Aktualisiert 12.02.2020 20:47

Bauern reagieren

Die Pestizid-Initiativen sind schon wirksam

Der Druck der Pestizid-Initiativen zeigt bei Bauern, Bund und Industrie bereits Wirkung. Die Branche will den Pestizid-Verbrauch senken.

von
P. Michel/ D. Krähenbühl
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«Tödliches Gift» oder «Pflanzenschutzmittel»? Über den Einsatz von Pestiziden in der Schweizer Landwirtschaft wird derzeit heftig gestritten.

«Tödliches Gift» oder «Pflanzenschutzmittel»? Über den Einsatz von Pestiziden in der Schweizer Landwirtschaft wird derzeit heftig gestritten.

Keystone/Alessandro Della Valle
Während die Trinkwasser- und die Pestizid-Verbote im Nationalrat debattiert wurden, war klar: Die Volksbegehren aus den Bürgerkollektiven zeigen bereits Wirkung.

Während die Trinkwasser- und die Pestizid-Verbote im Nationalrat debattiert wurden, war klar: Die Volksbegehren aus den Bürgerkollektiven zeigen bereits Wirkung.

Patrick Pleul
Zum einen hat das Bundesamt für Landwirtschaft kürzlich die Pestizide Chlorpyrifos und Chlorpyrifos-methyl aus der Zulassungsliste gestrichen. Die Mittel gehören bis heute zu den am häufigsten eingesetzten Insektiziden, obwohl ihr Einsatz umstritten ist.

Zum einen hat das Bundesamt für Landwirtschaft kürzlich die Pestizide Chlorpyrifos und Chlorpyrifos-methyl aus der Zulassungsliste gestrichen. Die Mittel gehören bis heute zu den am häufigsten eingesetzten Insektiziden, obwohl ihr Einsatz umstritten ist.

Keystone/Alessandro Della Valle

Über den Einsatz von Pestiziden in der Schweizer Landwirtschaft wird heftig gestritten: Für die einen sind es «tödliche Gifte», für die anderen «Pflanzenschutzmittel», die die Lebensmittelversorgung sicherstellen. Während die Trinkwasser- und die Pestizid-Initiative im Nationalrat heute Morgen debattiert werden, ist klar: Die Volksbegehren aus den Bürgerkollektiven zeigen bereits Wirkung.

Zum einen hat das Bundesamt für Landwirtschaft kürzlich die Pestizide Chlorpyrifos und Chlorpyrifos-methyl aus der Zulassungsliste gestrichen. Die Mittel gehören bis heute zu den am häufigsten eingesetzten Insektiziden, obwohl ihr Einsatz umstritten ist.

Mehrere Studien – unter anderem von den Universitäten Harvard und Berkeley – wiesen nach, dass der Einsatz des Gifts bei Embryonen zu Entwicklungsstörungen und Hirnschäden führen kann. Zudem seien die Produkte extrem giftig für Insekten, Vögel und Wassertiere, warnen die Umweltorganisationen Greenpeace und WWF. Sie begrüssen den Schritt (siehe Box).

Bauern setzen auf Alternativen

Der Druck der beiden Pestizid-Initiativen zeige auch bei Bauern und in der Forschung grosse Wirkung, sagt Andreas Bossard, Geschäftsleiter der Stiftung Vision Landwirtschaft. Es gebe kaum eine Versammlung von Bauern mehr, bei der der Pestizid-Einsatz nicht leidenschaftlich diskutiert werde.

«Viele überdenken, was für Gift sie ausbringen, verwenden Alternativen oder steigen gar auf Bio um.» So habe etwa der Verband IP-Suisse dieses Jahr ein Projekt initiiert, in dem pestizidfrei Getreide angebaut werde. Und im Thurgau hätten Bauern 2019 erstmals den Versuch gestartet, den Pestizideinsatz im Obstbau zu reduzieren.

Auch die Forschung habe auf den Druck reagiert und den Fokus geändert, stellt Bosshard fest. «Während es früher vor allem darum ging, die Auswirkungen der Pestizide auf Mensch und Umwelt noch besser zu untersuchen, steht jetzt endlich die Erforschung von Alternativen zum Pestizideinsatz im Fokus», sagt Bosshard. Wichtig sei, dass der Sinneswandel nach der Abstimmung auch im Fall einer Ablehnung anhalte. «Ansonsten wird die Landwirtschaft rasch wieder in die alte Sorglosigkeit im Umgang mit Pestiziden zurückfallen.»

Verdoppelung der Investitionen

Auch bei den Produzenten hat das Thema höchste Priorität. So haben sich verschiedene Produzenten-, Verarbeiter- und Konsumentenorganisationen im Januar 2019 hektisch zur «IG Zukunft Pflanzenschutz» zusammengeschlossen. Sie will bis 2030 nachhaltige Alternativen zu den umstrittensten Pflanzenschutzmitteln entwickeln und dafür die Investitionen verdoppeln – auch aus Angst vor Verboten.

«Es muss etwas passieren, aber nicht mit ‹weltfremden› Initiativen», findet Geschäftsführer Christian Schönbächler. Die Initiativen sind ihm zu radikal. «Die Produzenten benutzen Pflanzenschutzmittel nicht, weil sie Spass daran haben», sagt Schönbächler. Seit 2018 teste man Pflanzenschutzroboter, durch die man bei Kopfsalaten 85 Prozent an Pflanzenschutzmitteln einsparen könne. Ebenfalls setze man vermehrt auf Nützlinge und baue resistente Sorten an.

Bund verbietet schädliches Pestizid

«Auch in der Schweiz wurden jahrzehntelang Kartoffeln, Zuckerrüben oder Weintrauben mit dem Insektizid Chlorpyrifos bespritzt», sagt Philippe Schenkel, Landwirtschaftsexperte bei Greenpeace. Dass sich das Bundesamt für Landwirtschaft (BWL) endlich für ein Verbot von Chlorpyrifos und Chlorpyrifos-methyl eingesetzt hat, sei erst ein erster Schritt: Dutzende von Pestiziden seien weiterhin frei zugänglich und dürften von Land- und Forstwirten, im Gartenbau oder von Unterhaltsdiensten eingesetzt werden.

«Wir schätzen, dass etwa die Hälfte der heute rund 300 zugelassenen Pestizid-Wirkstoffe in der Schweiz gefährlich sind und Mensch und Tier erheblich schaden», sagt Schenkel. Dass derart toxische Wirkstoffe in der Schweiz legal eingesetzt werden können, ist für ihn «absurd».

Das fordern die Initiativen

«Für eine Schweiz ohne synthetische Pestizide» eines Westschweizer Bürgerkollektivs geht noch weiter. Sie will synthetische Pestizide gänzlich verbieten. Auch der Import von Produkten, die damit behandelt wurden, wäre nicht erlaubt.

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