Schliessungs-Initiative: Die Reitschule zieht in die fünfte Schlacht
Aktualisiert

Schliessungs-InitiativeDie Reitschule zieht in die fünfte Schlacht

Schwimmbad oder Kulturzentrum: Am Sonntag können die Berner die Reithalle für immer schliessen. In der Hauptstadt ist ein heftiger Wahlkampf entbrannt.

von
Adrian Müller

Zum fünften Mal innert elf Jahren müssen die Berner an der Urne über das Schicksal der Reithalle entscheiden. Zu verdanken haben sie dies dem SVP-Heisssporn und Lastwagenfahrer Erich J. Hess, der die Schliessungs-Initiative angestossen hat. Er zeichnet das Bild des rechtsfreien Raums mit Krawallbrüdern und Dealern, die die «Halle» im Griff haben. «Es löscht jedem Touristen ab, wenn er die ‚grusige' Reitschule bei der Einfahrt in die Stadt sieht», sagt Hess im Gespräch mit 20 Minuten Online. Hess will laut Initiativtext die Reitschule an den Meistbietenden verkaufen und das denkmalgeschützte Gebäude in ein Schwimmbad oder eine Markthalle verwandeln.

Linke hoffen auf wuchtiges Nein

Im linken Bern werden der neuen Initiative nur geringe Chancen eingeräumt. 2009 etwa retteten die Berner das Kulturzentrum Progr mit über 66 Prozent Ja-Stimmen vor einem Verkauf an eine Zürcher Baufirma. Der Wahlkampf über die Zukunft der Reitschule hat trotzdem die nationale Bühne erreicht. Müslüm, der Robin Hood vom Bosporus, hat mit seinem Videoclip «Erich, warum bisch Du nid ehrlich», die Charts gestürmt und einen YouTube-Hit gelandet . «Die Leute glauben dank dem Clip wieder an das Gute. Die Pro-Reitschule-Kampagne hat zudem die Kunstszene in der Stadt gefestigt und zusammenrücken lassen», so Komiker Semih Yavsaner aka Müslüm.

Selbst die Zielscheibe Erich J. Hess dreht ob dem Video nicht im roten Bereich. «Ich habe keine Mühe damit, bei Satire ist fast alles erlaubt.» Weniger gelassen sieht er der kommenden Abstimmung entgegen. Hess hat in den letzten Tagen «durchzogene Rückmeldungen» erhalten. Für ihn wären weniger als 30 Prozent Ja-Stimmen eine Katastrophe. «Diesmal muss die rechtspopulistische Seite eine grosse Niederlage einstecken, damit sie es in den nächsten 30 Jahren nicht mehr wagt, wieder eine Initiative gegen die Reitschule zu lancieren», hofft dagegen Stadtrat Hasim Sancar (GB/JA). Dafür kämpfen auch prominente Bands: Im Reitschul-Umfeld herangewachsene Musikstars wie Züri West, Patent Ochsner oder Steff la Cheffe steuern Songs für eine Abstimmungs-CD bei.

Als Junkies das Bild trübten

Noch vor zwei Jahren kämpfte die Reitschule mit einer offenen Drogenszene unter der Eisenbahnbrücke – und verspürte viel politischen Gegenwind. Bis zu 100 Junkies setzten sich dort unter widrigsten Bedingungen die Nadel, Schlägereien auf dem Vorplatz gehörten zur Tagesordnung. Zudem verschanzten sich immer wieder gewaltbereite Krawallbrüder im Kulturzentrum – etwa bei der SVP-Demo im Oktober 2007. «Die Zeiten, als sich gewalttätige Demonstranten in die Reitschule zurückgezogen haben, sind vorbei», sagt der Berner Sicherheitsdirektor Reto Nause der «Berner Zeitung.» Zudem seien Attacken gegen Polizei undSanität, wie sie früher aus der Reitschule heraus getätigt wurden, deutlich zurückgegangen.

Semih Yavsaner ist zuversichtlich, aber nicht euphorisch im Hinblick auf die Abstimmung vom Sonntag. «Mir reichen 50.1 % Nein-Stimmen – Hauptsache, wir können am Sonntag in der Reitschule auf die Zukunft anstossen», so der Komiker.

Der Youtube-Hit von Müslüm:

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