Höhlensyndrom - «Die Rückkehr zur Normalität macht mir Angst»
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Höhlensyndrom«Die Rückkehr zur Normalität macht mir Angst»

Viele Personen fürchten sich vor der Rückkehr zum normalen Leben, wie man es vor Corona kannte. Zwei Betroffene erzählen, wieso ihnen die Coronamassnahmen-Lockerungen Angst bereiten.

von
Michelle Muff
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M.G.* (18) verunsichern die Lockerungen der Coronamassnahmen: «Durch die Coronakrise fühle ich mich nun noch unwohler im Beisammensein mit fremden Menschen.»

M.G.* (18) verunsichern die Lockerungen der Coronamassnahmen: «Durch die Coronakrise fühle ich mich nun noch unwohler im Beisammensein mit fremden Menschen.»

Privat
Auch fände sie es komisch, bald wieder ohne Maske rumzulaufen: «Die Maske fühlt sich für mich an wie ein Schutzschild.»

Auch fände sie es komisch, bald wieder ohne Maske rumzulaufen: «Die Maske fühlt sich für mich an wie ein Schutzschild.»

I.K. (37)* fürchtet sich ebenfalls davor, bald wieder ins normale Leben zurückzukehren: «Freunde zu treffen fühlte sich an wie eine Lawine, die über mir zusammenbrach.»

I.K. (37)* fürchtet sich ebenfalls davor, bald wieder ins normale Leben zurückzukehren: «Freunde zu treffen fühlte sich an wie eine Lawine, die über mir zusammenbrach.»

Darum gehts

  • Vielen Personen bereiten die Coronamassnahmen-Lockerungen Angst.

  • Sie fürchten sich vor einer Rückkehr ins normale Leben und damit verbundenen sozialen Situationen.

  • Das Phänomen nennt man Höhlensyndrom.

  • Zwei Betroffene erzählen, wieso auch ihnen die Rückkehr ins normale Leben Sorgen bereitet.

Nicht alle können sich über die Lockerungen der Corona-Massnahmen freuen: Nach eineinhalb Jahren Isolation empfinden viele Menschen die Rückkehr zum Leben, wie man es vor der Coronakrise kannte, als angsteinflössend - teils bis zur Phobie. Das Phänomen nennt sich «Cave Syndrom». Auslöser und Symptome des «Höhlensyndroms» erklärt der Psychotherapeut François Gremaud im Interview mit 20 Minuten. I.K.* und M.G.* sind davon betroffen. Sie erzählen, wieso sie die Lockerungsschritte verunsichern – und sagen, vor welchen Situationen sie sich am meisten fürchten.

M.G.* (18), in Ausbildung

«Ich habe Corona oft als Ausrede genommen, um mich nicht meinen Ängsten stellen zu müssen»

Ich finde den Gedanken daran, dass bald alles wieder normal sein wird, komisch und etwas beängstigend. Ich war schon vor Corona eine eher introvertierte Person. In den vergangenen Monaten war ich nun viel mehr zuhause, habe weniger Leute getroffen und lebte zurückgezogener. Wegen der Coronakrise und den damit verbundenen Massnahmen musste ich meine Komfortzone viel seltener verlassen. Dadurch wurde ich aber sehr bequem: Ich habe Corona oft als Ausrede genommen, um mich nicht meinen Ängsten stellen und mich in Situationen begeben zu müssen, die mich Überwindung kosten. Das hat dazu geführt, dass ich mich nun noch unwohler fühle im Beisammensein mit fremden Menschen und mich schneller verkrampfe als vor der Krise. Meine Schüchternheit hat sich verstärkt. Der Gedanke daran, bald wieder an Partys mit fremden Menschen reden zu müssen, verunsichert mich. Auch dass man wohl bald keine Maske mehr tragen muss, finde ich komisch: Die Maske fühlt sich für mich an wie ein Schutzschild. Wenn ich in der Öffentlichkeit an einer Männergruppe oder an Gleichaltrigen vorbeilaufe, fühle ich mich mit der Maske automatisch etwas wohler. Ich muss mich sicher erst wieder daran gewöhnen, dass nun alles zur Normalität zurückkehrt. Trotzdem bin ich froh, dass das Ende der Krise langsam in Sicht ist.

I.K.* (37), Skilehrer

«Sämtliche soziale Aktionen sind für mich befremdlich geworden»

Als Corona ausgebrochen ist, fand mein soziales Leben einen sehr abrupten Abbruch. Bei mir hat das Social Distancing zu einer starken Selbstisolation geführt: Während zwei Monaten habe ich mich zuhause eingeschlossen und wollte unbedingt vermeiden, dass sich jemand bei mir meldet. Ich habe Telefonate ignoriert und nicht mal mehr meiner Familie zurückgeschrieben. Schliesslich wurde meine psychische Verfassung zunehmend schlechter, bis ich mich schliesslich in eine stationäre Behandlung begab.
Dass das Leben nun langsam wieder zur Normalität zurückkehrt, macht mir Angst. Sämtliche soziale Aktionen, wie Händeschütteln oder gemeinsam am Tisch sitzen, sind für mich sehr befremdlich geworden. Ich habe letztens seit langem wieder einmal Freunde von mir getroffen: Das war für mich eine unerwartete Stresssituation. Es fühlte sich für mich an wie eine Lawine, die über mir zusammenbrach. Meine Freunde wollten mir sofort alles aus den vergangenen Monaten erzählen – mir war das zu viel.
Eigentlich bin ich ein extrovertierter Mensch, früher ging ich oft an Partys. Jetzt aber habe ich kein Bedürfnis mehr nach Kontakten zu anderen Menschen. Meine grösste Angst ist, dass das normale Leben jetzt startet und in ein paar Wochen oder Monaten wieder alles zugemacht wird. Deswegen mache ich mir jetzt auch keine grossen Hoffnungen und plane auch keine langfristigen Sachen wie Ferien oder Festivals – so kann ich auch nicht enttäuscht werden. Es ist sehr wichtig, dass man über seine Ängste spricht: Das hat auch mir sehr geholfen.»

*Name geändert

Hast du oder hat jemand, den du kennst, Mühe mit der Coronazeit?

Hier findest du Hilfe:

BAG-Infoline Coronavirus, Tel. 058 463 00 00

BAG-Infoline Covid-19-Impfung, Tel. 058 377 88 92

Dureschnufe.ch, Plattform für psychische Gesundheit rund um Corona

Safezone.ch, anonyme Onlineberatung bei Suchtfragen

Branchenhilfe.ch, Ratgeber für betroffene Wirtschaftszweige

Pro Juventute, Beratung für Kinder und Jugendliche, Tel. 147

Dargebotene Hand, Sorgen-Hotline, Tel. 143

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