US-Haushaltsstreit: «Die Politiker sind dumm, aber nicht so dumm»

Aktualisiert

US-Haushaltsstreit«Die Politiker sind dumm, aber nicht so dumm»

Unternehmen und Investoren reagieren bisher ziemlich eigenwillig auf eine drohende Zahlungsunfähigkeit der USA: nämlich gar nicht.

Betriebssamkeit in Washington, Gelassenheit bei den Investoren.

Betriebssamkeit in Washington, Gelassenheit bei den Investoren.

Seit Wochen wird vor einer drohenden Zahlungsunfähigkeit der Vereinigten Staaten gewarnt - zuletzt in immer schrilleren Tönen. Der Investor Warren Buffett verglich eine solche Pleite mit einem Atomangriff. Ökonomen warnen, dass die Regierung die Sozialversicherung nicht mehr bezahlen kann. Und das Finanzministerium befürchtet eine Rezession, die noch schlimmer ist als die letzte. Unternehmen und Investoren reagieren jedoch bisher ziemlich eigenwillig: nämlich gar nicht.

«Der Tag des Jüngsten Gerichts steht bevor, und alle zucken die Schultern», sagt der Chefstratege der Investmentfirma CovergEx Group, Nicholas Colas. Der Vermögensverwalter Brian Doe hat bei Gratus Capital Management in Atlanta 35 Kunden, die ihm insgesamt 50 Millionen Dollar anvertraut haben. Doch hat er wegen einer möglichen Staatspleite der USA noch keine schlaflosen Nächte verbracht und seine Kunden offenbar auch nicht. Niemand habe sich wegen des Themas bei ihm gemeldet. Er geht davon aus, dass das Pleiterisiko gering ist. «Die Leute in Washington sind dumm, aber nicht so dumm», sagt Colas.

Keine einzige Aktie wegen Krise verkauft

Der Fondsmanager Marcello Ahn in Seoul hat sich zumindest ein wenig vorbereitet. Auch er glaubt nicht an eine bevorstehende Zahlungsunfähigkeit Washingtons. Wenn es aber dennoch passiert, werden Aktien unter anderem von Schiffsbauern und Chemiekonzernen besonders hart getroffen. Also hat er solche in letzter Zeit nicht gekauft. Ahn hat aber keine einzige Aktie wegen der Haushaltskrise verkauft oder andere Schutzmassnahmen für seinen Fonds ergriffen. «Wir handeln nicht mit Blick auf das Worst Case Scenario.»

Am Dienstag gab es zwar Hinweise, dass sich Republikaner und Demokraten doch noch in letzter Minute zusammenraufen, bevor die Schuldenobergrenze am Donnerstag endgültig ausgeschöpft ist. Sicher war das aber auch zwei Tage vor Ablaufen der Frist nicht, im von den Republikanern dominierten Repräsentantenhaus gab es immer noch Widerstand gegen einen Kompromiss.

Warum sich die Mühe machen, wenn man sich doch nicht schützen kann?

Käme wirklich zum Schlimmsten, dann könnten die USA Zinsen und Kapitalrückzahlungen von Staatsanleihen nicht bedienen. Die US-Anleihen gelten als die sichersten der Welt und zählen zu den wichtigsten Instrumenten im Geldmarkt. Sie werden bei zahllosen Geldgeschäften im Wert von Billionen Dollar als Sicherheit eingesetzt. Eine Pleite der USA würde das weltweite Finanzsystem ins Chaos stürzen.

Und das ist auch der Hauptgrund, weshalb so viele unvorbereitet auf eine Krise mit Ansage erscheinen: Warum sich die Mühe machen, wenn man sich doch nicht schützen kann? So ähnlich lautete auch die offizielle Antwort auf eine Anfrage an den französischen Ölkonzerns Total: «Niemand kann sich die Konsequenzen ausmalen, also haben wir keine Pläne.» Die hat offenbar auch Sony nicht. «Es gibt nicht vieles, das ein Unternehmen tatsächlich tun kann», erklärte der Vorstandsvorsitzende Kazuo Hirai in Tokio.

US-Staatsanleihen sind risikoreicher geworden

Nur wenige Aufsichtsbehörden für den Wertpapierhandel, grosse Banken und Fondsgesellschaften haben sich für den Ernstfall gerüstet. Die grösste Sorge gilt dabei den Staatsanleihen, die nach Donnerstag rasch fällig werden. Im Falle einer Zahlungsunfähigkeit der Regierung könnten die Besitzer ihr Geld möglicherweise nicht zurückbekommen.

Die Börse in Hongkong verlangt daher von Investoren, die solche Anleihen als Sicherheit eingesetzt haben, eine höhere Anzahl der Schuldverschreibungen, weil sie nun risikoreicher sind. Die Fondsgesellschaft Fidelity Investments und die Bank JP Morgan Chase erklärten in der vergangenen Woche, sie hätten alle US-Anleihen mit Fälligkeit kurz nach dem 17. Oktober aus ihren Geldmarktfonds herausgenommen.

Für Eigentümer von Anleihen mit längerer Laufzeit ist das Risiko eines Verlusts geringer, aber auch sie sind nicht aus dem Schneider. Sollte es zur Pleite kommen, würden die Ratingagenturen solche Anleihen wahrscheinlich herabstufen. Damit könnten die Preise stark fallen. Die Verkäufer, die nicht bis zu regulären Fälligkeit der Papiere warten könnten, müssten Verluste in Kauf nehmen. Aber auch die Aussichten einer möglichen Herabstufung wird von den meisten gelassen aufgenommen.

Keine Probleme mit der Liquidität

Der Münchner Versicherungskonzern Allianz hält die US-Staatsanleihen in seinen Portfolios immer bis zur Fälligkeit, daher würde eine Herabstufung keine Auswirkungen auf das Unternehmen haben, wie Sprecher Michael Matern erklärte.

Eine Pleite könnte darüber hinaus Auswirkungen auf die Liquidität der Unternehmen haben, schliesslich sind sie auf schnellen Zugriff auf Bargeld angewiesen, um Kredite zu bedienen und Zulieferer zu bezahlen. Mit der Liquidität dürften viele US-Unternehmen aber keine Probleme bekommen. Die 500 grössten börsennotierten US-Konzerne haben seit der Finanzkrise Bargeldreserven in der Rekordhöhe von 1,1 Billionen Dollar angehäuft. Sie wurden kritisiert, weil sie dieses Geld nicht einsetzten, um ihr Geschäft auszuweiten oder mehr Mitarbeiter einzustellen.

So sind sie nun in der Lage, mehrere Monate ohne neue Kredite zu überstehen. «Die Investoren wissen, dass die meisten Unternehmen zu ihren eigenen Banken geworden sind», sagte Colas von ConvergEx. «In gewisser Hinsicht haben wir uns seit der Finanzkrise auf das hier vorbereitet.»

(sda)

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