parteileitung ja laut eigenen Angaben von den Vorwürfen wusste. Diese Möglichkeit sorgt für Kopfschütteln und Verwirrung. Die Rede ist von zwei möglichen Erklärungen dafür. Erstens könnten Hardliner Zuppiger abschiessen wollen, weil dieser ihnen in mehreren Punkten wie beispielsweise der Personenfreizügigkeit zuwenig auf der Parteilinie ist. Die Parteileitung um Blocher hätte damit nichts zu tun.

Zweitens ist die Rede von einer Abrechnung mit Zuppiger. Die Parteispitze und insbesondere Blocher hätte noch eine Rechnung mit Zuppiger offen gehabt - wegen früheren kritischen Äusserungen. Der Zürcher Nationalrat sei als Kandidat lanciert worden im Wissen um die Vorwürfe. Danach sei es gezielt zu Indiskretionen gekommen, um Zuppiger als Politiker zu diskreditieren und ihm eine Karriere in der Regierung zu verunmöglichen. Lukas Mäder

Keine «Weltwoche» erhältlich

Selten sorgt eine Geschichte der «Weltwoche» für soviel Interesse im Bundeshaus, wie die aktuelle Ausgabe von Donnerstag mit den Vorwürfen gegen Bruno Zuppiger. Die Parlamentarier sind es sich gewohnt, in den Vorzimmern der Ratssäle täglich eine umfassende Sammlung der Schweizer Medienprodukte in ausreichender Zahl vorzufinden - damit sie nicht zuletzt auch lesen können, ob sie richtig zitiert wurden.

Doch ausgerechnet am Donnerstag war im Bundeshaus keine «Weltwoche» greifbar. Das Gerücht machte die Runde, das Magazin sei möglicherweise bereits Anfang Vormittag vergriffen - was natürlich schmeichelhaft für die Publikation gewesen wäre. Doch die Nachfrage bei den Mitarbeitern ergab, dass gar keine aktuelle «Weltwoche» angeliefert worden war. Grund war aber nicht die brisante Veröffentlichung. Wie die Parlamentsdienste versicherten, sei es bereits in der letzten Session im September jeweils zu Lieferproblemen gekommen. (mdr)

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