Verspätungen bei der SBB: «Die Pendler sind immer weniger tolerant»
Aktualisiert

Verspätungen bei der SBB«Die Pendler sind immer weniger tolerant»

Verkehrssoziologe Timo Ohnmacht erklärt, was die Verspätungen im Tessin für die SBB bedeuten, und warum wir uns so darüber aufregen.

von
Nikolai Thelitz
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Platz 10 und 9 der unpünktlichsten Zugverbindungen gehen an zwei Regio-Express-Züge im Tessin mit den Nummern 25528 und 22530. Sie verkehren jeweils abends von Chiasso nach Lugano.

Platz 10 und 9 der unpünktlichsten Zugverbindungen gehen an zwei Regio-Express-Züge im Tessin mit den Nummern 25528 und 22530. Sie verkehren jeweils abends von Chiasso nach Lugano.

Davide Agosta
Platz 8 geht an den Extrazug 2087 der RhB. Er fährt von Davos nach Chur und ist bei 72,5 Prozent der Stopps verspätet.

Platz 8 geht an den Extrazug 2087 der RhB. Er fährt von Davos nach Chur und ist bei 72,5 Prozent der Stopps verspätet.

Keystone/Gaetan Bally
Platz 7: Der TGV 9277 von Paris nach Lausanne. In drei von vier Fällen kommt der Zug verspätet an.

Platz 7: Der TGV 9277 von Paris nach Lausanne. In drei von vier Fällen kommt der Zug verspätet an.

Keystone/Laurent Gillieron

Herr Ohnmacht, aus Italien kommen die Züge oft zu spät in der Schweiz an. Wird das für die SBB zum Imageproblem?

Die Pünktlichkeit ist für die SBB natürlich sehr wichtig, der Prozentsatz an Kunden, die rechtzeitig ankommen, hat politisches Gewicht. Sie sollte also versuchen, in Problem-Regionen möglichst schnell zu intervenieren. Ein Imageproblem sehe ich jedoch noch nicht, weil das System schweizweit ja sehr gut funktioniert.

Warum regen wir uns über kleine Verspätungen so sehr auf?

Es ist ja so, dass viele Pendler einen Anschlusszug erwischen müssen. Sie reisen nicht von Zürich nach Bern, sondern weiter nach Ittigen. Da kommt es auf wenige Minuten an. Die Schweiz ist ein Land von Pendlern, und in der Regel können wir uns auf Pünktlichkeit verlassen. Wegen einer Verspätung den Anschluss zu verpassen, ist eher ein Ausnahmefall, den wir verhindern wollen. In der Regel planen die Bahnunternehmen genug Puffer-Zeit zum Umsteigen ein, die Pendler können hier leicht überreagieren.

In anderen Ländern sind die Leute entspannter, obwohl die Züge unpünktlicher sind. Warum?

Deutschland oder Frankreich sind grosse Länder mit weiten Wegen und komplexen Bahnnetzen. Die Deutschen und Franzosen haben sich ein Stück weit daran gewöhnt, dass Züge verspätet sind oder ausfallen. In der Schweiz sind Bern, Basel Zürich und Luzern jeweils nur eine Stunde voneinander entfernt. Das macht das Ganze überschaubarer und planbarer. Gleichzeitig sind die Leute auch weniger tolerant, was Verspätungen angeht.

Haben Smartphones mit Verspätungs-Angaben in den Apps unseren Drang nach Pünktlichkeit noch verstärkt?

Einerseits bringen die Smartphones mehr Flexibilität im Alltag. Wenn meine Verbindung verspätet ist, kann ich schnell eine Alternative suchen. Wenn ich wegen einer Verspätung mein Kind nicht aus der Krippe abholen kann, schreibe ich schnell meinem Partner. Andererseits haben wir unseren Tag dank der Digitalisierung auch stärker durchgeplant, eine Verspätung bringt uns eher aus dem Konzept.

Pro Bahn will den Verspätungen mit einem Ausbau zu Leibe rücken. Funktioniert das?

Teilweise gibt es sicher Engpässe, die man mit einem Ausbau beheben kann. Das Bahnnetz in der Schweiz ist teils sehr stark ausgelastet, das bringt eine Fehleranfälligkeit mit sich. Doch man muss auch bedenken: Ein grösseres Angebot schafft eine grössere Nachfrage. Wenn man die Strecken ausbaut und es bessere und schnellere Verbindungen gibt, pendeln die Leute weiter. Die Probleme könnten also bestehen bleiben.

Timo Ohnmacht ist Verkehrssoziologe an der Hochschule Luzern.

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