Aktualisiert 22.02.2019 12:59

Car of the Week

Die Premium-Super-Karacho-Luxus-Limousine

Die Höchstgeschwindigkeit ist atemberaubend, die Beschleunigung ebenso. Dabei geht es um keinen Sportwagen, sondern um den BMW Alpina B7 xDrive.

von
Michael Köckritz
Mit der Allgäuer Power-Version, der nun sechsten Generation von Alpinas B7ern, reiht Bovensiepen den Siebener ziemlich perfekt in seine Traditionsreihe ein.

Mit der Allgäuer Power-Version, der nun sechsten Generation von Alpinas B7ern, reiht Bovensiepen den Siebener ziemlich perfekt in seine Traditionsreihe ein.

Alpina

330 Spitze. Das ist selbst für Supersportler aus dem Haus Porsche oder Lamborghini eine Ansage. Und nicht einfach unter Kontrolle zu halten. 3,6 auf Hundert. Da bricht schon mal der Angstschweiss aus, wenn der Druck auch bei 200 noch nicht nachlässt. Und all das in einer High-End-Limousine mit über zwei Tonnen Gewicht, in der man von dem Karacho nichts hört. Das ist der 2020 BMW Alpina B7 xDrive, laut dem «Road & Track»-Magazin der schnellste Viertürer der Welt. Sogar Dodges Hellcat ist 2 km/h langsamer.

Den besseren BMW zu bauen – das ist das erklärte Ziel der Automanufaktur Alpina in Buchloe, seit Burkard Bovensiepen Anfang der 60er Jahre begann, einen Weber-Doppelvergaser in seinen BMW 1500 einzubauen, womit sich das Fahrzeug drei Sekunden schneller beschleunigen liess als das Serienmodell. Die Modifikation sorgte auf Rennstrecken und bei Bergrennen für Furore und führte dazu, dass Bovensiepen, ein genialer und leicht knauziger Vollblut-Motorsportler, nicht in die Schreibmaschinenfabrik seiner Familie einstieg, sondern 1965 die Alpina Burkard Bovensiepen GmbH + Co. KG gründete und sie zu einer der berühmtesten Autoschmieden machte.

Mit mehr Liebe zum Detail

Über die Jahre verwandelte der Allgäuer Meister 2002er, 3er- und 5er-Serien und vor nicht allzu langer Zeit auch einen 6er in nicht nur in unerhört schnelle Automobile, sondern machte sie auch hübscher, veredelte ihren Innenraum und verzierte sie mit Felgen (unter anderem), von denen andere Hersteller nur träumten. Seine Z8-Interpretation schlug das Original um Längen, der 5er-Sechszylinder-Diesel war 2011 eine Sensation. Selbst ein X3 war vor ihm nicht sicher. Autoproduzent sei er, darauf bestand Bovensiepen, (wer ihn Tuner nannte, war unten durch). Er baue luxuriöse Sportlimousinen, nicht, weil er das besser könne als die Münchner, sondern weil er mehr Liebe ins Detail stecken würde und viel Verständnis dafür hätte, was ein guter BMW sein und können muss.

Das 2020er-Modell des Alpina B7 XDrive ist die (vorläufige) Krönung aller Alpina-Schöpfungen. Mit der Allgäuer Power-Version, der nun sechsten Generation von Alpinas B7ern, reiht Bovensiepen den Siebener ziemlich perfekt in seine Traditionsreihe ein. Und wem die Kombination von Kraft und Luxus gefällt, kann die rasante Limousine zum Preis von 154'800 Euro ab März bestellen.

Das ist für ein solches Auto nicht wirklich exorbitant teuer, und für das Geld bekommt man ein Leistungs- und Wohlfühlpaket, das die Mitbewerber – wieder mal – in ihre Schranken weist. Der Bi-Turbo 4,4 Liter V8 leistet nach einer rigorosen Überarbeitung 608 PS. Die 800 Newtonmeter, die ab 2000 Umdrehungen zur Verfügung stehen, hätten noch vor ein paar Jahren gereicht, um ganze Container-Ladungen über den Brenner zu schleppen. Am automatischen Achtgang-Automatikgetriebe mit Alpina Switch-Tronic arbeiteten die Techniker zusammen mit ZF. Das Alpina-spezifische Intercooler-System gilt als vorbildlich. Der Allradantrieb wurde über die Jahre zum Klassiker.

Eng an den Vorgaben aus München

Das Fahrwerk des B7 kombiniert modernste Technologien und eine Alpina-Hard- und Software-Abstimmung für wahlweise überragenden Reisekomfort oder ausgeprägte Fahrdynamik. Elektronisch verstellbare Dämpfer, 2-Achs-Luftfederung, aktive Wankstabilisierung und eine mitlenkende Hinterachse liefern Motorsport-Charakter mit höchstem Komfort.

Äusserlich bleiben die Bovensiepens, Vater Burkard und die zwei Söhne Andreas und Florian, eng an den Vorgaben aus München. Gegen den monströsen neuen Grill des Siebeners konnten sie schwerlich etwas tun – und man blieb, abgesehen von den markanten Alpina-Lackierungen, der Edelstahlabgasanlage, dem Diffusor am Heck und einigen, wenig auffälligen Aerodynamikelementen, dem Design aus München treu.

Auf ein schniekes Interieur legte man in Buchloe schon immer grossen Wert: edelstes Leder, spezielle Lenkräder und das Feinste in Sachen Fahrerassistenzsysteme und Connected-Drive-Dienste gehören zum Bovensiepenschen Standard.

Aber echt jetzt, das ist alles nur Beiwerk, sitzt man erst einmal hinterm Steuer von Alpinas Top-Modell. Ich kenne kein Automobil, das sich so schnell um eine Rundstrecke fahren lässt, ohne den Charakter eines unerhört komfortablen Cruisers zu verlieren. Die Haarnadelkurven von Thermal sind keine Herausforderung für den B7, die extrem schnelle – und lange – Linkskurve des Kurses kann mit Geschwindigkeiten genommen werden, die bislang ausserhalb des Möglichen für grosse Viertürer vermutet wurden.

Die Weiterentwicklungen am Fahrwerk und Motor des Bi-Turbo Achtzylinder hatten schon begonnen, lange bevor BMW die Originalversion vorstellte. Zugegeben, es hilft, dass die Münchner mit den Allgäuern seit Langem eng zusammenarbeiten, und dass die Buchloer Crew einen festen Platz in BMWs «FIZ» haben, dem Forschungs- und Entwicklungszentrum in Milbertshofen. Sowas kann zu gewissen markenspezifischen Wettbewerben führen, denn anders als bei Mercedes und seinem Ableger AMG hat sich Alpina trotz der engen Kooperation den Status einer eigenständigen Manufaktur erhalten. Weshalb am Ende selbst kleine Eifersüchteleien ganz gut fürs Auto sind.

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