13.08.2020 15:48

In Minsk im GefängnisDie Ringer-Welt flext ihre Muskeln für inhaftierten Walliser

Noch hat niemand Kontakt zu Tanguy Darbellay, dem in Minsk, Weissrussland, inhaftierten Walliser Ringer. Hinter den Kulissen aber ist allerhand am Tun. Auch die Ringer-Szene spannt zusammen.

von
Ann Guenter
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Tanguy Darbellay: Der Ringer aus dem Unterwallis suchte letztes Jahr sein Glück in Weissrussland.

Tanguy Darbellay: Der Ringer aus dem Unterwallis suchte letztes Jahr sein Glück in Weissrussland.

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In Minsk, einem regelrechten Ringer-Mekka, wollte er nicht nur trainieren, sondern auch den Alltag und die Sprache kennen lernen.

In Minsk, einem regelrechten Ringer-Mekka, wollte er nicht nur trainieren, sondern auch den Alltag und die Sprache kennen lernen.

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Jetzt wurde der 21-Jährige am Rande der Proteste verhaftet, die seit letzten Sonntag das Land erschüttern.

Jetzt wurde der 21-Jährige am Rande der Proteste verhaftet, die seit letzten Sonntag das Land erschüttern.

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Darum gehts

  • Der Walliser Ringer Tanguy Darbellay (21) sitzt in einem Minsker Gefängnis in Haft.
  • «Wir warten auf die Bewilligung eines Besuchs», so eine Sprecherin des Aussendepartements EDA.
  • Gleichzeitig setzt sich auch die Schweizer Ringerwelt für ihren Kollegen ein.
  • Auch der Weltringerverband UWW hat sich eingeschaltet.

Noch immer kein Lebenszeichen von Tanguy Darbellay (21), dem seit Montag in Weissrussland inhaftierten Ringer aus dem Unterwallis. Während Bern mit den weissrussischen Behörden in dieser Sache verhandelt – «Wir warten auf die Bewilligung eines Besuchs», so eine Sprecherin des Aussendepartements EDA –, nutzt die Schweizer Ringerwelt alle ihre Kanäle, um den 21-Jährigen zu unterstützen.

«Wir haben exzellente Beziehungen nach Weissrussland», sagt Rudolf Wieland vom Zentralvorstand der Swiss Wrestling Federation (SWFE) zu 20 Minuten. So habe etwa der technische Direktor von SWFE beim Präsidenten des weissrussischen Ringerverbandes interveniert – bislang allerdings ohne Erfolg. «Der Verband kann sich nicht so für Tanguy einsetzen, wie wir uns das vorstellen. Das Ganze ist politisch hochbrisant, weswegen diese Verbandsleute nicht involviert werden möchten.» Auch der Weltringerverband United World Wrestling UWW mit Sitz in Corsier-sur-Vevey habe sich mittlerweile eingeschaltet. Der Verband hat gute Beziehungen nach Minsk und darüber hinaus – der Vizepräsident soll ein persönlicher Freund des russischen Präsidenten Wladimir Putin sein. «Wir hoffen, dass dieser mit seinen starken politischen Verbindungen eine gute Lösung bewirken kann», so Wieland.

«Das Thema Politik sollte man wirklich aussen vor lassen»

Wieland war selbst mehrfach in Weissrussland. Wie hat er das Land wahrgenommen? «Das sind sehr offene, neugierige und freundliche Menschen. Die Kommunikation klappt, selbst wenn kaum jemand Englisch spricht», so Wieland. «Man kann sich frei bewegen, aber das Thema Politik sollte man wirklich ganz aussen vor lassen. Am besten man spricht über Sport und übers Ringen, das dort Nationalsport ist.»

Gab es andere Momente, in denen er gemerkt hatte, dass er ein autokratisch regiertes Land besuchte? «Letztes Mal war ich anlässlich der Eishockey-WM in Minsk. Da der weissrussische Präsident Alexander Lukaschenko ein Eishockey-Fan ist, hat er die Visumspflicht für alle WM-Besucher kurzerhand aufgehoben. So etwas ist schon speziell.»

«Tanguy hat sicher nichts Provozierendes gemacht»

Darbellay war letztes Jahr vom Unterwallis nach Minsk ausgewandert. «In Minsk konnte er Studium und Ringen unter einen Hut bringen. Sein Ziel ist die Olympiade in Paris 2024 – und in Weissrussland kann er mit den Besten aus ganz Osteuropa trainieren.» Dass sich der Athlet in irgendeiner Weise falsch oder unvorsichtig verhalten haben könnte, kann sich Wieland nicht vorstellen. «Tanguy hat sicher nichts Provozierendes gemacht oder sich falsch verhalten. Dafür ist er zu intelligent und kennt das Leben dort zu gut.»

Auch Raphaël Martinetti, Ex-Präsident des Weltringerverbandes UWW und selbst Walliser, wurde aktiv, als er vom Schicksal des Walliser Ringers hörte. «Ich habe dem Präsidenten der weissrussischen Ringerföderation sofort ein Mail geschrieben und ihn gebeten, das Maximale für Tanguy zu tun», sagt er. Noch habe er keine Antwort erhalten, was ihn nicht wundere, zumal das Internet in Weissrussland immer wieder unterbrochen werde. Doch Martinetti will nicht aufgeben: «Wenn ich bis morgen nichts höre, versuche ich es telefonisch.»

So viel steht fest: Die Ringerwelt steht geschlossen hinter Darbellay und wird ihr ganzes Gewicht einbringen, um den jungen Schweizer aus dem Minsker Gefängnis zu holen. Oder wie Rudolf Wieland vom Zentralvorstand der Swiss Wrestling Federation (SWF) betont: «Nicht umsonst redet man weltweit von der Ringerfamilie.»

Weissrussland

700 Festnahmen bei weiterer Protestnacht

Bei den Protesten gegen Wahlfälschung unter Präsident Alexander Lukaschenko sind bis Donnerstagmorgen insgesamt fast 7000 Menschen festgenommen worden.

Allein in der vergangenen Nacht habe es etwa 700 Festnahmen gegeben, teilte das Innenministerium in Minsk mit. In den Nächten zuvor hatten die Sicherheitskräfte noch deutlich mehr Menschen in Gewahrsam genommen. Die Uniformierten gingen dabei teils äusserst brutal gegen friedliche Demonstranten vor und schlugen auf sie ein.

Unabhängig überprüfen lassen sich die Angaben des Innenministeriums nicht. Wie viele Demonstranten mittlerweile wieder freigelassen wurden, ist nicht bekannt. Vor den Gefängnissen forderten Angehörige immer wieder die Freilassung von Festgenommenen.

Nach Angaben der Behörden wurden seit Beginn der Proteste mehr als 100 Sicherheitskräfte verletzt. 28 von ihnen seien ins Krankenhaus gekommen. Neue Zahlen zu verletzten Demonstranten lagen zunächst nicht vor. Nach früheren Angaben wurden mindestens 250 Menschen in dem zwischen Russland und EU-Mitglied Polen gelegenen Land verletzt.

Die Proteste dauern seit der Präsidentenwahl am Sonntag an. Lukaschenko hatte sich dabei nach 26 Jahren im Amt zum sechsten Mal in Folge zum Sieger erklären lassen. Die Demonstranten gehen aber davon aus, dass die Abstimmung massiv gefälscht wurde. (sda)

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66 Kommentare
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LM AA

14.08.2020, 10:34

Wahlresultate, welche nicht bewissenermassen durch Wahlfälschung zu Stande gekommen sind, sind von Demokratieanhängern zu respektieren. Die Schweiz sollte ihre Staatsbürger, welche sich an Krawallen gegen öffentliche Wahlresultate beteiligen, wenn nicht direkt verhaftbar, international zur Verhaftung ausschreiben und zusätzlich mit Haft und Bussen abstrafen.

Flext Ihre Muskeln, hm

14.08.2020, 09:14

Klingt nach dem Artikel eher so, als würde da nicht viel bewegt. Mal abwarten, aber ich wüsste nicht wie eine Osteuropäische Diktatur sich von so was einschüchtern lassen sollte.

Fred

14.08.2020, 08:06

schickt ein Sms. Freedarbellay an 299