16.03.2017 06:18

Neuer Trend

Die Pfeife hat ihr Grossvater-Image verloren

Lange war die Pfeife dem Grossvater vorbehalten. Doch plötzlich ist Pfeifenrauchen auch bei jungen Erwachsenen in – zum Missfallen der Lungenliga.

von
Camille Kündig
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Raphael Stalder (31), Informatiker aus Zürich, raucht gerne Pfeife: «Sie hilft mir abzuschalten. Ich trinke dazu oft Tee oder auch ein Glas Whisky.»

Raphael Stalder (31), Informatiker aus Zürich, raucht gerne Pfeife: «Sie hilft mir abzuschalten. Ich trinke dazu oft Tee oder auch ein Glas Whisky.»

Raphael Stalder
Das Pfeifenrauchen unter Kollegen – das ist die Devise vom Pfeifenverein PV DampfLok 6-12. Die zehn Walliser Mitglieder, alle zwischen 18 und 40, treffen sich alle zwei Monate zum gemeinsamen Pfeifenrauchen.

Das Pfeifenrauchen unter Kollegen – das ist die Devise vom Pfeifenverein PV DampfLok 6-12. Die zehn Walliser Mitglieder, alle zwischen 18 und 40, treffen sich alle zwei Monate zum gemeinsamen Pfeifenrauchen.

Rafi Imhof
Der Aktuar und aktuelle Klubmeister, Rafi Imhof, erzählt: «Wir organisieren auch jedes Jahr eine Klubmeisterschaft. Diese gewinnt derjenige Raucher, der seine Pfeife am langsamsten rauchen kann.» Derzeit stehe der Rekord – von ihm persönlich aufgestellt – bei einer Stunde und rund 15 Minuten.

Der Aktuar und aktuelle Klubmeister, Rafi Imhof, erzählt: «Wir organisieren auch jedes Jahr eine Klubmeisterschaft. Diese gewinnt derjenige Raucher, der seine Pfeife am langsamsten rauchen kann.» Derzeit stehe der Rekord – von ihm persönlich aufgestellt – bei einer Stunde und rund 15 Minuten.

Rafi Imhof

Tabak- und Pfeifengeschäfte freuen sich über ein neues Kundensegment: Vermehrt interessiert sich auch die junge Generation für das Pfeifenrauchen. Sam Reuter, Senior Manager beim Tabakhersteller Davidoff, sagt: «In unseren Läden kaufen immer mehr junge Erwachsene Pfeifen. Ich glaube, es handelt sich um einen Trend, der von Hollywood-Blockbustern beeinflusst wurde.» Gewisse junge Raucher hätten sich das Pfeifenrauchen aber auch beim Grossvater abgeschaut, so Reuter.

Die Tendenz könne man auch an den Verkaufszahlen ablesen: «Wir haben im Jahr 2016 fast 60 Prozent mehr Pfeifen und 10 Prozent mehr Pfeifentabak verkauft als im Jahr 2015.» Zudem hätten viele junge Erwachsene in der Vorweihnachtszeit Startersets – inklusive Pfeifenstopfer, Feuerzeug und Tabak – gekauft.

Der Zigarrenhersteller hat letztes Jahr auch extra eine fruchtige und süssliche Tabaklinie lanciert, die diese neuartige und junge Klientel ansprechen soll. Ausserdem hat das Geschäft neue Pfeifen auf den Markt gebracht, die von Form und Design her ein jüngeres Publikum bedienen sollen. Der Stil, der sei wichtig, denn: «Die Pfeife ist zum Modeaccessoire geworden», sagt Reuter.

«Sehnsucht nach Ruhe»

Auch im Pfeifengeschäft Roman Peter macht sich der Trend bemerkbar. Mitarbeiterin Rebekka Bunday erzählt: «Zu unserer Kundschaft zählen seit einiger Zeit deutlich mehr junge Männer.» Sie vermutet dahinter eine gewisse Sehnsucht nach Ruhe: «Viele Kunden erzählen mir, dass die Pfeife eine Art ‹Anti-Stress-Effekt› auf sie habe.» Pfeifenraucher wollten nicht eine Sucht beruhigen, sie möchten nach Feierabend in aller Ruhe eine Art «Ritual» zelebrieren und genüsslich an ihrer Pfeife paffen, so Bunday.

Der Geschäftsführer des Tabak-Spezialgeschäft Bender Cigars, Hans-Peter Gugger, sagt, seine jungen Kunden würden ihre Pfeife oft vor einem Film mit einem Glas Rotwein geniessen. Auf der Strasse sehe man die Pfeifenraucher deshalb eher selten: «Das spielt sich alles hinter verschlossenen Türen ab oder unter Kollegen.» Viele konsumierten lediglich Pfeifentabak und würden etwa auf Zigaretten verzichten.

«Gegenbewegung zum ständigen Online-Sein»

Auf einen Aufruf von 20 Minuten haben sich Dutzende junge Pfeifenraucher gemeldet. Einer von ihnen ist der Informatiker Raphael Stalder (31): «Mein Grossvater hat sich regelmässig eine Pfeife gestopft. Seit er verstorben ist, habe ich den speziellen Duft des Tabaks vermisst. Das Pfeifenrauchen hilft mir ausserdem abzuschalten und mich zu entspannen.» Dazu trinke er oft Tee oder auch ein Glas Whisky. Allgemein gehe in Bezug auf Trends vieles in Richtung Vergangenheit, meint Stalder. «Plattenspieler sind nun ja auch wieder total in.»

Auch Frauen rauchen Pfeife

Dominic Wirth (18) raucht zwei- bis dreimal pro Woche eine Pfeife. «In meinem Freundeskreis machen das viele.» Es gehe ihm dabei um eine Art Gegenbewegung zum ständigen Online-Sein: «So schauen wir nicht einfach starr in unsere Smartphones, sondern machen etwas zusammen und führen dabei interessante Gespräche.» Er wisse schon, dass das Pfeifenrauchen schädlich ist. «Aber Alkohol ist ja auch nicht gesund, und wir konsumieren ihn trotzdem.»

Vereinzelt scheinen auch Frauen auf den Trend aufzuspringen: Sonja Grob (29) erzählt: «Gandalf aus der Saga ‹Herr der Ringe› hat mich dazu gebracht. Ich fand seine Pfeife so speziell und elegant, dass ich es auch ausprobieren wollte.» Am Anfang seien die meisten verwirrt, wenn sie sie mit der Pfeife sehen. «Dann aber finden sie es schnell cool.»

«Paffen ist ebenfalls gesundheitsschädigend»

Bei der Lungenliga hat man keine Freude an dem Trend. Claudia Künzli, Projektleiterin Politik und Prävention Tabak: «Wir begrüssen diese Entwicklung nicht.» Das Pfeifenrauchen sei gesundheitsschädigend – und zwar nicht weniger als das Rauchen von Zigaretten. Der Konsum von Pfeifen könne insbesondere die Entstehung von Erkrankungen des Zahn-, Mund- und Kieferbereiches begünstigen, wie zum Beispiel Mundhöhlenkrebs.

Zudem würden Pfeifen oft in geschlossenen Räumen konsumiert. «Dadurch entsteht Passivrauch, der ebenfalls Herz- und Kreislauferkrankungen, Krebs und Atemwegserkrankungen verursachen kann.»

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