Ukraine-Konflikt – «Die Preise sind jetzt schon haarsträubend»

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Leben in RusslandPreise sind «schon haarsträubend» – aber Zustimmung für Putin bleibt hoch

Der Schweizer P.M. lebt seit 18 Jahren in St. Petersburg. Er erzählt, wie der Krieg das Leben in Russland verändert und warum er trotzdem bleiben will.

von
Claudia Blumer
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«Der Krieg ist ziemlich allgegenwärtig», sagt P.M., der vor 18 Jahren nach Russland ausgewandert ist. Die Aufnahme zeigt eine Schlange vor dem Bancomat in St. Petersburg am 27. Februar 2022.

«Der Krieg ist ziemlich allgegenwärtig», sagt P.M., der vor 18 Jahren nach Russland ausgewandert ist. Die Aufnahme zeigt eine Schlange vor dem Bancomat in St. Petersburg am 27. Februar 2022.

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Die Banken dürften nun keine Devisen mehr verkaufen, berichtet P.M. Eine der vielen Folgen des Krieges. Auch sind die Preise gestiegen und reihum schliessen Fabriken, was den Verlust von Tausenden Arbeitsplätzen bedeutet.

Die Banken dürften nun keine Devisen mehr verkaufen, berichtet P.M. Eine der vielen Folgen des Krieges. Auch sind die Preise gestiegen und reihum schliessen Fabriken, was den Verlust von Tausenden Arbeitsplätzen bedeutet.

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St. Petersburg ist für P.M. in den letzten 18 Jahren zur Heimat geworden. Ein Wegzug wäre eine Entwurzelung, sagt er. Und: «Ich will nicht einfach abhauen. Für meine Freunde und Arbeitskollegen muss es auch weitergehen.»

St. Petersburg ist für P.M. in den letzten 18 Jahren zur Heimat geworden. Ein Wegzug wäre eine Entwurzelung, sagt er. Und: «Ich will nicht einfach abhauen. Für meine Freunde und Arbeitskollegen muss es auch weitergehen.»

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Darum gehts

  • In Russland sind derzeit 689 Schweizerinnen und Schweizer registriert. Wie viele das Land verlassen haben, ist nicht bekannt.

  • Einer von ihnen ist P.M., der vor 18 Jahren aus der Schweiz nach St. Petersburg ausgewandert ist.

  • Im Interview erzählt er, wie der Krieg das Leben in Russland verändert hat. Die Preise seien jetzt schon haarsträubend, die Leute seien besorgt.

  • Putin habe dennoch einen grossen Rückhalt in der Bevölkerung, vermutet er.

Wladimir Putin könnte das Kriegsrecht verhängen, sagt ein Russland-Experte. Wollen Sie nicht so schnell wie möglich das Land verlassen?

Nein, ich bin relativ gelassen und stehe mit dem Generalkonsulat immer in Verbindung. Als Ausländer gehe ich davon aus, dass ich auch bei Kriegsrecht ausreisen könnte. Doch es kommt noch etwas dazu: Ich will nicht einfach abhauen. Ich arbeite seit 15 Jahren in dieser Firma. Ich empfände es als falsch meinen russischen Mitarbeitenden und Kollegen gegenüber. Für die muss es auch weitergehen. Wir haben Russland gern und leben gern hier.

Was würde es für Sie heissen, Ihre neue Heimat aufzugeben?

Von hier wegzugehen wäre eine Entwurzelung. Die Jahre in Russland waren meine besten, trotz Auf und Ab. Das Land entspricht mir von seiner Mentalität her. Es hat mehr Emotionalität, mehr Wärme, mit allen Vor- und Nachteilen. Russland ist nicht so perfekt organisiert und so effizient wie die Schweiz – genauso wie ich es auch nicht bin. Ich sage immer: Die Schweizer Pünktlichkeit wird in Russland auf ein gesundes Mass reduziert.

Zur Person

P. M. (45) lebt mit seiner Familie in St. Petersburg, 2004 ist er von der Schweiz nach Russland ausgewandert. Er arbeitet als Übersetzer in der Niederlassung eines Schweizer Konzerns in St. Petersburg. Da in Russland Aussagen über den Ukraine-Krieg, die von der offiziellen Linie abweichen, hart sanktioniert werden, sind die persönlichen Angaben von P.M. in diesem Interview verfremdet.

Wie hat der Krieg in der Ukraine das Leben in Russland verändert?

Der Krieg ist ziemlich allgegenwärtig. Man bekommt überall Gesprächsfetzen mit, und auch unter Freunden und Arbeitskollegen ist es ein Thema. Praktisch alle Lebensmittel sind teurer geworden und die Preise werden weiter steigen. Nur ein Beispiel: Ich kaufe immer Grapefruit, und sie sind jetzt doppelt so teuer wie noch vor einigen Wochen. Das Kilo kostet umgerechnet zwei statt einen Franken. Gewisse exklusivere Lebensmittel werden wohl demnächst gar nicht mehr erhältlich sein. Ausserdem wurde den Banken mittlerweile der Verkauf ausländischer Währung verboten.

Facebook und Twitter wurden abgestellt?

Ja. Wobei: Zuhause habe ich den Zugang noch. Es kommt auf den Provider an, wie ich gemerkt habe.

Wie stehen die Leute in Russland zum Angriff auf die Ukraine?

Unterschiedlich. Meine Nachbarin zum Beispiel, mit der wir uns ansonsten sehr gut verstehen, ist radikal auf der offiziellen Linie. Da äussere ich mich nicht mehr. Sie ist 2014 aus dem Donbass nach St. Petersburg geflüchtet. Auch mit einer Arbeitskollegin hatte ich einmal eine heftige Diskussion. Seither sprechen wir nicht mehr über Politik. Ich schätze, dass immer noch ein Grossteil der Russen Putins Vorgehen stützen. Insbesondere die ältere Generation, welche sich am Fernsehen informiert und die Sowjetzeit und den Zusammenbruch der UdSSR noch miterlebt hat. Sie trägt die damalige Demütigung noch in sich und sieht die Ukraine als kulturellen Bestandteil Russlands. Die Jüngeren informieren sich per Internet und sind kritischer.

«Man sagt, jedes Volk habe den Präsidenten, den es verdient. Das trifft auf Russland zu.»

P.M., Schweizer, der in St. Petersburg lebt

Die Russinnen und Russen stehen also hinter Putin?

Man sagt, jedes Volk habe den Präsidenten, den es verdient. Das trifft in Russland zu. Obwohl sein Rating deutlich gesunken ist, ist Putin immer noch eine sehr gewollte Figur. Die russische Bevölkerung ist imperialistisch geprägt und darauf ausgerichtet, dass Russland zur alten Grösse zurückfinden sollte. Man kann aber nicht pauschal sagen, dass die Bevölkerung auch befürwortet, was in der Ukraine geschieht. Niemand will diesen Krieg.

Das russische Volk will den Krieg nicht?

Ein grosser Teil der Russinnen und Russen folgt der offiziellen Meinung und bezeichnet die in der Ukraine lebenden Russinnen und Russen als Opfer und Verfolgte der Ukraine. Deshalb behaupten sie, dass ihnen dieser Krieg vom Westen aufgezwungen wurde.

Wie ist die Stimmung seit dem 24. Februar?

Schon bedrückt. Die Wirtschaftssanktionen rollen jetzt an, die Preise sind teilweise jetzt schon haarsträubend. Die Ikea ist zugegangen letzte Woche und jetzt schliesst auch der Obi Baumarkt und die finnische Brot- und Schoggi-Fabrik Fazer hier in der Region mit drei Standorten. An ihr hängen mehr als 2000 Arbeitsplätze.

Droht Russland eine Hungersnot?

Grundnahrungsmittel wird es wohl immer geben, bei Medikamenten wird es schwieriger. Ich gehe davon aus, dass diese Sanktionen nicht ganz so bösartig sind. Sie treffen ohnehin immer die Ärmsten und Schwächsten besonders hart. Als ich kürzlich einen grösseren Sack Reis auf Vorrat kaufte, sah ich vor mir an der Kasse eine Rentnerin, und mir wurde bewusst, dass sie diesen Sack gar nicht hätte nach Hause tragen können. Ganz abgesehen von der Frage, ob sie genügend Geld dafür hätte.

«Sicher ist ein Teil schon ausgereist»

Schweizer in Russland

Offiziell sind in Russland 689 Schweizerinnen und Schweizer registriert, die meisten davon wohnen in den grossen Städten Moskau und St. Petersburg, aber auch in Regionen wie Irkutsk in Sibirien. 210 Auslandschweizer leben laut Statistik in der Ukraine. Dies sagt Daniel Rehmann, Vertreter des Auslandschweizerrats (ASR), dem 140-köpfigen Parlament der «fünften Schweiz», auf Anfrage.

Sicher sei ein Teil der Schweiz-stämmigen Personen in Russland schon ausgereist, sagt Rehmann. «Im Moment kenne ich die genauen Zahlen nicht.» Doch er weist darauf hin, dass das schweizerische Aussendepartement vor Reisen nach Russland warne und die Schweiz seit neustem auf Russlands Liste der «unfreundlichen Staaten» aufgelistet sei. Schon während der Krisen 2008 und 2014 hätten einige Auslandschweizer Russland verlassen, nun werde die Zahl weiter zurückgehen, sagt Rehmann. «Im Moment weiss keiner, welche Auswirkungen der Krieg für Russland noch haben wird.» Krieg und Sanktionen hätten auf die in Russland lebenden Personen sicher negative Folgen.

Unter welchen Umständen er zur Ausreise rate, kann Daniel Rehmann nicht sagen. «Bei einer weiteren Eskalation kann es vorteilhaft sein, Russland zu verlassen.» (blu)

Empfinden die Russinnen und Russen die Sanktionen als unfair?

Es gibt ja die Sanktionen schon seit 2014. Darum löst das Wort bei den meisten nur noch ein müdes Schulterzucken aus. Man versucht, Russland in den Boden zu sanktionieren und bestraft das ganze Volk, statt einzelne Exponenten, die man schon lange hätte bestrafen können. Die Flugverbotszone beispielsweise ärgert mich extrem. Die reiche Elite kann mit Privatjets weiterhin reisen, doch der breiten Bevölkerung verbietet man, zu reisen. Der Westen treibt Russland in die Isolation. Ich finde das falsch und kontraproduktiv, weil es bei vielen nur zu einer Trotzreaktion führt. Dann machen sie eben in der Türkei oder in Ägypten Ferien. Man spielt so auch China in die Hände, das vermutlich der einzige Gewinner in diesem Konflikt sein wird. Der Handel mit China wird rasant zunehmen, auch mit Rohstoffen.

Nützen die Sanktionen wenigstens etwas?

Keine Ahnung. Der Leidensdruck wird erhöht. Doch ob es eine Wirkung auf das Handeln der politischen Führung hat, ist schwer zu sagen. Die Russinnen und Russen sind jedenfalls Weltmeister in ihrer Leidensfähigkeit.

Gibt es Hoffnung in diesem Konflikt?

Hoffnung sehe ich nur dann, wenn die gegenseitige Dämonisierung aufhört. Krieg fängt dann an, wenn es gelingt, den anderen zum Ungeheuer zu machen. Da ist leider von westlicher Seite auch vieles falsch gemacht worden. Aber auch von russischer. Sobald man sich als Menschen begegnen kann, wird man wie Menschen miteinander reden. Doch jetzt ist die Situation extrem verfahren. Der Hass wird mit jedem Tag stärker.

Wer hat den grössten Fehler gemacht?

Viele Leute, ich gehöre auch dazu, waren sich nicht bewusst, dass die Ukraine der letzte Rest der ehemaligen Sowjetunion ist, bei dem noch nicht feststeht, zu welchem Machtblock er gehört. Alle behaupten, man solle die Ukraine in Ruhe lassen, obwohl alle an ihr herumzerren. Der Westen hat den Konflikt um die Ukraine ebenfalls angeheizt, und zwar unnötig. Ich habe nicht verstanden, dass man es in acht Jahren nicht geschafft hat, die Ukraine als neutralen Staat mit einer modernen Verfassung zu konstituieren, mit Mehrsprachigkeit und Minderheitenschutz, wie wir es kennen.

Doch die Gewalt geht jetzt von Russland aus.

In diesem Fall schon. Obschon es von Russland als Selbstverteidigung ausgelegt wird. Ob Russland die Waffenstillstandsverletzungen in den letzten acht Jahren im Donbass bewusst provoziert hat, ist schwer zu überprüfen.

Von Krieg zu reden ist jetzt in Russland verboten.

Offiziell schon. Die Medien halten sich daran, wenn sie nicht geschlossen werden wollen. Privat reden die Leute aber dennoch von Krieg. 

Schweizer sollen Russland verlassen

Das EDA empfiehlt Schweizer Staatsangehörigen, deren Anwesenheit Russland nicht dringend erforderlich ist, das Land vorübergehend und mit eigenen Mitteln zu verlassen. Das teilte das EDA am Freitagnachmittag mit. Der Entscheid zur Ausreise sei ein individueller Entscheid.

Aufgrund des russischen militärischen Angriffs auf die Ukraine sei die Lage in Russland zunehmend unberechenbar. Eine plötzliche Verschlechterung könne nicht ausgeschlossen werden.


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