Werbung für Brust-OP: «Die perfekten Brüste als Konsumgut»

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Werbung für Brust-OP«Die perfekten Brüste als Konsumgut»

Schönheitschirurgen gehen offensiv auf Kundenjagd. Nun werden Forderungen nach einem Werbeverbot laut.

von
Laly Zanchi
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Am Bahnhof Zürich hängen seit einem Monat Plakate die für Brust-OPs werben. Sie wurden von der Zürcher Schönheitsklinik  Breast Atelier in  Auftrag gegeben.(Bild: Breast Atelier)

Am Bahnhof Zürich hängen seit einem Monat Plakate die für Brust-OPs werben. Sie wurden von der Zürcher Schönheitsklinik Breast Atelier in Auftrag gegeben.(Bild: Breast Atelier)

9800 Franken soll der neue Busen kosten. «Ziel dieser Kampagne ist nicht primär der Kundenfang», sagt die Sprecherin des Breast Aterliers Sandra Neeracher. Viel mehr gehe es darum, die Klinik als Marke bekannt zu machen und das Thema Schönheitsoperationen zu «enttabuisieren» (Bild: bz)

9800 Franken soll der neue Busen kosten. «Ziel dieser Kampagne ist nicht primär der Kundenfang», sagt die Sprecherin des Breast Aterliers Sandra Neeracher. Viel mehr gehe es darum, die Klinik als Marke bekannt zu machen und das Thema Schönheitsoperationen zu «enttabuisieren» (Bild: bz)

Auch auf Facebook wird geworben. Viele Schönheitschirurgen machen über die Sozialen Netzwerke auf ihr Angebot und Aktionen aufmerksam. (Quelle: Facebook)

Auch auf Facebook wird geworben. Viele Schönheitschirurgen machen über die Sozialen Netzwerke auf ihr Angebot und Aktionen aufmerksam. (Quelle: Facebook)

Seit einem Monat lächelt eine junge Frau im schwarzem Kapuzenpulli von einem riesigen Plakat die Pendler im Zürcher Hauptbahnhof an. Ihre Botschaft: «Meine Dinger. Mein Ding.» Ein paar Schritte weiter noch ein Plakat, diesmal eine Frau mit Nasenpiercing. «Ich mache es für mich», lautet ihr Motto. 9800 Franken soll der neue Busen kosten. Auch auf Facebook wird geworben: So spricht die Lucerne Klinik explizit «Busenfreundinnen» an und bietet Rabatte für Brustvergrösserungen im Doppelpack. Wer sich ins Fernsehen traut, kann die erträumte Oberweite sogar gratis bekommen.

Gratiseingriffe gehen zu weit

Hinter der Plakatwerbung steht die Schönheitsklinik Breast Ateliers. «Ziel dieser Kampagne ist nicht primär der Kundenfang», sagt Sprecherin Sandra Neeracher. Vielmehr gehe es darum, die Klinik als Marke bekannt zu machen und das Thema Schönheitsoperationen zu «enttabuisieren». «Das Bedürfnis nach ästhetischen Eingriffen ist da. Es wird nicht durch die Werbung kreiert.» Insgesamt habe das Breast Atelier allein in den letzten zwei Jahren über 700 Beratungen durchgeführt. Dabei würden Brustvergrösserungen meist von jüngere Frauen vorgenommen. Das Durchschnittsalter liege bei 24 Jahren, so die Sprecherin.

Die Werbeoffensive findet Neeracher unproblematisch: «Wenn Patientinnen mittels Spezialaktionen zum Eingriff überredet werden oder diesen sogar gratis angeboten bekommen, ist die Grenze aber definitiv überschritten.»

«Ein Konsumgut wie eine neue Uhr»

Urs Kiener von der Stiftung Pro Juventute kritisiert: «Solche Plakate vermitteln den Eindruck, dass die perfekten Brüste ein Konsumgut sind wie eine neue Uhr.» Der Druck, einen perfekten Körper zu haben, steige. Das Aussehen habe bei jungen Leuten einen immer grösseren Stellenwert. Kiener warnt vor Schnellschüssen: «Gerade junge Leute sollten sich zuerst gut mit der Frage auseinandersetzen, was ihnen die Operation bringt und ob sie andere Möglichkeiten haben, um ihr Selbstwertgefühl zu stärken.» Junge Menschen würden sich solche Investitionen meist nicht gut genug überlegen. Wichtig sei, dass Jugendliche lernen, solche Angebote kritisch zu hinterfragen.

Insbesondere Werbung auf Facebook treffe die Jungen genau an der Quelle ihrer Unsicherheiten. «In den sozialen Medien ist der Druck, sich attraktiv darzustellen, enorm hoch. Dies führt dazu, dass dort ihr Selbstwertgefühl sehr angreifbar ist». Es sei problematisch, wenn ihnen dort die angebliche Lösung gleich auf dem Silbertablett präsentiert werde.

Werbung weckt geheime Wünsche

«Für Schönheits-OPs öffentlich Werbung zu machen, ist unverantwortlich», sagt Patientenschützerin Margrit Kessler. Der Wunsch, sich unters Messer zu legen, gehe oft auf Unsicherheiten und psychologische Probleme zurück. Wer da noch jeden Tag am Bahnhof an einem riesigen Werbeplakat vorbeilaufen müsse, werde immer wieder auf geheime Wünsche und Vorstellungen aufmerksam gemacht. Da würden oft unüberlegte Entscheidungen getroffen.

Gemäss der Schweizerischen Gesellschaft für Plastische, Rekonstruktive und Ästhetische Chirurgie bewegen sich die Anbieter in einer rechtlichen Grauzone. Denn Ärzte dürften eigentlich gar keine Werbung machen, private Kliniken dagegen schon. Sie fordern ein Werbeverbot, wie es Frankreich kennt: «Nur so kann man garantieren, dass das Patientenwohl im Zentrum steht», sagt Sprecherin Catherine Perrin.

Die Schweiz ist eines der OP-freudigsten Länder der Welt. Mit 644 Operationen pro 100'000 Einwohner gilt sie als Vize-Weltmeister – nur in Brasilien legen sich die Menschen häufiger unters Messer als hier.

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