Pocher vs. Kachelmann: Die Rolle des Arschlochs
Aktualisiert

Pocher vs. KachelmannDie Rolle des Arschlochs

Das deutsche Feuilleton geht mit Oliver Pochers Kachelmann-Parodie hart ins Gericht. Dabei ist bei dem Pausenclown schon lange Schluss mit lustig, glaubt unser Autor Philipp Dahm.

«Peinlich, peinlicher, Pocher», überschreibt «Die Welt» ihre Bildstrecke vom ersten Prozesstag in Mannheim, bei dem die Frage geklärt werden soll, ob Jörg Kachelmann eine Frau vergewaltigt hat. Der Komödiant hatte sich als Doppelgänger des Angeklagten ausgegeben – und muss sich nun selbst Klagen ob seiner wenig originellen Vorstellung anhören. Das deutsche Feuilleton ätzt, die Pocher-Parodie sei mehr Ausdruck eines Dramas als ein Schwank (siehe obige Bildstrecke). Es geht um die Grenze des guten Geschmacks: Billiger Klamauk habe bei einem Prozess dieser Tragweite nichts verloren, argumentieren die Kritiker.

Eine Verzweiflungstat

Man muss kein Medienprofi sein, um hinter dem in Kauf genommenen Eklat den Quotendruck zu erkennen: Nachdem der TV-Sender Sat.1 Pocher gewiss nicht für ein Trinkgeld von der ARD losgeeist hatte, floppte die erste Staffel seiner Talk-Show am Freitagabend kläglich. Auch der neue Sendeplatz kann den Abwärtstrend nicht stoppen. Die ersten beiden Sendungen der «Oliver Pocher Show» erreichten am Freitagabend um 23.15 Uhr laut «Meedia.de» nur 9,5 Prozent und 6,5 Prozent der Zuschauer zwischen 14 und 49 Jahren: Die Luft für den Fernsehclown wird also dünn.

Kachelmann: Alice Schwarzer und Birkenstock

Was ist aus dem Medienliebling geworden, den der Boulevard einst zum Kronprinzen des Unterhaltungskönigs Harald Schmidt hochgejubelt hat? Früher hatte der Hannoveraner die Frechheit und Dreistigkeit eines Stefan Raab: Die Einlagen solcher Komiker waren immer dann stark, wenn sie ihre «Opfer» direkt und ehrlich konfrontierten. Als Beispiel soll das «Raabigramm» an Verona Pooth, damals noch Feldbusch, dienen, in der der Moderator der Kollegin ins Gesicht singt: «Doch für viele bist du nur eine Wichsvorlage!»

Stefan Raab besingt Verona Feldbusch. Quelle: YouTube

Früher frech, direkt, frei Schnauze

Oliver Pocher hatte Erfolg, weil er die glatten, bieder nachfragenden Moderatoren seiner TV-Ära ausstach. Das Rezept: Rede so wie dir der Schnabel gewachsen ist – und scheue dich nicht, Tabuthemen anzusprechen. 2002 bekam der frühere Swiss-Life-Angestellte bei «Viva» seine eigene Showbühne für «Alles Pocher, … oder was?». Ein Jahr später gründete er seine eigene Vermarktungsfirma, an der Stefan Raab übrigens beteiligt ist. 2005 startet «Rent a Pocher»: In dem TV-Format konnte der Komiker immer wieder seine Stärken ausspielen, wenn er spontan und schlagfertig auf den Nonsens seines Gegenübers reagierte.

Pocher-Interview mit der Boyband B3 bei «Alles Pocher, … oder was?». Quelle: YouTube

«Rent a Pocher» bei einer «Playboy»-Party. Quelle: YouTube

Anfangs also sprachen die Pocher-Possen einem aus dem Herz, wenn der Pausenclown mal wieder den Schicken auf dem roten Teppich klarmachte, wie affig sie doch sind. Doch mit steigendem Erfolg sank die Hemmschwelle. Die zu dissen, die ohnehin wie im Rausch ins Rampenlicht drängten, ist eine Sache. Eine andere ist es, Leuten dumm zu kommen, die einen nicht verstehen können, die naiv sind oder unbedarft. Mariah Carey beispielsweise als «Presswurst» zu titulieren, ist vielleicht richtig und möglicherweise witzig. Doch die Courage, das auch auf Englisch zu übersetzen, hatte Pocher 2007 in der TV-Show «Gottschalk & Friends» nicht, als die Amerikanerin daneben sass.

Oliver Pocher auf der Millionärsmesse in München: Die osteuropäische Frau des betuchten Besuchers wird gnadenlos als Nutte dargestellt. Quelle: YouTube

Ruhm korrumpiert

Pocher gewinnt Preise, scherzt sich durch Verleihungen und wird Harald Schmidt zur Seite gestellt. Der frühere Schul-Kasper war ein Star geworden. Er war mit «taff»-Moderatorin Annemarie Warnkross zusammen und dann mit «Bachelorette» Monica Ivancan, bevor er Sandy Meyer-Wölden kennenlernte. Die fünf Jahre jüngere Ex von Boris Becker hatte er auf der Bühne noch kräftig verhöhnt, als ihre Beziehung zur Tennis-Legende scheiterte, doch seine Freundin bekundete artig, sie könne Spass verstehen. Dann verklagte sie Sido, weil er sie «olle Crack-Braut» genannt hatte.

Von der Adoleszenz eingeholt

Inzwischen ist Pocher dort angekommen, wo er früher wohl nie hin wollte: in der Adoleszenz und im bürgerlichen Leben. Er hat seit Februar eine Tochter und besucht mit der Mutter Boxkämpfe, bei denen er den Reportern einen flotten Witz in die Kamera spricht. In seine neue Sat.1-Show lud er seinen Vater ein: Wie würde er wohl heute reagieren, wenn ihn jemand in bester Pocher-Manier als «dickes Dirk-Bach-Double» bezeichnen würde?

Ein entlarvendes Interview mit dem Deutschen haben die ORF-Angestellten Dirk Stermann und Christoph Grissemann im September 2009 geführt. Sie fragten ihn (bei Minute zehn) in «Willkommen Österreich»: «Muss man nicht auch ein Arschloch sein, um so was zu machen? Wenn man keine Hemmungen mehr hat?» Pochers peinlich-ausweichende Antwort: «Man ist dann ja auch in so einer Rolle…» Diese Rolle des Arschlochs hat er offenbar verinnerlicht.

Pocher bei «Willkommen Österreich». Quelle: YouTube

Vom einstigen Medienrebell ist zwar nichts übrig, doch Pocher selbst rechtfertigt seinen jüngsten Fauxpas mit genau diesem Argument. Ein Sprecher sagte auf Nachfrage von «Stern.de»: «Oliver Pocher drehte heute einen Beitrag für seine Show am Freitag, in der er regelmässig auf die ihm eigene Art Medien und das sogenannte Medienbusiness karikiert.» Das war früher mal: Heute macht er seine Scherze ausschliesslich auf anderer Leute Kosten.

Deine Meinung