Rentner im Chefsessel: Die Rückkehr der grauen Panther
Aktualisiert

Rentner im ChefsesselDie Rückkehr der grauen Panther

Sie sind grauhaarig statt jung-dynamisch, trotzdem werden sie gefeiert wie Idole: Die Rentner-Manager Dormann und Co., die aus dem Ruhestand zurückkehren, um Unternehmen zu retten.

von
Elisabeth Rizzi

Mit dem 69-jährigen Jürgen Dormann bei Sulzer ist nach Oswald Grübel, 66, und Kaspar Villiger, 68, innert Jahresfrist der dritte Rentner aus dem Ruhestand heraus an die Spitze eines Schweizer Unternehmens gehievt worden. «Kein Zufall», meint der Zürcher Headhunter Björn Johansson, «in Krisenzeiten kommen ganz wenige Personen für die Leitung eines Unternehmens in Frage. Und Erfahrung spielt in solchen Situationen eine sehr wichtige Rolle.» Da Männer wie Grübel oder Dormann bereits einmal im Leben einen Turnaround geschafft hätten, sei die Wahrscheinlichkeit gross, dass es ihnen auch ein zweites Mal gelinge.

Sie zehren von vergangenem Ruhm

Allerdings haben diese Männer ihre Erfolge in jüngeren Jahren gehabt. Das kann ein Problem sein. Denn laut den Forschungsergebnissen der Alterswissenschaft Gerontologie nehmen mit den Jahren wichtige Eigenschaften ab, die für die Unternehmensführung wichtig sind: die körperliche Leistungsfähigkeit und die geistige Beweglichkeit, die Geschwindigkeit der Informationsaufnahme und -verarbeitung sowie das Kurzzeitgedächtnis.

Auch Johansson gibt zu, dass das Alter ein Risikofaktor sein und die Wiederholung des Erfolges gefährden kann. Er warnt jedoch davor, alle Rentner in einen Topf zu werfen. «Es gibt genug Beispiele von alten Menschen, die unglaublich flexibel und kreativ sind; etwa den über achtzigjährigen Swatch-Gründer Nicolas Hayek oder den über siebzigjährigen Wef-Gründer Klaus Schwab.» Wer sich körperlich fit halte, sich gesund ernähre und mit Jungen kommuniziere sei durchaus auch im Alter fähig, ein Unternehmen aus einer Krise zu führen, glaubt der 61-jährige Johansson.

Auch Norbert Semmer, Professor für Arbeitspsychologie an der Universität Bern, warnt davor, ältere Menschen nach Geburtsjahr auszusortieren. «Die Leistungsunterschiede nehmen im Alter zu. Es gibt auch eine überaus leistungsfähige Gruppe älterer Menschen», meint er. Dormann, Grübel und Co. gehören wohl zu letzterer Gruppe. Sie profitieren besonders von den Fähigkeiten, die generell mit dem Alter zunehmen und die helfen, eine schwierige Situation zu meistern. Nebst den Erfahrungen aus der Vergangenheit sind es Eigenschaften wie Zuverlässigkeit, Besonnenheit, Pflicht- und Verantwortungsbewusstsein sowie die Urteilsfähigkeit. Selbst bei körperlichen Einschränkungen bleiben im Alter allgemein die Leistungs- und Zielorientierung, Systemdenken, Entscheidungsfähigkeit sowie Ausdauer und Durchhaltevermögen unverändert.

Der Leistungsbeweis steht noch aus

Trotzdem wird es kaum so sein, dass, während der Bundesrat eine Verjüngung debattiert, die Schweizer Unternehmensspitzen ergrauen. «Es ist kein Trend, sondern Zufall, dass gleich mehrere Pensionäre gleichzeitig wieder ins Arbeitsleben zurückgekehrt sind», glaubt Johansson und verweist im Gegenzug auf weitere Neubesetzungen mit halb so alten Leuten. Boris Collardi, der neue CEO von Julius Bär, ist erst Mitte Dreissig. In dieselbe Altersklasse gehört Thomas Buberl, der ebenfalls frisch gewählte CEO von Zurich Schweiz. «Diese Herren haben allerdings noch nicht bewiesen, dass sie ein Unternehmen retten könnten», sagt Johansson.

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