17.06.2020 18:55

Gewalt in Dijon

«Die Probleme in Dijon lassen sich nicht mit Polizeieinsätzen lösen»

In der französischen Stadt Dijon eskalierte in den letzten Tagen die Gewalt zwischen rivalisierenden Banden. «Die Anwohner fühlen sich vom Staat im Stich gelassen», sagt Politologe Dominik Grillmayer.

von
Daniel Krähenbühl

Darum gehts

  • In Dijon gingen in den letzten Tagen bis zu 200 Personen mit Baseballschlägern, Eisenstangen und Sturmgewehren aufeinander los.
  • Laut Behörden liegt der Ursprung der Konfrontation in einer Attacke auf einen 16-jährigen Tschetschenen.
  • Dieser war am 10. Juni in eine Schlägerei zwischen Banden nordafrikanischen und balkanischen Ursprungs verwickelt und stark verletzt worden.
  • Schlägertrupps tschetschenischen Ursprungs wollen Angriff auf ihren Landsmann rächen.
  • Erst als zwei Einheiten eines Spezialeinsatzkommandos zur Unterstützung der Polizei entsandt wurden, beruhigte sich die Lage.

Herr Grillmayer, wie konnte es dazu kommen, dass es in Dijon zu derartigen Ausschreitungen gekommen ist? Die französische Stadt war bisher nicht als Hotspot für Unruhen – wie etwa Marseille oder Paris – bekannt.

Das nicht, aber der soziale Wohnungsbau der Nachkriegszeit hat in vielen französischen Städten – auch in den kleineren – Viertel entstehen lassen, die sich später teilweise zu sozialen Brennpunkten entwickelt haben, wo Probleme wie Arbeitslosigkeit und Armutsgefährdung geballt auftreten. Auch bei den Unruhen in den französischen Vorstädten im Jahr 2005 waren beileibe nicht nur die Grossstädte betroffen.

Der sozialistische Bürgermeister von Dijon, François Rebsamen, sagte, die Tschetschenen hätten die Sache selber geregelt, weil die Justiz zu spät reagiert habe und die Polizei über zu wenige Mittel verfüge.

Zunächst einmal gibt es natürlich keine Rechtfertigung für diese Form der Selbstjustiz, wie wir sie in Dijon erlebt haben. Ausserdem ist der Vorfall erst wenige Tage her, und die Ermittlungen laufen. Aber es stimmt schon, dass die Justizbehörden überlastet sind und die Ausstattung der Polizei vielerorts zu wünschen übrig lässt. Mir scheint, François Rebsamen wollte mit seinen Äusserungen auf die Versäumnisse des Staates hinweisen, der aus seiner Sicht die Kommunen nicht ausreichend unterstützt.

Auf Twitter äusserte sich ein User folgendermassen: «Die Tschetschenen haben uns immerhin eines gezeigt: Wenn wir wollen, können wir den Abschaum bezwingen, der unser Leben in der Banlieue zur Hölle macht.» Damit ist wohl die Polizei gemeint. Fühlen sich die Anwohner vom Staat im Stich gelassen?

Das Bild ist in Frankreich weit verbreitet, auch wenn es die Banlieue nicht gibt. Aber ja: Es gibt wie erwähnt die sozial benachteiligten Viertel, die meist eine vergleichsweise junge Bevölkerung aufweisen, denen allerdings die Perspektive fehlt. Schulabbrüche und Arbeitslosigkeit sind überproportional hoch und die Gefahr, auf die schiefe Bahn zu geraten, entsprechend umso grösser. Wer kann, verlässt diese Viertel. Zurück bleiben jene, die sich ihren Wohnort nicht aussuchen können und unter den mitunter sehr schwierigen
Lebensbedingungen leiden.

«Schulabbrüche und Arbeitslosigkeit sind überproportional hoch. Und die Gefahr, auf die schiefe Bahn zu geraten, entsprechend umso grösser.»

Dominik Grillmayer

Ein selbst ernannter Sprecher der Exil-Tschetschenen, Schamil Albakow, sagte in einem Interview mit der Lokalzeitung «Le Bien Public», es gehe heuer nicht um ethnische Spannungen. Man wolle jedoch nicht unter einem Regime der Drogendealer leben. Gleichzeitig posiert die «Algerische Mafia» auf Social Media und sagt, sie wolle Dijon «zurückerobern».

Beide Seiten vermitteln hier den Eindruck, sie müssten sich selbst helfen. Und tatsächlich ist bisweilen zu beobachten, dass bestimmte Gruppen versuchen, die vermeintliche Lücke, die durch die gefühlte Abwesenheit des Staates entstanden ist, durch eigene Strukturen zu schliessen.

KEYSTONE

Was müsste Ihrer Meinung nach passieren, damit sich die Lage beruhigt und sich die Situation – längerfristig – verbessert?

Die Lage wird sich aus meiner Sicht sehr schnell wieder beruhigen. Aber die Geschehnisse werfen einmal mehr ein Schlaglicht auf die Probleme, die trotz der zahlreichen staatlichen Programme, die seit den ersten Unruhen vor rund vierzig Jahren aufgelegt wurden, um die Situation der Menschen in den «quartiers sensibles» zu verbessern, weiter bestehen. Vor allem in grossen Ballungsräumen, aber eben auch in kleinen und mittelgrossen Städten.

Die Problem lassen sich nicht kurzfristig mit Polizeieinsätzen lösen, sondern nur mittel- bis langfristig durch eine zielgerichtete Bildungs- und Sozialpolitik, die auf die spezifischen Verhältnisse vor Ort eingeht und die lokalen Akteure stärker einbezieht. Auf Lösungen aus Paris zu warten, hilft hier nicht weiter.

«Die Probleme lassen sich nicht kurzfristig mit Polizeieinsätzen lösen.»

Dominik Grillmayer

Auch Marine Le Pen, Parteichefin der rechtspopulistischen Partei Rassemblement National (ehemals Front National) wurde vor Ort gesichtet. Können sie oder andere rechtsextreme Strömungen von den Auseinandersetzungen profitieren?

Das ist das typische Phänomen, das man bei Populisten oft beobachten kann. Sie zeigen Betroffenheit und wollen der lokalen Bevölkerung vermitteln, dass sie sich für ihre Belange interessieren. Dabei schwingt natürlich immer der Vorwurf mit, dass die Regierenden genau das nicht tun. Le Pen ist hier auf ihrem klassischen Terrain, beim Thema innere Sicherheit. Sie behauptet ja schon lange, dass die Republik in den Vororten nicht in ausreichendem Masse präsent ist, um für Ordnung zu sorgen.

Le Pen versucht, diese Vorfälle für ihre Zwecke zu instrumentalisieren. Doch das kann schon auch mal nach hinten losgehen, weil die Menschen vor Ort durchaus in der Lage sind, ein solches Manöver zu durchschauen.

Dominik Grillmayer.

Dominik Grillmayer.

Privat

Dominik Grillmayer ist Politologe und Leiter des Bereichs Gesellschaft am Deutsch-Französischen Institut in Ludwigsburg.

Deine Meinung

Fehler gefunden?Jetzt melden.
50 Kommentare
Kommentarfunktion geschlossen

Wegwerfaccount

18.06.2020, 16:36

Weisst du was das beste ist bei diesem Bandenkrieg? Die Genfer Konvention wird ernst genommen, keine unschuldigen Zivilisten werden da geschädigt.

cph4

18.06.2020, 14:23

NULL TOLERANZ für solch ein Menschenverachtendes Verhalten. Hier müssen Spezialeinheiten der Armee aufräumen. Denn wenn sie es nicht tun, wird es im Rest von Frankreich und im Rest von Europa bald auch so aussehen. Die Ghettoisierung Europas muss aufgehalten werden: Mit ALLEN Mitteln.

Sandro

18.06.2020, 08:05

Die Länder und Menschen sind in einem extremen ökonomischen Wettbewerb ausgesetzt. Wer eine gut ausgebildete, friedliche, Leistungsorientierte Bevölkerung hat, ist klar im Vorteil. Wer aber die Grenzen öffnet und mit den Ansprüchen überfordert ist, verliert jede Kontrolle und kann auch ökonomisch nicht mehr erfolgreich sein. Der Staat geht so vor die Hunde, Reichenghettos entstehen etc. Genau dies passiert gerade in Teilen Europas.