Unberechenbares Wetter: «Die Regierung hilft uns nicht»
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Unberechenbares Wetter«Die Regierung hilft uns nicht»

Das erste Mal hat Araceli Bastida Be den Begriff Klimawandel vor zwei Jahren im TV gehört. Danach begann sie zu verstehen, warum sich das Leben in ihrem Maya-Dorf Tabi südlich von Cancún so grundlegend verändert hat.

von
Arthur Max
AP

Die rund 400 Einwohner Tabis - 250 Kilometer südlich von Cancún in Mexiko - machten damals das zweite Jahr einer Dürre durch. Das Korn, das sie für den Eigenbedarf anbauen, verdorrte. Die Bauern gingen schon bei Morgengrauen zur Feldarbeit, weil bei Mittagshitze keine Bewegung mehr möglich war. Bastida Bes Sohn schaffte in der Hitze seine Schulwege nicht mehr; oft bekam er Kopfschmerzen und kehrte um. Die Sommernächte waren so warm, dass bis Mitternacht viele keinen Schlaf fanden. Die Winternächte wurden dafür so kalt, dass die Einwohner Decken kaufen mussten.

Ein Jahr davor war der Hurrikan «Dean» tief in den mexikanischen Regenwald hineingestossen; er zerstörte Tabis Bienenvölker und deckte etliche Strohdächer ab. «Wir wissen nicht, was passiert», sagt die 31-jährige Bastida Be. «Alles was wir wissen ist, dass sich etwas geändert hat.» Sie ist im Dorf geblieben und baut Getreide an, während ihr Mann sich als Bauarbeiter an der Küste verdingt.

Cancún ist nur 250 Kilometer entfernt

In Cancún beschäftigen sich derweil Delegationen aus 193 Ländern dieser Welt mit Problemen wie denen Tabis. Man sucht Wege, den Ausstoss von Treibhausgasen einzudämmen. Aber die Indios von Tabi können nicht mehr lange warten. Ihre eher planlose Art der Landwirtschaft, geprägt von ihrer 2500 Jahre alten Kultur, kann nicht mehr wie einst genug Lebensmittel produzieren, um sie zu ernähren.

Der Regen zu Beginn der Pflanzzeit konnte einst bis auf den Tag genau vorhergesagt werden. Nun ist völlig ungewiss, ob der Regen kommt oder nicht. Kommt er in dieser Region nicht innerhalb der ersten vier Tage der Pflanzzeit, müssen die Bauern noch einmal aussäen: Im letzten Jahr verloren sie so das Saatgut für eine gesamte Jahreszeit.

Das trockene Wetter tat ein übriges: Die Ernte ging in den vergangenen 15 Jahren nach Angaben des mexikanischen Landwirtschaftsministers um 50 bis 60 Prozent zurück. Einen traurigen Höhepunkt gab es im vergangenen Jahr mit der schlimmsten Dürre seit 60 Jahren.

Sintflutartige Regenfälle

Wissenschaftlern zufolge ist die globale Durchschnittstemperatur erheblich gestiegen, jedes der vergangenen drei Jahrzehnte war wärmer als das vorangegangene. Die Menschen in Tabi bemerkten vor zehn Jahren, dass die Tage wärmer wurden und die Bäume weniger blühten als sonst.

In diesem Jahr erlebten sie ein anderes Wetterextrem: Der Frühjahrsregen brach über Tabi als Sintflut herein. Im Mai fielen fast 35 Zentimeter Niederschlag, zehnmal mehr als im Dürrejahr davor.

Die mexikanische Regierung versuchte unterdessen, der Abholzung des Regenwaldes entgegen zu wirken. Die Vorschriften wurden verschärft. Die Bauern hier sagen aber, sie gingen ohnehin vorsichtig mit dem Wald um.

Brandrodung

Normalerweise gewinnen sie ihre Felder mit Brandrodung. Sie bearbeiten ein wenige Quadratmeter grosses Feld zwei Jahre und wenn der Boden dann erschöpft ist, ziehen sie weiter und lassen es acht Jahre brach liegen. Wie in den meisten Maya-Dörfern gehört das Land allen und jede Familie kann soviel roden und bearbeiten, wie sie will.

«Vor dreissig Jahren hat mein Grossvater zwei Hektar bearbeitet», erzählt der 64-jährige Candelario de Prat einer kleinen Gruppe Journalisten, die von der Klimakonferenz in Cancún angereist sind. «Nun brauchen wir fünf für die selbe Menge Lebensmittel. So messen wird den Unterschied.»

Vor vier Jahren begann Victoria Santos von der gemeinnützigen Organisation Mayische Waldproduzenten Tabi und andere Dörfer regelmässig zu besuchen, um für effektivere Anbaumethoden zu werben. Die Klimaerwärmung werde weitergehen, sagt sie den Bauern, und sie müssten ihr Land besser bestellen. Sie zeigt ihnen, wie man Steine, Baumstümpfe und Wurzeln aus den Feldern entfernt, Furchen zieht und in Reihen pflanzt, um Wasser zu sammeln und zu sparen. Zudem zeigt sie ihnen Saatgut, das besser mit Trockenheit zurechtkommt. Heute ist bei nebeneinander liegenden Äckern der erhebliche Unterschied zu besichtigen, den solche einfachen Methoden schon ausmachen können.

Effektivere Anbaumethoden

«Adaption», Anpassung, nennen das die Wissenschaftler. «Sie haben sich zu Veränderungen entschlossen, dazu, Dinge anders zu machen», sagt Antonio Hill von der Hilfsorganisation Oxfam, die den Ausflug von Cancún nach Tabi organisiert hat. «Und das ist nötig, um die Herausforderung des Klimawandels zu bestehen. Bei der Anpassung geht es um einfache Massnahmen, um mit den Änderungen umzugehen, die jetzt passieren und die noch kommen werden.»

Im vergangenen Jahr haben die reichen Industrieländer 30 Milliarden Dollar Hilfe für die armen Länder bis 2012 versprochen, damit diese sich auf den Klimawandel vorbereiten können. Ab 2020 soll das auf 100 Milliarden jährlich erhöht werden. Die Entwicklungsländer wollen das Geld zur Hälfte für Adaptionsmassnahmen wie in Tabi einsetzen, den Rest zur Senkung des Schadstoffausstosses.

Die Menschen in Tabi wünschen sich weitere Verbesserungen, um ihre Ernte zu sichern. Sie wollen mit Hühnermist und Kompost düngen, aber sie sagen auch, dass sie Geld brauchen, um Brunnen zu graben oder Auffangbecken für Regenwasser und Bewässerungsgräben zu bauen. Bisher reagiere die Regierung nicht auf ihre Bitten. «Die Regierung hilft uns nicht», sagt Dorfbewohner Gerardo Bastida Tolentina. «Sie kümmert sich nicht um die ländlichen Gebiete.»

Darum gehts in Cancún

Im Zentrum der Verhandlungen in Cancún vom 29. November bis 10. Dezember stehen verpflichtende Massnahmen von Industrie- und Schwellenländern zur Verminderung des Treibhausgasausstosses. Ziel ist ein Nachfolgeabkommen für das sogenannte Kyoto-Protokoll, das 2012 ausläuft.

Grundlage der Verhandlungen ist die nicht rechtsverbindliche Vereinbarung der Klimakonferenz von Kopenhagen 2009, die seither von der Mehrheit der Staaten angenommen wurde. Die Vereinbarung sieht unter anderem vor, die Erderwärmung auf höchstens zwei Grad gegenüber vorindustriellem Niveau zu begrenzen, ohne aber konkrete Zahlen für eine CO2-Reduktion zu definieren.

Es wird erwartet, dass am Ende der 16. UNO-Weltklimakonferenz lediglich einzelne Vereinbarungen stehen werden, zum Beispiel in den Bereichen Klimaschutz-Finanzierung, Waldschutz oder Technologietransfer. Mit einem umfassenden, rechtlich verbindlichen Abkommen rechnet kaum jemand.

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