«Basler Zeitung»: Die Rückkehr der Parteizeitungen
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«Basler Zeitung»Die Rückkehr der Parteizeitungen

Christoph Blochers Beratungsmandat bei der BaZ schürt Ängste. Dabei könnte eine politische Positionierung der Zeitung ein Erfolgsmodell für Print-Medien sein.

von
R. Nicolussi
Als Zeitungen noch klar einer politischen Linie folgten: FDP-Politiker Otto Fischer während einer Debatte im Nationalratssaal in den 70er Jahren.

Als Zeitungen noch klar einer politischen Linie folgten: FDP-Politiker Otto Fischer während einer Debatte im Nationalratssaal in den 70er Jahren.

Was will Christoph Blocher wirklich mit seinem Beratungsmandat bei der «Basler Zeitung» (BaZ) bewirken? Blochers Beratungsfirma Robinvest AG soll laut den BaZ-Eignern die organisatorische und die strategische Ausrichtung der Basler Zeitung Medien analysieren. In publizistische Fragen sei der SVP-Vizepräsident hingegen nicht involviert, beteuern sie. Dass Blocher und BaZ-Chefredaktor Markus Somm, der 2009 eine Blocher-Biografie publiziert und Ende August von der «Weltwoche» zur BaZ gewechselt hat, bereits heute in regelmässigem Austausch stehen, bestreitet jedoch niemand.

Für Heinz Bonfadelli, Publizistikprofessor an der Universität Zürich, ist klar, dass Beratungsmandate, wie jenes von Blocher bei der BaZ, über rein strategische Fragen hinausgehen. Dadurch bestehe ein gewisser Gestaltungsspielraum. Wie Blocher diesen für die SVP ausnutzen könne, sei jedoch schwierig vorauszusagen. Seit längerem versuchten gewisse rechtskonservative Kreise um Blocher Einfluss auf die Medien zu nehmen.

Gut gelungen ist das bei der «Weltwoche». Daneben gewährt «persönlich»-Chefredaktor Matthias Ackeret Christoph Blocher wöchentlich eine 20-minütige Plattform auf «teleblocher.ch». Produziert wird das Video-Interview vom Schaffhauser Fernsehen, welches es im eigenen Programm ebenfalls ausstrahlt. Auf «Star TV» inszeniert sich wöchentlich der Zürcher SVP-Kantonsrat Claudio Zanetti. Im «CC Talk» diskutiert er jeweils als Co-Moderator mit zwei Gästen.

Tageszeitung fehlt im SVP-Portefeuille

Was bisher fehlte, war der SVP-Einfluss auf eine Tageszeitung. Ein geeignetes Blatt zu finden, sei jedoch nicht einfach, erklärt Bonfadelli. Der Raum Zürich sei mit Tamedia (zu der auch 20 Minuten Online gehört) und NZZ bereits stark besetzt und auch in Bern gebe es nicht viel zu holen. Vor diesem Hintergrund böte sich die defizitäre BaZ an. Erst Anfang Jahr wurde sie von der Familie Hagemann abgestossen, in deren Besitz sie seit über 60 Jahren war. Zwar soll das Blatt ab nächstem Jahr dank Blochers Beratung zehn Prozent Umsatzgewinn erzielen. Bonfadelli könnte es sich aber auch vorstellen, dass gewisse Kreise Verluste in Kauf nehmen würden, nur um eine Tageszeitung als Standbein zu haben.

Dies sind Spekulationen. Doch welche Einflussmöglichkeiten haben ein Chefredaktor und ein bedeutender externer Berater bei einer Zeitung? Bonfadelli sieht die grösste Einflussmöglichkeit von Chefredaktor Somm bei der Rekrutierung der Journalisten. Die geforderte Umsatzrendite, für die Blocher ins Boot geholt wurde, werde wohl auch zu einem Abbau von redaktionellen Arbeitsplätzen führen. Entlassen oder gehen würden dann wohl vorwiegend Redaktoren, die den neuen Kurs der Chefredaktion nicht mittragen wollten. Bei der «Weltwoche» war es so, dass nach der Neupositionierung unter Chefredaktor Roger Köppel, mehrere Journalisten aus diesem Grund das Blatt verliessen.

Modell aus der Mottenkiste

Für den Medienkolumnisten Kurt W. Zimmermann, der unter anderem für die «Weltwoche» schreibt, ist Blochers Beratungsmandat nichts Aussergewöhnliches. Er hat allerdings keine Zweifel daran, dass die BaZ zu einer bürgerlicheren Zeitung werde. Das habe jedoch mit Blocher nichts zu tun. «Wie bei der ‹Weltwoche›, wo Roger Köppel den Kurs vorspurt, reicht es bei der BaZ, wenn Markus Somm die Leitlinie vorgibt», so Zimmermann.

Mit einer politisch klar positionierten Zeitung könnte Somm ein Modell aus der Mottenkiste ziehen, welches Schweizer Verleger in den 1970er Jahren dorthinein verstaut hatten: die Parteizeitung. «Es entsteht tatsächlich der Eindruck, dass aus der BaZ eine Parteizeitung entstehen soll», sagt Bonfadelli. Darin sähe der Publizistikprofesser eine Gefahr. Denn bevor praktisch alle Tageszeitungen so genannte Forumszeitungen wurden, die sämtliche Meinungen ausgewogen berücksichtigen sollten, war die Vielfalt durch externe Konkurrenz gesichert, wie Bonfadelli weiter erklärt. Wie in Basel gibt es mittlerweile in vielen Regionen aber nur noch eine regionale Zeitung. Wenn solche Zeitungen künftig keine Forumszeitungen mehr sind, könnten es gewisse politische Strömung schwer haben, sich Gehör zu verschaffen. «Verschärft würde die Situation durch den Umstand, dass viele lokale Verleger auch Besitzer der jeweiligen Lokalradios sind, womit ein Ausweichen auf das Radio ebenfalls keine Abwechslung brächte», so Bonfadelli.

Parteizeitung als Chance

Medienkolumnist Zimmermann sähe bei der Ausrichtung einer Tageszeitung als Parteizeitung hingegen Vorteile für die serbelnden Print-Titel. «Mittlerweile decken Gratis- und Onlinezeitungen sachneutrale Themen glänzend ab», findet Zimmermann. Die Tageszeitungen müssten sich daher im Kampf um Leser überlegen, wie sie sich künftig positionieren wollten. Eine Ausrichtung als Parteizeitung wäre demnach eine gute Möglichkeit.

Bonfadelli zweifelt am Erfolg einer bürgerlichen Tageszeitung mit nationaler Ausrichtung aus Basel: «Für eine Zeitung in diesem Rahmen braucht es zusätzliche Kompetenzen, etwa eine ausgebaute Wirtschaftsredaktion oder auch ein umfassendes Korrespondentennetz im Ausland.» Diese Nische sei aber bereits durch die NZZ besetzt.

Murdoch, Berlusconi und Sarkozy

Trotz negativer Vorzeichen könnte eine Partei an einem solchen Projekt festhalten, glaubt der Zürcher Professor: «Gerade die SVP, die auf politischer Ebene sehr professionell agiert, dürfte sich die Entwicklung in den USA genau angeschaut haben.» Dort sind konservative Medien in den letzten Jahren immer stärker crossmedial aktiv geworden. Dass eine Partei wie die SVP ihre Medienaktivitäten um einen Print-Titel wie die BaZ gruppieren könnte, wäre daher nicht abwegig. Dadurch könnten die übrigen parteinahen Medien mit relativ geringem Aufwand vermarktet werden, ist der Publizistikprofessor überzeugt: Wie das gehe, zeige die Murdoch-Gruppe in den USA, Premierminister Silvio Berlusconis Fininvest in Italien und Präsident Nicolas Sarkozy mit einer engen Bindung an gewisse Medienhäuser in Frankreich. «Allesamt haben sie damit Druck auf die Berichterstattungen ausgelöst.»

Aber auch in der Schweiz hat der Druck zugenommen. Erst kürzlich wurde publik, dass die SVP des Kantons Schwyz dem «Boten der Urschweiz» drohte, nur noch in jenen Medien Inserate zu schalten, die SVP-Mitteilungen ungekürzt abdrucken. Für Bonfadelli ist klar: «Gerade vor dem Hintergrund der Konjunkturkrise ist es für Zeitungen und Lokalfernsehen heute schwierig geworden, gegenüber Druckversuchen hart zu bleiben.» Kapitalkräftige Akteure kommen dadurch stärker zum Zug.

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