Aktualisiert 14.06.2011 14:00

Internet-Phantome

Die Probleme mit den «lesbischen» Männern

Nicht nur das «Gay Girl in Damascus», auch eine weitere Lesben-Bloggerin hat sich als heterosexueller Mann entpuppt. Syrische Aktivisten sind empört, die Medien ratlos.

von
Senta Keller
Mit diesem Bild wurde auf Facebook nach Amina Arraf gesucht, nachdem sie am 6. Juni verschwunden war.

Mit diesem Bild wurde auf Facebook nach Amina Arraf gesucht, nachdem sie am 6. Juni verschwunden war.

Wochenlang galt Amina Arraf als bloggendes «Gay Girl in Damascus» in den westlichen Medien als Stimme der syrischen Revolution. «The Guardian» und CNN führten Interviews mit ihr, und auch die «New York Times» und die «Washington Post» berichteten nur zu gerne über die scheinbar so mutige junge Frau, die ihr Leben riskierte, um über die dramatischen Ereignisse in Syrien zu informieren. Die Welt hatte in ihr die Ikone des syrischen Widerstands gefunden – bis sich herausstellte, dass es sich bei Amina Arraf in Wirklichkeit um den 40-jährigen Tom MacMaster handelt. Einen US-Amerikaner, der verheiratet ist und zurzeit in Schottland studiert.

Erste Zweifel an der Echtheit des Blogs kamen auf, als Amina Arraf laut dem Blogeintrag einer angeblichen Cousine am 6. Juni in den Strassen von Damaskus entführt worden sein sollte. Kurz darauf wurde klar, dass das Foto von Amina in Wirklichkeit eine junge Frau aus London zeigt. Die Medien begannen zu recherchieren, ob Amina Arraf tatsächlich existiert. Am 12. Juni äusserte sich schliesslich erstmals die Person, die tatsächlich hinter dem Blog steht. Tom MacMaster entschuldigte sich für die Aufregung, die er ausgelöst hatte und meinte, er habe die enorme Aufmerksamkeit nicht erwartet: «Ich glaube nicht, dass ich jemandem Schaden zugefügt habe. Ich habe eine wichtige Stimme für dieses Thema geschaffen.»

Dieser Meinung ist in der arabischen Welt aber kaum jemand. Die BBC zitiert einen libanesischen Blog, in dem es heisst: «Wenn ich eines Tages von meiner Regierung gekidnappt werde, wird sich niemand dafür interessieren – es könnte ja sein, dass ich mich als zweite Amina herausstelle.» Die Echtheit vieler Blogs würden jetzt angezweifelt. Durch dieses Ereignis seien zahlreiche Menschen in Syrien gefährdet, die tatsächlich gegen das Regime von Baschar al-Assad kämpfen. Laut der Internetseite «Gigaom» fürchten Mitglieder der syrischen Schwulengemeinschaft, dass sie jetzt ins Visier der syrischen Regierung geraten könnten, da der Blog so heftig diskutiert worden sei.

Wut in der Homosexuellen-Gemeinschaft

Im Rahmen der Recherchen um Amina Arraf kam zudem heraus, dass sich hinter Paula Brooks, der lesbischen Bloggerin, die hinter dem vielbeachteten Blog «LezGetReal» steht, ebenfalls ein Mann verbirgt. Paula Brooks ist in Wirklichkeit Bill Graber, ein 58-jähriger heterosexueller Mann, der in Ohio lebt. Ironie der Geschichte ist, dass die angebliche Paula Brooks in regem E-Mail-Kontakt mit Amina Arraf stand. Die beiden hätten sogar miteinander geflirtet, schreibt die «Washington Post», ohne zu wissen, dass es sich beim anderen ebenfalls um einen Mann handelte, der nur vorgab, eine lesbisch Frau zu sein.

Bill Graber, der sich als Paula Brooks ausgegeben hatte, war ins Visier der Journalisten geraten, da er Amina Arraf zu ihrem Blog ursprünglich ermutigt hatte. Gegenüber den Medien hatte er Tom MacMaster letzte Woche dafür kritisiert, die Identität Amina Arrafs geschaffen zu haben. Als Paula Brooks Reportern der «Washington Post» schrieb, ihr Vater müsse das erbetene Interview telefonisch führen, da sie selbst taub sei, war das Misstrauen erneut gesät. Zuvor hatte Brooks bereits gegenüber der britischen Zeitung «The Guardian» in einer E-Mail klar gemacht, dass sie nicht ins Detail gehen wolle, was ihre eigene Identität betreffe. «Ich habe einen normalen Job, ein reales Leben ausserhalb des Blogs und ich wäre sehr verärgert, wenn ihr euch da reindrängt.» Um ihre Identität zu beweisen, schickte sie ein Bild ihres Fahrausweises – doch dieser gehörte eigentlich Bill Grabers Frau, deren Identität er für seinen Blog angenommen hatte.

Gute Absichten?

Graber gibt an, die Online-Seite in den besten Absichten aufgeschaltet zu haben. Er habe sich darüber aufgeregt, wie schlecht ein befreundetes lesbisches Paar behandelt worden sei und der Gemeinschaft eine Stimme geben wollen. Da er der Meinung gewesen sei, als heterosexueller Mann nicht ernst genommen zu werden, habe er sich die falsche Identität gegeben.

Auf Verständnis stossen die beiden Blogger, die sich als lesbische Frauen ausgegeben hatten, nicht. «Er stiehlt die Stimme marginalisierter Menschen», sagte Liz Henry gegenüber der «Washington Post» über Tom MacMaster alias Amina Arraf. Bei blogHer hatte die Web Producerin mehrere Nachrichten von Amina gepostet. Leah McElrath Renna, eine lesbische Medien-Strategin, die mit dem «Gay Girl in Damascus» Kontakt gehabt hatte, sagte, die Enthüllungen über Amina Arraf und LezGetReal-Bloggerin Paula Brooks seien ein schwerer Vertrauensverlust: «Das Stehlen einer Stimme ist eine ernste Sache.» Melanie Nathan, eine Schwulen- und Menschenrechtsaktivistin, betonte gegenüber dem «Guardian», diese Ereignisse hätten grossen Einfluss auf das Vertrauen, das zwischen Bloggern herrsche, die zusammenarbeiten.

Schwierige Aufgabe für Medien

Doch auch für die Medien stellt sich die Frage, wie mit neuen Kommunikationsmöglichkeiten wie Twitter, Blogs und verwackelten Videos umzugehen sei, deren Echtheit nicht immer zweifelsfrei überprüft werden können. Die Medien sind immer auf der Suche nach glaubwürdigen, fesselnden Geschichten. «A Gay Girl in Damascus» war ein emotional und detaillierter Bericht. Zu interessant, als dass die Zeitungen ihn hätten ignorieren können, schreibt «Gigaom».

Das Online-Debatten-Magazin «The European» bemängelt, dass dem Journalismus heute das Handwerk fehle, um Echtzeit-Berichterstattung mit dem eigenen Qualitätsbekenntnis zu vereinbaren. Angesichts des heutigen Kommunikationsverhaltens könne man nicht mehr nur noch Menschen trauen, deren Authentizität nicht durch Dritte verbürgt sei. Es gebe bei Twitter noch immer keine Möglichkeit, Retweets rückwirkend zu ändern und Falschmeldungen zu korrigieren. Viele Meldungen könnten nicht zweifelsfrei verifiziert werden – ganz besonders, wenn sie aus Krisenregionen stammen. Fraglich sei aber auch, ob man eine Meldung aus Zweifeln an der Richtigkeit ignorieren dürfe, wenn sie bereits über andere Kanäle verbreitet werde. «The European» hofft, dass diese Debatte breit geführt wird.

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