14.08.2020 03:04

Gaffer filmen, statt zu helfen«Die Person schrie ununterbrochen»

In der Nacht auf Mittwoch ist in Basel ein Velofahrer in eine plötzlich geöffnete Autotüre geknallt. Ein Fotograf leistete Erste Hilfe und wies Gaffer in die Schranken.

von
Elodie Kolb
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«Das Bild hat ein Passant gemacht, als die ganze Situation sich beruhigt hat und alles unter Kontrolle war», schreibt der Fotograf Jeton Shali zu diesem Bild.

«Das Bild hat ein Passant gemacht, als die ganze Situation sich beruhigt hat und alles unter Kontrolle war», schreibt der Fotograf Jeton Shali zu diesem Bild.

Jeton Shali
Der Fotograf Jeton Shali war zufällig vor Ort und leistete Erste Hilfe. Problematisch für ihn seien die Gaffer gewesen, die nicht geholfen hätten.

Der Fotograf Jeton Shali war zufällig vor Ort und leistete Erste Hilfe. Problematisch für ihn seien die Gaffer gewesen, die nicht geholfen hätten.

Google Street View
Er wies die Zuschauer in die Schranken und versuchte, dem Opfer ein Sicherheitsgefühl zu geben, bis die Sanitäter kamen.

Er wies die Zuschauer in die Schranken und versuchte, dem Opfer ein Sicherheitsgefühl zu geben, bis die Sanitäter kamen.

Google Maps

In der Nacht auf Mittwoch ist es in der Hammerstrasse in Basel zu einem «Türöffner-Unfall» gekommen. Ein Velofahrer war auf der Strasse unterwegs. Als bei einem parkierten Auto plötzlich die Türe geöffnet wurde, prallte er gegen sie und stürzte. «Plötzlich hörte ich einen Knall und Schreie», sagt der Fotograf Jeton Shali, der direkt nach dem Unfall vor Ort war, zu 20 Minuten. Er habe dann eine offene Autotüre und ein Velo am Boden liegen sehen. «Und eine Person. Sie lag am Boden und schrie ununterbrochen.»

Toprak Yerguz, Sprecher des Basler Justiz- und Sicherheitsdepartements, bestätigt auf Anfrage, dass bei der Polizei eine Meldung eingegangen ist und die Polizei im Anschluss im Einsatz war.

Den Vorfall bemerkte Shali auf dem Heimweg von einem Fotoauftrag. «Ich ging hin und merkte sofort, das Opfer dürfen wir jetzt unter keinen Umständen bewegen», sagt Shali, der im Militär Sanitäter war. Er habe in der Folge die Koordination der Betreuung an sich reissen müssen. Das Opfer habe seine Hand nicht mehr gespürt und Schmerzen im Nacken gehabt.

«Viele haben gegafft und fotografiert»

«Das Schlimme ist, innert kürzester Zeit bildete sich eine Menschentraube. Viele haben gegafft und fotografiert. Ich habe sie richtig angeschrien: Es gibt nichts zu glotzen! Ruft stattdessen die Ambulanz!», sagt Shali. Den Zwischenfall teilte er im Anschluss auf Facebook und machte seinem Ärger Luft: «Entweder ihr helft, oder ihr verpisst euch», schreibt er. Die Nutzer gratulieren ihm zu seiner Leistung und bedanken sich für die Hilfe.

Wollte dem Opfer Sicherheit vermitteln

Ihm sei es im Folgenden darum gegangen, dem Unfallopfer Sicherheit zu vermitteln. «Der Mann ist immer wieder weggetreten. Deshalb fragte ich ihn irgendwelches Zeug, wie nach seinem Namen, und habe einen seiner Freunde kontaktiert.»

Als der Verletzte durch die Sanitäter stabilisiert wurde, habe Shali noch mit Gaffern gesprochen. «Dieser Unfall hätte böse enden können: Das Opfer erlitt einen Schnitt am Hals, vier Millimeter von der Schlagader entfernt.»

Am Folgetag wurde Shali vom Unfallopfer kontaktiert: «Er sagte mir, er sei über den Berg. Kann aber wegen Nackenschmerzen nur Flüssignahrung zu sich nehmen.»

So leistet man Erste Hilfe

Erste Hilfe zu leisten, ist Pflicht: Wer einer verletzten Person nicht hilft, macht sich strafbar und muss mit einer Busse oder sogar einer Gefängnisstrafe rechnen. Dasselbe gilt für Gaffer, die im Weg stehen. Laut TCS führt Helfen vor Ort nach bestem Wissen für Laien zu keinen gerichtlichen Problemen.

Das Vorgehen bei Erster Hilfe ist klar strukturiert. Zuerst gilt: Schauen. Was ist passiert, und ist jemand verletzt? Dann kommt Denken, damit Gefahren für Opfer und Helfer erkannt und ausgeschlossen werden können. Erst danach wird gehandelt: Dabei sollte zuerst auf den Selbstschutz geachtet werden, dann der Notruf (144) alarmiert und erst in einem letzten Schritt Nothilfe geleistet werden, so der TCS. Zudem können Personen vor Ort zur Hilfe beigezogen werden.

Ist das Opfer keiner unmittelbaren äusseren Gefahr ausgesetzt und bei Bewusstsein, können Helfer sich um die Wundversorgung kümmern und psychologischen Beistand leisten. Bei einer bewusstlosen Person hingegen müssen die lebenswichtigen Körperfunktionen vom Helfer geprüft werden. Sind diese vorhanden, kann die Person in die Seitenlagerung bewegt werden.

Ist die betroffene Person bewusstlos und atmet nicht, muss gemäss Schweizerischem Samariterbund unverzüglich der Notruf 144 gerufen werden. Anschliessend muss mit der Wiederbelebung begonnen werden: Drücken Sie 30 Mal jeweils 5–6 cm tief mit einer Frequenz von 100 bis 120 Mal pro Minute fest und schnell in die Brustkorbmitte, gefolgt von 2 Beatmungsstössen. Achten Sie auf sichtbare Brustkorbbewegungen. Sie können auch nur die Herzdruckmassage ohne Beatmung durchführen. Falls ein Defibrillator (AED) vorhanden ist, schalten Sie das Gerät ein und befolgen Sie die Anweisungen.

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