Welsche zu Bremser-Kritik: «Die Romandie soll die Unabhängigkeit erklären»

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Welsche zu Bremser-Kritik«Die Romandie soll die Unabhängigkeit erklären»

Romands seien «Bremser», wurde in einer Zürcher Hotelfachschule gelehrt. Viele Leser stimmen dem zu – sogar solche aus der Romandie. Doch es gibt auch Widerspuch.

von
lüs
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Das Arbeiten hätten les Welsch nicht erfunden, besagt das Klischee.

Das Arbeiten hätten les Welsch nicht erfunden, besagt das Klischee.

Keystone/Dominic Favre
Diese Grafik aus einem Manual der Zürcher Hotelfachschule Belvoirpark sorgte für Diskussionsstoff: Westschweizer werden darin als «Bremser» bezeichnet.

Diese Grafik aus einem Manual der Zürcher Hotelfachschule Belvoirpark sorgte für Diskussionsstoff: Westschweizer werden darin als «Bremser» bezeichnet.

zVg
Im März 2012 sorgte dieses Cover der «Weltwoche» für Aufregung: Das Wochenblatt des heutigen SVP-Nationalrats Roger Köppel bezeichnete die Romands als «die Griechen der Schweiz».

Im März 2012 sorgte dieses Cover der «Weltwoche» für Aufregung: Das Wochenblatt des heutigen SVP-Nationalrats Roger Köppel bezeichnete die Romands als «die Griechen der Schweiz».

Screenshot Weltwoche

Ein Diagramm, das der Direktor der Zürcher Hotelfachschule Belvoirpark im Unterricht zeigte, sollte aufzeigen, welche Personengruppen in Unternehmen als «Bremser» wirken. Explizit aufgeführt waren Westschweizer.

Die Aussage, Romands seien Bremser, stösst auf breite Zustimmung: Bei einer Online-Umfrage von 20 Minuten, an der über 1800 Leser teilnahmen, gaben 54 Prozent an, sie würden dies auch so erleben. 21 Prozent hingegen sind der Meinung, das stimme überhaupt nicht. Die restlichen 25 Prozent der Umfrageteilnehmer finden, sie seien nicht in der Lage, dies zu beurteilen.

«Romands nehmen es oft zu locker»

In den Kommentaren der 20-Minuten-Leser heisst es unter anderem, die Romands würden es «einfach oft zu locker» nehmen. Viele Kommentatoren ziehen ihre Erfahrungen aus dem Militärdienst heran. Leser Arnold stellt fest: «Wer einmal im Militär war mit Romands, der weiss, dass das stimmt.»

Auch Frank N. Stein hat entsprechende Erfahrungen aus dem Militärdienst, äussert aber Verständnis: «Hat wahrscheinlich mit der eher französisch angehauchten Mentalität zu tun, dort tickt einfach alles etwas anders. Die Romand-Züge im Militär hatten immer so eine ‹Chumi hüt nöd, chumi morn›-Einstellung.»

«Hatte in der RS mit Welschen eine tolle Zeit»

Leser Robert Leuenberger hingegen denkt gern an seinen Dienst mit den Romands zurück, er habe viel Spass gemacht: «Ich hatte mit den Welschen in der RS eine tolle Zeit.» Was andere kritisieren, hat ihm gefallen: «Sie sind einfach in vielen Dingen lockerer.»

Was aber sagen die Romands selber? Sehen Sie sich auch als Bremser? Der Bericht, der auf 20minutes.ch in einer französischen Übersetzung publiziert worden ist, löst teilweise heftigen Widerspruch aus. «Was in der Schweiz wirklich die Wirkung einer Bremse hat, ist, dass Schweizerdeutsch gesprochen wird», ärgert sich etwa CatWoman.

«Fühlte mich in der Deutschschweiz wie ein Immigrant»

Und ein Romand, der angibt, seit drei Jahren in der Deutschschweiz zu leben, sagt, die Bremser-Aussage zeige etwas, worunter er persönlich leide: «Ich war schockiert über die Kommentare, die ich mir über Romands anhören musste. Gerade wenn es darum geht, Stellen zu besetzen, werden Westschweizer diskriminiert. Ich fühlte mich anfänglich wie ein Immigrant.» Dem widerspricht Leser Guillaume: «Ich arbeite in der Deutschschweiz. Die Mehrheit der Deutschschweizer schätzt die Romands.»

Leser Alpinecharro sagt zum Vorwurf, Westschweizer seien Bremser: «Die Wahrheit tut weh.» Er habe vier Jahre in Zürich gearbeitet und träume heute davon, dorthin zurückzukehren: «Dort ist die wahre Schweiz, in der Romandie herrscht Dekadenz.»

«In der Deutschschweiz wird man besser bedient»

Auch Leser Markito übt welsche Selbstkritik: «Ich bin einverstanden mit dem, was an dieser Hotelfachschule gesagt wurde. Die Romands glauben, sie seien die Könige der Hotellerie, nur weil sie in Genf Emire beherbergen.» Dabei werde man in der Deutschschweiz als Gast viel besser empfangen und bedient.

Auf der Facebook-Seite von 20 minutes nimmt ein Leser den Artikel zum Anlass, die Unabhängigkeit der Romandie von der Deutschschweiz zu fordern, und erhält für die Idee, einen eigenen Staat zu gründen, Beifall von einem anderen User: «Damit bin ich absolut einverstanden. Aber die Kantone Freiburg und Wallis müssen vorher ihre deutschsprachigen Gebiete abtrennen.»

«Die Griechen der Schweiz»

Dass Kritik aus der Deutschschweiz in der Romandie für Empörung sorgt, kommt immer wieder vor. Hohe Wellen schlug 2012 eine «Weltwoche»-Titelseite, die die Romands als «die Griechen der Schweiz» bezeichnete. Manche Westschweizer reagierten darauf mit viel Humor, indem sie eigene «Welschwoche»-Cover entwarfen (siehe Bildstrecke).

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