Aktualisiert

Thomas Straubhaar«Die Pleite-Panik war taktisch»

Griechenland ist gerettet – vorerst. Das Parlament hat dem Sparpaket zugestimmt. Wirtschaftsprofessor Thomas Straubhaar ist überzeugt: Der Untergang Athens hätte schlimmere Konsequenzen als der Lehman-Crash.

von
Sandro Spaeth
Eine taktische Panikmache, doch die Folgen eines Bankrotts wären in der Tat dramatisch.

Eine taktische Panikmache, doch die Folgen eines Bankrotts wären in der Tat dramatisch.

Herr Straubhaar, haben Sie damit gerechnet, dass sich das Finanzsystem nur drei Jahre nach dem Lehman-Kollaps wegen Griechenland erneut vor einem Chaos befindet?

Nein, das war nicht meine Erwartung. Die Frühwarnsysteme, insbesondere die Ratingagenturen, haben erneut versagt. Die staatlichen Rettungspakete für vor dem Kollaps bedrohte Banken führten in einigen Ländern zu einer Eigendynamik im Verschuldungsprozess, die so nicht vorausgesehen wurde.

Athens mögliche Pleite wird von Ökonomen mit dem Lehman-Crash verglichen: Übertrieben?

Das Problem ist, dass es für die aktuelle Krise kein Beispiel aus der Geschichte gibt. Die bisherigen Staatspleiten betrafen bisher immer währungspolitisch unabhängige Länder. Nun geht es aber um ein Mitglied in der Währungsunion. Gut möglich, dass die Flutwelle noch schlimmer wäre als beim Lehmann-Kollaps.

Warum?

Wenn die Griechen untergehen, werden die Märkte antizipieren, dass für andere Staaten der Euro-Zone ein Bankrott ebenfalls möglich ist und genau darauf spekulieren. Zugleich würden die Refinanzierungskosten der anderen EU-Staaten steigen. Dies könnte die Schuldenspirale in einigen Ländern erst richtig in Gang bringen.

Die griechischen Abgeordneten haben dem Sparpaket zustimmt. Nun gibt's wieder Geld von der EU. Waren die Pleite-Szenarien nur Panikmache?

Mit der drastischen Schilderung des Problems wollte man auch die Bevölkerung in den Geberländern beruhigen und die privaten Gläubiger von den Vorteilen der Mitarbeit überzeugen. Die EU hat das Ziel, Athen bis Mitte Juli wieder mit Liquidität zu versorgen. Es war also auch eine taktische Panikmache, wobei ich betone, dass die Folgen eines Bankrotts in der Tat dramatisch wären.

Überweist die EU den Griechen Anfang Juli wieder Geld, werden alte Schulden einfach von neuen Schulden abgelöst. Kann das gut kommen?

Ja, es besteht immerhin die Hoffnung, dass der Schuldner in der Zwischenzeit gesundet. Geht Athen pleite, müssen die gesamten Schulden abgeschrieben werden. Bekommt die Regierung mehr Zeit, kann sie womöglich einen Teil der Schulden zurückzahlen. Folglich gilt: Lieber den Spatz in der Hand als gar nichts mehr; die Taube auf dem Dach ist in diesem Fall ohnehin längst davongeflogen.

Glauben Sie denn daran, dass Griechenland seine Schulden abstottert?

Die Kredite vollumfänglich zurückzuzahlen ist unrealistisch. Ich gehe aber davon aus, dass Griechenland in den nächsten zehn bis zwanzig Jahren etwa die Hälfte, wenn es besonders gut gehen sollte sogar noch mehr von seinen Schulden wird begleichen können.

Athen sitzt in der Falle: Die Sparpläne führen zu einer Rezession, womit wichtige Steuereinnahmen fehlen und der Schuldenberg weiterhin wächst. Kann man diese Spirale durchbrechen?

Wenn eine Brücke derart ins Ungleichgewicht geraten ist, bricht sie zusammen. Will heissen: Aus eigener Kraft kommt Athen aus einem solchen Teufelskreis nie mehr heraus. Das weiss man auch aus den letzten Tagen der DDR. Es braucht also zwingend die Hilfe von aussen, um in Griechenland die wirtschaftliche und gesellschaftliche Implosion zu verhindern.

Um wieder zu Geld zu kommen, will Athen seine Staatsbetriebe verkaufen. Ist das eine gute Idee? Die Einnahmen sind ja nur einmalig…

Wenn die vielleicht zehn Milliarden Erlös helfen, die Zahlungsfähigkeit abzuwenden, ist ein Verkauf sinnvoll. Athen hat keine Wahl. Es ist wie bei Privaten, die ihr Ferienhaus verkaufen müssen, um wieder liquide zu werden und einen Kredit zurückbezahlen zu können.

Wer ist eigentlich schuld am Griechen-Desaster? Das Land selbst oder auch Deutschland, wie immer wieder von Ökonomen behauptet wird?

Deutschland zu beschuldigen ist eine grobe Verdrehung von Ursache und Wirkung. In Griechenland hat man zu lange und zu massiv über die Verhältnisse gelebt. Klar braucht es für den Tango immer zwei Personen und deutsche Gläubiger haben zu unvorsichtig Kredite vergeben. Das war aber nur ein Fehler, von Schuld kann man nicht sprechen.

Das Magazin «Spiegel» hat bereits den Nachruf auf den Euro geschrieben. Wo sehen Sie ihn? Beim Arzt, auf der Intensivstation oder auf dem Totenbett?

Der Euro beim Arzt ist ein guter Vergleich. Ich bin aber der festen Überzeugung, dass die Mediziner auch einen komplizierten Fall lösen können.

Deine Meinung