Krieg im Kaukasus: «Die Regierung ist nicht lebensmüde»
Aktualisiert

Krieg im Kaukasus«Die Regierung ist nicht lebensmüde»

Im Konflikt um die abtrünnigen georgischen Provinzen wird seit Tagen scharf geschossen. Der Politikwissenschaftler Kornely Kakachia beurteilt im Gespräch mit 20 Minuten Online die Lage aus georgischer Sicht.

von
Daniel Huber

Herr Kakachia, warum hat Georgien Truppen nach Südossetien geschickt?

Kakachia: Der Hauptgrund für diesen Konflikt ist nicht das militärische Eingreifen von Georgien, sondern die russische Unterstützung der Separatisten in Georgien. Putin hat im April, als er noch Präsident war, die russischen Ministerien angewiesen, ihre Beziehungen mit den beiden abtrünnigen Provinzen zu intensivieren.

Aber es war Georgien, das nun zu den Waffen gegriffen hat.

Kakachia: Die georgische Regierung wollte mit diesen separatistischen Kräften direkt unterhandeln, aber die diplomatischen Mittel haben versagt. Die Separatisten haben — übrigens ermutigt durch die Anerkennung Kosovos — das Gespräch verweigert. In den letzten Monaten haben russische Truppenverstärkungen in Abchasien die Lage weiter angeheizt. So hat Georgien den Separatisten mit Gewalt geantwortet.

Russland hat versucht, Georgien zu provozieren — und hat damit Erfolg gehabt. Es ist wie mit dem Sudetenland, das von Deutschland in den 30er-Jahren benutzt wurde, um die Tschechoslowakei zu destabilisieren.

Hat denn nicht die georgische Regierung selber die Lage verschärft, zum Beispiel als sie Abchasien und Südossetien den Autonomiestatus entzog?

Kakachia: Ja, das war ein Fehler. Georgien hat aber in den letzten Jahren permanent Vorschläge für eine Friedenslösung vorgebracht, im Rahmen der UNO, in Absprache mit der EU und den USA. Keiner davon ist von Russland aufgegriffen worden. Georgien wird auf keinen Fall eine Lösung akzeptieren, die auf ein russisches Protektorat hinausläuft.

Es sieht aber zur Zeit so aus, als erzwinge Russland mit seiner Militärmacht genau diese Protektorats-Lösung.

Kakachia: Nun, die georgische Regierung ist nicht naiv, und sie ist nicht lebensmüde. Natürlich ist den Georgiern klar, dass sie militärisch nicht gegen Russland ankommen. Darum ist der Beistand des Westens so wichtig.

Eben erst hat der russische Aussenminister Lawrow der amerikanischen Aussenministerin Rice gesagt, die einzige Lösung sei ein Regierungswechsel in Georgien. In diesem Krieg geht es nicht um Südossetien oder Abchasien. Es geht um Georgien. Oder um noch mehr.

Sie meinen, es geht um die Wiederherstellung des russischen Imperiums?

Kakachia: Man kann es nennen, wie man will, aber es ist genau das. Die internationale Gemeinschaft wird Russland in Zukunft nicht mehr als «Peacekeeper» in den abtrünnigen georgischen Provinzen akzeptieren. Russland ist ganz klar Partei.

Der russische Vorstoss zielt auf ein Gebiet, das strategisch enorm wichtig ist. Durch Georgien führt die wichtige Baku-Ceyhan-Pipeline, die das Ölfördergebiet um das Kaspische Meer mit dem Mittelmeer verbindet.

Warum hört man eigentlich nichts von Kämpfen in Adscharien?

Kakachia: Das ist ein ganz anders gelagerter Konflikt. In Adscharien leben praktisch nur ethnische Georgier, die muslimischen Glaubens sind. Seit 2004 der starke Mann in Adscharien [Aslan Abaschidse, d. Red.], der dort eine Art Mafia-Herrschaft errichtet hatte, von der Macht vertrieben wurde, gab es keine Probleme mehr.

Was sagen Sie zu den Berichten, georgische Soldaten hätten in Ossetien Zivilisten in Häuser gesperrt und diese dann in Brand gesteckt?

Kakachia: Ich habe davon gehört. Ich verfolge die Sendungen am russischen Fernsehen. Ich kann den Wahrheitsgehalt solcher Berichte nicht beurteilen, denn sie werden nicht von anderen, unabhängigen Quellen bestätigt. Sicher ist, dass in den russischen Medien eine gewaltige Propaganda-Show läuft. Man zeigt nur die eine Seite des Konflikts, nur die Opfer in Zchinwali. Die Angriffe auf georgische Zivilisten — gerade jetzt, wie ich mit Ihnen rede, wird Tiflis wieder bombardiert — werden nicht gezeigt. Wer den Medienkrieg gewinnt, gewinnt den Krieg.

Kornely K. Kakachia

besitzt ein Doktorat der politischen Wissenschaften der Universität von Tiflis (Georgien), wo er zudem Geschichte und Recht studiert hat. Zeitweise war er als Analytiker für die Beobachtungsmission der UNO in Georgien tätig.

Zur Zeit ist Kakachia Direktor der Schule für politische und internationale Beziehungen der Universität von Tiflis.

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