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WeltmeisterDie Rückkehr der «Big Red Machine»

Russland ist zum 26. Mal Eishockey-Weltmeister. Wir haben bei der WM 2012 in Finnland und Schweden die besten Russen aller Zeiten gesehen.

von
Klaus Zaugg
Helsinki

Das beste Russland aller Zeiten? Eine gewagte Behauptung. Immerhin haben die Russen (die Sowjets) das Welteishockey in den 1960er-, 1970er- und 1980er-Jahren noch ganz anders dominiert und zwischen 1963 und 1990 20 WM-Titel geholt.

Und doch: Dieses Russland, das mit einem 6:2 im Finale gegen die Slowakei den 26. WM-Titel geholt hat, ist das beste aller Zeiten.

KHL vs. NHL

Das neue Selbstvertrauen der Russen war schon am 21. Januar 2012 zu spüren. Im Rahmen des KHL-All-Star-Games in Riga wurden ein paar Medienkonferenzen mit den KHL-Generälen und den KHL-Stars organisiert. Die am häufigsten gestellte Frage: «Warum sind wir besser als die NHL?» Es war eine eindrückliche, im Westen kaum beachtete Demonstration des neuen Selbstverständnisses der russischen Hockeykultur.

Der WM-Triumph Russlands ist eben auch ein Triumph der KHL. Diese Rückkehr an die Weltspitze (Russland ist auch in der Weltrangliste die Nr. 1) läuft parallel mit der zügig voranschreitenden Professionalisierung der heimischen Liga KHL, die sich von einer abenteuerlichen Liga im «Wilden Osten» immer mehr zu einer echten Konkurrenzliga der allmächtigen nordamerikanischen NHL entwickelt. Bereits 17 Spieler aus dem Weltmeisterteam verdienen ihr Brot in der KHL und nur noch 8 in der NHL. Die KHL-Stars sind inzwischen dazu in der Lage, die Mannschaft zu tragen und die besten NHL-Spieler sind dazu die perfekte Ergänzung. Cheftrainer Sinetula Biljaletdinow braucht die NHL-Stars nicht mehr zu verheizen. Im Weltmeisterteam hat keiner im Schnitt mehr als 21 Minuten Eiszeit – und keiner weniger als 11 Minuten. Diese Ausgeglichenheit der vier Blöcke hat die Gegner vor unlösbare Probleme gestellt.

Die Hockeywelt muss sich nun wieder auf eine längere Dominanz der Russen einstellen: Das Olympiaturnier von 2014 in Sotschi ist eine heilige nationale Aufgabe. Sotschi dynamisiert die gesamte russische Hockeykultur: Die KHL und die Nationalmannschaft. Es mag vielleicht an einem ganz besonderen Tag gelingen, diese Russen bei den nächsten WM-Turnieren zu besiegen – das ist die Chance beim K.o-Modus. Aber es wird ein Hockeywunder brauchen für diesen einen Sieg.

Die «Big Red Machine» ist zurück

Gewiss, es war gestern kein grosses, kein dramatisches Finale, an das wir uns lange erinnern werden. Selbst nach der Führung der Slowaken (1:0) war bis unters Dach der Arena zu spüren, dass die Wende lediglich eine Frage der Zeit sein würde. Und tatsächlich: Die Russen liessen sich nicht beirren. Sie gingen keine taktischen Risiken ein. Sie spielten einfach weiter. Mit der Unerbittlichkeit einer Maschine.

Und doch war es ein ganz besonderes Finale: Wir haben nämlich die eindrückliche Rückkehr der «Big Red Machine» erlebt. Das 6:2 im Finale war der 10. Sieg in Serie an dieser WM (44:14 Tore). Bei den Titelgewinnen von 2008 und 2009 blieben die Russen zwar auch unbesiegt, mussten aber dreimal (2008) bzw. einmal (2009) in die Verlängerung.

Erinnerungen an alte Zeiten werden wach

Es ist ein russisches Nationalteam, das an die «Belle Epoque» des sowjetischen Eishockeys, an die totale Dominanz der 1960er-, 1970er- und 1980er-Jahre mahnt. An die Zeit, als selbst die Nordamerikaner die Sowjets als die «Big Red Machine» verehrten.

Im Gegensatz zur Politik machen wir im Eishockey keinen Unterschied zwischen der Sowjetunion und Russland. Das Kernland des sowjetischen Hockeys war ja auch immer Russland – und deshalb gilt: Wir haben an der WM 2012 das beste Russland aller Zeiten gesehen. Zur Tempofestigkeit, Präzision, Technik und taktischen Disziplin sind nun auch die nordamerikanischen Tugenden wie Härte und Zweikampfstärke hinzugekommen.

Breite Spitze

Und was bleibt uns neben dieser eindrücklichen Machtdemonstration von Hockey-Russland als Erinnerung an diese WM 2012? Dass hinter den Russen die Weltspitze breiter denn je geworden ist. Die Slowaken hatten viermal in Serie das Viertelfinale verpasst und schafften nun den Einzug ins Endspiel. Das muss Motivation und Ansporn für die Schweizer sein: Was den Slowaken 2012 gelungen ist, das ist, wenn alles stimmt, auch für uns möglich. Wir waren in Helsinki der ersten WM-Medaille seit 1953 so fern – und doch so nah. Wir verlieren heute nicht mehr zweistellig gegen die Russen (2:10), die Schweden (2:12) oder gegen die Tschechen (1:19) wie 1972 in Prag. Wir sind der Weltspitze trotz allem näher gekommen.

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