Aktualisiert 02.04.2020 08:21

EDA nimmt Stellung

«Die perfekte Schweiz ist an Grenzen gestossen»

Zehntausende Schweizer sitzen noch im Ausland fest. Das EDA versucht, die Touristen heimzuholen. Das kann teuer werden.

von
Daniel Graf
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Die Ferien der 36-jährigen Mona Seiler wurden wegen des Coronavirus zum Albtraum.

Die Ferien der 36-jährigen Mona Seiler wurden wegen des Coronavirus zum Albtraum.

zVg
Aufgrund der Ausgangssperre in Indien fühle sie sich manchmal wie im Gefängnis, sagt Seiler.

Aufgrund der Ausgangssperre in Indien fühle sie sich manchmal wie im Gefängnis, sagt Seiler.

Seiler sitzt in Chennai fest, nachdem sie von der Polizei von Neill Island vertrieben wurde. Grund ist die Angst vor dem Coronavirus.

Seiler sitzt in Chennai fest, nachdem sie von der Polizei von Neill Island vertrieben wurde. Grund ist die Angst vor dem Coronavirus.

Das Eidgenössische Departement für Auswärtige Angelegenheiten (EDA) koordiniert derzeit die grösste Rückholaktion von Schweizern aus dem Ausland, die es je gegeben hat. «Wir wissen nicht genau, wie viele Schweizer noch gestrandet sind. Doch allein auf unserer Travel-App waren am Mittwoch noch über 12'000 Reisen registriert», sagt Johannes Matyassy, Direktor der konsularischen Dienste, gegenüber 20 Minuten.

Als zu Beginn viele Flüge eingestellt wurden und das EDA kommunizierte, die Schweizer sollten sich wenn möglich selber helfen, seien die Hotlines teilweise überfordert gewesen: «Viele waren sehr besorgt und erwarteten von uns, dass wir sie sofort aus ihrer misslichen Lage befreien», sagt Mattyassy. Der Ton sei nicht immer freundlich gewesen, was das EDA durchaus verstanden habe. Das habe sich mit Beginn der Rückholaktion aber geändert: «Seit wir mit den Rückflügen angefangen haben, haben die Menschen eine Perspektive, die Lage hat sich etwas beruhigt.»

«Schweizer haben eine Vollkasko-Mentalität»

Dennoch hätten die Schweizer teils nach wie vor eine Vollkasko-Mentalität: «Uns rufen etwa Eltern an und sagen, ihre Tochter sei in Indien in einem Yoga-Kurs gewesen. Wir sollen sie jetzt gefälligst heimholen, da sie nicht mehr allein nach Hause komme.» Mattyassy betont, dass das EDA Verständnis habe für die Lage der Menschen. «Die aktuelle Krise zeigt uns aber, dass auch die Schweiz, wo wir uns gewohnt sind, dass alles immer perfekt funktioniert, an ihre Grenzen stossen kann.»

Das EDA und seine Vertretungen auf der ganzen Welt arbeiteten derzeit rund um die Uhr. «In vielen Ländern gibt es hohe Hürden, und die Rückführaktionen benötigen viel diplomatisches Geschick», sagt Matyassy. Er nennt Peru als Beispiel: «Erst als Bundesrat Cassis intervenierte, bekamen wir die Erlaubnis für den Flug von Zürich nach Lima und wieder zurück.» Doch die Schweizer mussten erst nach Lima kommen: «Weil uns Inlandflüge nicht gestattet wurden, mussten wir sie mit Bussen aus dem ganzen Land nach Lima bringen.»

«Bieten keine Gratisflüge an»

Dieser Aufwand kostet. Zwar werden die Charterflüge vom EDA vorfinanziert, doch die zurückgeholten Schweizer müssen sich nachträglich an den Kosten beteiligen. «Wie viel das sein wird, wissen wir erst, wenn die Aktion abgeschlossen und berechnet ist», sagt Matyassy. Der Anteil der Passagiere werde sich in einem fairen und marktüblichen Rahmen bewegen und sicher nicht ganz kostendeckend sein, doch: «Gratisflüge sind das nicht.»

Wer im Ausland festsitzt und kein Geld mehr habe oder dringend Medikamente benötige, könne sich ebenfalls an die Schweizer Vertretung im entsprechenden Land wenden: «In Europa können wir Notkredite von bis zu 600 Franken pro Person, im Rest der Welt von bis zu 1200 Franken gewähren. Für medizinische Hilfe können bis zu 2200 Franken gesprochen werden», sagt Matyassy. Auch dieses Geld müsse innerhalb von 60 Tagen zurückbezahlt werden. Matyassy sagt aber auch: «Uns ist klar, dass dies in der jetzigen Situation nicht immer möglich ist.»

«Schweizer können auf ausländischen Flügen heimkehren»

Ebenfalls wichtig sei in der aktuellen Lage die internationale Solidarität: «Wir arbeiten eng mit anderen Ländern zusammen. Wenn es Platz hat, können Schweizer auf ausländischen Flügen mitfliegen und umgekehrt.» Bisher hielten sich die Zahlen in etwa die Waage: «Wir haben 742 Nicht-Schweizer zurückgeholt, 725 Schweizer konnten mit vom Ausland organisierten Flügen heimkehren.» Das EDA hat bereits über 2000 Schweizer Reisende zurückgeholt. «Diese Menschen sind uns jeweils sehr dankbar», sagt Matyassy. Das zeige sich in Hunderten Dankesbekundungen per E-Mail und auf Social Media, welche das EDA derzeit erhalte.

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