Impfobligatorium für Pflegende: «Die Pflegenden dürfen nicht als Testgruppe ausgenutzt werden»

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Impfobligatorium für Pflegende«Die Pflegenden dürfen nicht als Testgruppe ausgenutzt werden»

Einige Parlamentarier unterstützen ein Impfobligatorium für das Pflegepersonal. Dort trifft das Vorhaben jedoch auf Skepsis.

von
Bettina Zanni

Im «Rundschau Talk» von SRF zeigt sich Gesundheitsminister Alain Berset offen für ein Obligatorium.

SRF Rundschau

Darum gehts

  • Gesundheitsminister Alain Berset und Parlamentarier sympathisieren mit einem Impfobligatorium für Pflegende.
  • Das Pflegepersonal sei besonders exponiert und müsse mit allen verfügbaren Mitteln geschützt werden, sagt Yvonne Ribi, Geschäftsführerin des Schweizer Berufsverbands der Pflegefachfrauen und Pflegefachmänner (SBK).
  • FDP-Nationalrat Marcel Dobler sieht darin den ersten Schritt einer erweiterten Impfpflicht.

Gesundheitsminister Alain Berset (SP) macht im SRF-«Rundschau Talk» publik, dass er ein Impfobligatorium für Pflegende in Alters- und Pflegeheimen vorsieht. Wenn die Kantone dies wollten, dann sei er dafür, sagt er. Ein Obligatorium könne bedeuten, «dass das Personal in einem Altersheim geimpft werden soll, um weiterhin mit älteren Menschen arbeiten zu können». Wolle das eine Mitarbeiterin nicht, werde sie woanders arbeiten müssen – ohne Kontakt mit älteren oder besonders gefährdeten Menschen.

Auch SP-Nationalrätin Martina Munz unterstützt ein Impfobligatorium für diese Berufsgruppe. «Gerade in Alters- und Pflegeheimen, wo das Gefährdungspotenzial hoch ist, halte ich dies für eine angemessene Massnahme.» SVP-Nationalrätin Verena Herzog schliesst sich an. «In einem Pflegeberuf hat man eine Verantwortung. Dazu gehört auch, dass man Patienten nicht ansteckt.» Zugleich warnt sie vor Schnellschüssen. «Erst wenn der Impfstoff auf Herz und Nieren geprüft, das heisst, die vier Phasen durchlaufen hat und wirklich sicher ist, darf dieser verabreicht werden.»

Sicherheit sei elementar

In der Pflegebranche stösst das Vorhaben hingegen auf Skepsis. Schon bei der saisonalen Grippe-Impfung zeigt sich das Pflegepersonal zögerlich. Nur rund ein Drittel der Spitalmitarbeiter mit Patientenkontakt war aktuell gegen die Influenza-Grippe geimpft, wie eine Umfrage von SRF im Februar 2020 zeigte. Der Bundesrat habe die Kompetenz, ein allfälliges Impfobligatorium zu erlassen, sagt Yvonne Ribi, Geschäftsführerin des Schweizer Berufsverbands der Pflegefachfrauen und Pflegefachmänner (SBK). Dabei seien Verträglichkeit und Sicherheit der Impfung für den SBK elementar. «Die Pflegenden dürfen nicht als Testgruppe ausgenutzt werden.» Der SBK werde sich für die Rechte seiner Mitglieder einsetzen – auch für diejenigen, die sich nicht impfen lassen wollten.

Sobald eine sichere und wirksame Impfung zur Verfügung stehe, müsse das Gesundheitspersonal laut Ribi einen prioritären Zugang bekommen. Das Pflegepersonal sei besonders exponiert und müsse mit allen verfügbaren Mitteln geschützt werden. Der SBK verweise darauf, dass sich auch der Weltverband der Pflegenden (ICN) dafür starkmache.

«Bin keine ängstliche Person»

Manche Pflegende zeigen sich einem Corona-Impfobligatorium gegenüber offen. Sie habe halbwegs mit einem solchen Obligatorium gerechnet, sagt Pflegefachfrau und Bloggerin Madame Malevizia, die in einem Akutspital im Kanton Bern arbeitet. So sei es etwa auch üblich, dass das Pflegepersonal für eine Einstellung eine Hepatitis-B-Impfung nachweisen müsse. «Ich bin keine ängstliche Person und denke, dass ich eine Corona-Impfung gut ertragen werde.»

Die Bedingung, dass Mitarbeiter ohne Impfung woanders arbeiten müssten, halte sie allerdings für unrealistisch, sagt Madame Malevizia. «Pflegende gibt es nicht wie Sand am Meer. Ich weiss nicht, wen Herr Berset dann zum Pflegen schicken will.»

Die Corona-Impfung dürfte bei manchen Pflegenden einen schweren Stand haben.

«Eigentor der Regierung»

Impfgegner versetzt die Debatte um eine Impfpflicht in Aufruhr. Daniel Trappitsch vom Netzwerk Impfentscheid spricht von einem «Eigentor der Regierung». Bisherige Rückmeldungen aus dem Pflegebereich hätten ihm gezeigt, dass bei einer Impfpflicht wohl eine Grosszahl der Pfleger ihren Job kündigen würde. «Ich hoffe, dass alle Pfleger, die kritisch gegenüber Corona sind, bei einer Impfpflicht sich dann auch ihren Job kündigen lassen sollten», so der Delegierte des Vereins für unabhängige Impfaufklärung.

Obligatorische Impfungen für Pflegende bezeichnet Trappitsch als «Schnitt ins eigene Fleisch». Denn als Folge käme es zu einer Pflegepersonalkrise. «Man müsste dann Pflegepersonal aus dem Ausland holen, was zu einem Qualitätsverlust in der Pflegebranche führen würde.»

Auch einige Politiker wollen dem Vorhaben Einhalt gebieten. «Ein Impfobligatorium für das Pflegepersonal ist der erste Schritt für eine Erweiterung des Obligatoriums», sagt FDP-Nationalrat Marcel Dobler. Er rechnet damit, dass es sich ähnlich wie bei der Maskenpflicht im ÖV verhalte. «Zuerst galt die Pflicht nur im ÖV und danach wurde sie auf Läden ausgeweitet.» Eine Impfung bringe immer gewisse Risiken mit sich. «Daher sollen die besonders gefährdeten Personen selbst über eine Impfung entscheiden dürfen.»

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