Eishockey-WM-Final: Die Rückkehr der Geister von 1985?
Aktualisiert

Eishockey-WM-FinalDie Rückkehr der Geister von 1985?

Tschechien gegen Russland: Die Eishockey-WM kehrt beim Finale zu ihren Wurzeln zurück. So drunter und drüber ging es letztmals 1985.

von
Klaus Zaugg
Köln

Tschechien ist nicht mehr die CSSR. Russland nicht mehr die UdSSR. Die Tschechoslowakei gegen die Sowjetunion - das waren die emotionalsten, aufwühlendsten Spiele der WM-Turniere zwischen 1968 bis zum Ende des Kommunismus. Die Sowjets hatten 1968 in Prag mit Panzern ihre Macht zementiert.

Nach dem niedergewalzten «Prager Frühling» holte die CSSR 1972, 1976 und 1977 WM-Gold. Doch dann wurden die Sowjets unbesiegbar. WM-Titel 1979, 1981, 1982 und 1983. «The big red machine», die grosse rote Maschine, war die vielleicht stärkste Nationalmannschaft der Nachkriegszeit. Der ersten Block (Fetisow, Kasatanow - Makarow, Larionow, Krutow) war mehrmals auch gleich das All-Star-Team der wM. Und die zweite Linie führte Slawa Bykow an.

Die grosse Sensation von Prag

Doch 1985 gelang den Tschechoslowaken bei der WM in Prag die Sensation. In der Vorrunde noch chancenlos (1:5), besiegten sie in der Finalrunde den Titelverteidiger 2:1. Ich habe seither nie mehr ein so emotionales Spiel erlebt: Mehr als zehntausend Menschen sangen nach dem Sieg voller Inbrunst und die meisten mit Tränen in den Augen die Hymne. Erst das melancholische «Kde domov muj - wo ist mein Heim? Mein Vaterland?» Dann der Wechsel zum wilden slowakischen Teil: «Wenn Blitz und Donner die hohe Tatra schlägt.» Die KGB-Agenten in ihren schwarzen Ledermänteln auf der Ehrentribüne wie zu Salzsäulen erstarrt. Nie vorher und nie seither war in einem Eishockey-Spiel mehr Politik.

Die Tschechen waren spielerisch eigentlich chancenlos. Aber sie hatten im Laufe der Jahre eine Taktik entwickelt, die es möglich machte, mindestens in einem Spiel einen haushoch überlegenen Gegner zu besiegen. Dieses Defensivsystem mit dem Kernstück des defensiven linken Flügels («dummer linker Flügel») und dem schlauen «Abbeissen» der Passlinien in der neutralen Zone hat vorher und nachher nie mehr so perfekt funktioniert wie bei diesem 2:1 gegen die UdSSR am 29. April 1985 in Prag.

Dem Schweden-Coach sei Dank

Und jetzt, im Halbfinale 2010 in Köln haben wir wieder diese taktische Schlauheit gesehen. Allerdings brauchten die Tschechen diesmal viel Glück: Sie hatten ihr Time-Out schon genommen. Schwedens Coach Bengt-Ake Gustafsson verlangte 15 Sekunden vor Schluss völlig überraschend ebenfalls eine Auszeit, die tschechischen Stars konnten verschnaufen, glichen acht Sekunden vor Schluss aus und gewannen schliesslich im Penaltyschiessen.

Die Schweiz als Zeichen des Wandels

Und die Schweiz? Sie spielte in dieser historischen Zeit in der B-Gruppe. Und hin und wieder ein Testspiel gegen die Grossen. Am 17. November 1985 verlieren wir in Zürich gegen die CSSR 2:9, am 20. Dezember in München gegen Deutschland 3:7 und am 22. Dezember in Zürich 3:8 sowie am 6. Dezember 1986 in Bern gegen die UdSSR 2:10.

Gut und gerne 25 Jahre ist das alles her. Die Welt hat sich verändert. Tschechien und Russland haben 1998 im Nagano um Olympisches Gold gespielt und die Tschechen gewannen dieses erste Turnier mit NHL-Profis durch ein 1:0 im Finale gegen Russland. Die Tschechen erlebten ihre ruhmreichsten Jahre am Ende des Jahrhunderts: Weltmeister 1996, 1999, 2000, 2001 und noch einmal 2005. Aber alles war bei weitem nicht mehr so aufregend wie 1985.

2010 ähnlich verrückt wie 1985?

Die WM 1985 gilt bis heute als eine der verrücktesten aller Zeiten. Titelverteidiger UdSSR nur Dritter. Aufsteiger USA stürmte in die Finalrunde, Kanada holte mit Mario Lemieux Silber - die beste Klassierung seit 1962 - und Schweden verlor erstmals an einer WM gegen Finnland und stürzte auf Platz 6 ab - die schwächste Klassierung seit 1937. Erst jetzt, 2010 in Deutschland geht es ähnlich drunter und drüber: Die Deutschen erstmals seit 1953 an einer WM unter den ersten vier und nur ein Tor vom Finale entfernt. Kanada kläglich gescheitert, die Schweiz auf Rang fünf, die beste Klassierung seit 1998, Dänemark in den Viertelfinals.

Etwas vom Geist von Prag 1985 ist in Köln an die WM zurückgekehrt. Wladimir Ruzicka spielte 1985 für die CSSR. Slawa Bykow für die UdSSR. Nun coacht Ruzicka die Tschechen und Bykow ist der Feldherr an der russischen Bande. Die Russen sind spielerisch fast so klar überlegen wie damals 1985. Und die Tschechen taktisch schlauer denn je. Die Eishockey-WM ist zu den Wurzeln zurückgekehrt und im Finale 2010 zu jenem leidenschaftlichen Spiel, das so lange Jahre das Turnier geprägt hat und jetzt endlich wieder auflebt.

Wer gewinnt? Die Ausgangslage ist klar: Nur wenn die Tschechen den Geist von 1985 noch einmal finden, werden sie Weltmeister. Sonst schaffen es die Russen.

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