Klimaerwärmung: Die reichsten 10 Prozent sind an der Hälfte aller CO₂-Emissionen schuld
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KlimaerwärmungDie reichsten 10 Prozent sind an der Hälfte aller CO₂-Emissionen schuld

Heizen, Fliegen, Essen: Je reicher die Menschen sind, desto mehr CO₂-Ausstoss verursachen sie. Die Hälfte der Treibhausgase wird weltweit von nur 10 Prozent der Bevölkerung verursacht.

von
Raphael Knecht
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Die Reichen können es sich leisten, die Umwelt zu belasten.

Die Reichen können es sich leisten, die Umwelt zu belasten.

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Die reichsten 10 Prozent der Welt sind für 52 Prozent der CO₂-Emissionen verantwortlich.

Die reichsten 10 Prozent der Welt sind für 52 Prozent der CO₂-Emissionen verantwortlich.

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Im Gegensatz dazu ist die ärmere Hälfte der Weltbevölkerung für lediglich 7 Prozent des Gesamtausstosses verantwortlich, wie es in einer Studie von Oxfam heisst

Im Gegensatz dazu ist die ärmere Hälfte der Weltbevölkerung für lediglich 7 Prozent des Gesamtausstosses verantwortlich, wie es in einer Studie von Oxfam heisst

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Darum gehts

  • Wer reich ist, belastet das Klima tendenziell mehr, als wer wenig Einkommen hat.
  • In der Schweiz liegt die CO₂-Belastung pro Kopf und Jahr bei 15 Tonnen.
  • Die reichsten 10 Prozent der Schweiz verursachen jährlich hingegen 40 Tonnen CO₂.
  • Trotzdem sind besonders ärmere Menschen von den Konsequenzen des Klimawandels betroffen.

Die weltweit reichsten 10 Prozent sind von 1990 bis 2015 für über die Hälfte des CO₂-Ausstosses verantwortlich gewesen. Das zeigt ein Bericht der Entwicklungsorganisation Oxfam vom Montag. Das reichste Prozent allein sei an 15 Prozent der gesamten weltweiten CO₂-Emissionen schuld.

Im Gegensatz dazu ist die ärmere Hälfte der Weltbevölkerung für lediglich 7 Prozent des Gesamtausstosses verantwortlich, wie es weiter heisst. Zu den Top-10-Prozent gehört man bereits ab einem Nettoeinkommen von 35’000 Franken im Jahr – weltweit sind das 630 Millionen Menschen. In der Schweiz beträgt das durchschnittliche Jahreseinkommen um die 60’000 Franken netto.

Schweiz weit über Durchschnitt

In der Schweiz sind die reichsten 10 Prozent zwar lediglich für rund ein Drittel der CO₂-Emissionen im Land verantwortlich. Pro Kopf verursachen diese Personen allerdings jährlich 40 Tonnen CO₂. Über die gesamte Schweizer Bevölkerung gesehen sind es im Schnitt 15 Tonnen pro Kopf und Jahr.

Damit liegt die Schweiz weit über den globalen Durchschnittswerten: Weltweit sind es 6 Tonnen CO₂ pro Person, in Europa 8,2 Tonnen. Die reichsten 10 Prozent der Welt verursachen im Schnitt 25 Tonnen, also fast die Hälfte der reichsten 10 Prozent der Schweiz.

«Die Ärmsten zahlen den grössten Preis»

Die unterschiedliche Verteilung sei nicht nur unfair, weil die Reichen ein grösseres CO₂-Budget haben als die Armen, sagt Oxfam-Chef Danny Sriskandarajah: «Der Überkonsum der reichen Minderheit befeuert die Klimakrise, und die Ärmsten der Welt zahlen den grössten Preis.» Weniger wohlhabende Personen seien besonders von den durch die Klimaerwärmung verursachten Umweltphänomenen wie etwa Fluten oder Stürmen betroffen.

Für die Ungleichheit macht Oxfam vor allem die Politik verantwortlich. Sie fördere den Konsum und spalte die Welt ökonomisch in Gewinner und Verlierer. Statt den Konsum der Reichen zu beflügeln, müsse das weltweite CO₂-Budget genutzt werden, um der gesamten Menschheit einen besseren Lebensstandard zu ermöglichen.

2,1 Tonnen CO₂ pro Kopf

Bis 2030 müsste der weltweite Durchschnitt auf 2,1 Tonnen CO₂ im Jahr reduziert werden, wie die Studienautoren weiter schreiben. Nur so könne man die globale Erwärmung auf 1,5 Grad einschränken.

Oxfam fordert darum, den CO₂-Verbrauch der Wohlhabenden einzuschränken, mehr in öffentliche Infrastruktur zu investieren und die Wirtschaft klimagerecht umzubauen. Die Organisation schlägt etwa vor, besondere Steuern auf SUV und Sportwagen sowie auf regelmässige Business- oder Privatjetflüge einzuführen. Dieses Geld soll dann in umweltfreundliche Jobs, etwa im Sozialbereich, und grüne öffentliche Verkehrsmittel gesteckt werden.

Die öffentliche Hand müsse zudem in energieeffiziente, erschwingliche Wohnräume investieren. Denn so könnten Regierungen gleichzeitig die Armut und die Klimaerwärmung bekämpfen.

Das Schweizer Parlament behandelt derzeit den Entwurf für das neue CO₂-Gesetz nach 2020. Darin heisst es, dass die CO₂-Lenkungsabgabe auf fossile Brennstoffe das Kernstück der Schweizer Klimapolitik bleiben soll. Zur Diskussion steht auch eine Abgabe für Privatflüge von mindestens 500 und bis zu 5000 Franken.

Spezialziele für Luxusmarken

Beim Bundesamt für Energie heisst es auf Anfrage, dass es zwar keine Steuer auf SUV gebe, dass SUV aber in der Regel mehr CO₂ ausstossen und eher für Abweichungen von den Emissionsvorschriften sanktioniert werden. Und für einige Sportwagen-Marken wie etwa Ferrari, Aston Martin und Lamborghini gelten bereits jetzt höhere Spezialziele.

Konkrete Pläne für eine weitere besondere Steuer auf bestimmte Fahrzeugtypen gebe es nicht. Im Gegenteil: Eine Motion, dass alle Marken bezüglich CO₂-Abgaben künftig gleichbehandelt werden sollen, wurde vom Ständerat im August angenommen.

Weniger CO₂

Hilft die Coronavirus-Krise gegen Klimaerwärmung?

Zwar hat die Corona-Krise die CO₂-Ausstösse verlangsamt. Allerdings müssen die Emissionen reduziert werden, um die Klimaerwärmung effektiv zu verlangsamen, schreibt Oxfam. Es bestehe das Risiko, dass die CO₂-Zahlen schneller wieder aufs alte Niveau steigen, wenn die Regierungen weltweit die wirtschaftlichen Massnahmen weiter lockern. Der temporäre Ausreisser würde in diesem Fall wenig gegen die Klimaerwärmung ausrichten. Immerhin: Die Coronavirus-Krise habe gezeigt, dass die Regierungen bei einer grossen Bedrohung radikal reagieren können und dass auch die Reichen der Welt im Interesse der Allgemeinheit ihre Lebensweise auf «undenkbare Weise» verändern können, schreibt Oxfam weiter: «Jetzt ist die letzte Chance, eine fairere Wirtschaft zu schaffen und unser Klima für künftige Generationen zu sichern.»

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