«Time-Out»: Die Ruhe in Zeiten der Erregungen
Aktualisiert

«Time-Out»Die Ruhe in Zeiten der Erregungen

Martialische Kabinenreden? Aushecken taktischer Schlaumeiereien? Dramatisches Motivations-Voodoo? Gern, aber nur nicht jetzt. In Davos und Kloten sind Trainings und letzte Vorbereitungen langweilig.

von
Klaus Zaugg
Nach dem Spiel ist vor dem Spiel. (Bild: Keystone/AP)

Nach dem Spiel ist vor dem Spiel. (Bild: Keystone/AP)

Beide argumentieren unabhängig voneinander gleich. Beide wirken in Zeiten der Erregungen auf schon fast seltsame Weise ruhig und gelassen: Klotens Co-Trainer Felix Hollenstein und HCD-Coach Arno Del Curto sind sich nach der vierten Partie einig: Die Geschichte der Spielvorbereitung wird vor dem fünften Spiel nicht neu geschrieben. Sieger Hollenstein ist sehr zufrieden. Seine Zufriedenheit ist also logisch. Er zeigt sich gegenüber 20 Minuten Online nicht einmal überrascht, dass endlich der erste Sieg in diesem Finale gelungen ist. «Diese Mannschaft hat mich schon so oft beeindruckt. Es ist eine Mannschaft, die im entscheidenden Augenblick immer wieder aufsteht.» Für die Partie am Samstag gebe es keine Änderungen in der Vorbereitung, keine künstliche Aufregung. Micki Dupont und Tommi Santala werden erneut spielen, wenn sie fit sind. «Aber wir müssen erst sehen, wie gut sie das Spiel überstanden haben.»

Der Feuerkopf Arno Del Curto geht nach der ersten Playoffniederlage geradezu auf Samtpfoten. Ein bisschen sanftes Lästern über die Schiedsrichter («Ich liess gar nicht Powerplay trainieren, weil ich wusste, dass wir in Kloten sowieso viel mehr Strafen kassieren») – aber das ist schon alles. Er zelebriert die Normalität und sagt gegenüber 20 Minuten Online, es gebe jetzt nicht die Peitsche. Sondern Zuckerbrot. Der Trainer für einmal nicht in der Rolle des Antreibers. Sondern des väterlichen Freundes. Das ist auf den ersten Blick eher ungewöhnlich. Denn Arno Del Curto ist ja der Verlierer.

Ruhe vor dem Sturm hat einen Grund

Auf den zweiten Blick hat diese Ruhe vor dem Sturm, diese Normalität in Zeiten der Extreme einen guten Grund: Beide Teams sind jetzt gut drauf. Beide spielen beinahe ihr bestes Hockey. Schliesslich haben beide ja auch in der Qualifikation die Plätze 1 und 2 belegt. Es ist nicht ein Drama zwischen einem krassen Aussenseiter und einem haushohen Favoriten. Es sind darüber hinaus zwei Teams, die ein sehr ähnliches Hockey zelebrieren. Die Trainer und Spieler kennen und respektieren sich seit Jahren. Weder Arno Del Curto noch Felix Hollenstein und Anders Eldebrink können durch irgendwelche Aktionen aus der Ruhe oder gar dem Gleichgewicht gebracht werden.

SCB-Trainer Larry Huras, im Halbfinale an Kloten gescheitert und deshalb jetzt Zuschauer, ist einer der erfahrensten Trainer ausserhalb der NHL. Meister mit Lugano, den ZSC Lions und dem SC Bern. Er kennt sich in Extremsituationen aus und sagt gegenüber 20 Minuten Online, warum Coaches in diesen Zeiten nicht mehr mit Tricks arbeiten. «Spieler mögen Routine und haben ihre Rituale in der Vorbereitung. Sie mögen Störungen dieser Abläufe nicht, und je sicherer sie sich fühlen, desto besser. Gerade wenn Teams so gut spielen wie jetzt die Kloten Flyers und Davos, achtet der Coach darauf, die Routine nicht zu stören.»

Es geht jetzt höchstens noch um Feintuning. Damit sich die Spieler noch sicherer und besser fühlen. 2004 organisierte der Hobby-Pilot André Rötheli beispielsweise beim SC Bern für die Reise zum entscheidenden Spiel in Lugano einen Charterflug von Bern nach Lugano. Ein schöner Alpenflug statt einer mühseligen Busfahrt durchs Gotthard-Loch. Und Felix Hollenstein hat die Mannschaft im Laufe dieser Playoffs zweimal zu sich nach Hause zum Essen eingeladen.

Auf das Wesentliche konzentrieren

Zur besseren Konzentration in Zeiten der Playoffs gehört auch, dass die Medienkontakte der Spieler und Coaches auf bestimmte Zeitfenster eingeschränkt werden. Je weniger Ablenkung, desto besser.

Die grossen, dramatischen und aufwühlenden Auftritte spart sich der Coach für die Zeiten der Krise, der Niederlagen auf. Wenn sich die Spieler nicht mehr konzentrieren können, wenn Niederlagen zur Routine werden. Wenn ganz einfach schlecht gespielt wird. Die grossen Auftritte sind also Instrumente der Krisenbewältigung. Dann ist es nötig, aufzurütteln, Abläufe in Frage zu stellen, die Routine zu stören und schon mal alles zu ändern: Trainingsablauf und Spielvorbereitung.

Der HC Davos und die Kloten Flyers sind hingegen zwei Teams, die jetzt im Zenit ihrer Leistungsfähigkeit stehen. Trainingsabläufe und Spielvorbereitung haben sich also bewährt und es gilt, den guten «Groove» zu bewahren.

Auf ein bisschen Aufregung und psychologischer Rock'n'Roll dürfen wir erst hoffen, wenn der HC Davos am Samstag die zweite Niederlage erleidet. Dann ist die grosse, titelkampfentscheidende Frage: Verliert Arno Del Curto die Ruhe, verliert der HC Davos seine Stilsicherheit?

Noch ist das Selbstvertrauen der Davoser unbewegt, hell und klar wie das Jakobshorn in der Morgensonne.

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