Aktualisiert 30.06.2018 03:32

Heim-WMDie Russen befinden sich im Rausch

Fans aus aller Welt und der Erfolg der eigenen Mannschaft sorgen in Russland für ein Sommermärchen. Es gibt aber auch Schattenseiten.

von
Sebastian Rieder, Moskau
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Die russischen Fans lieben ihre Nationalmannschaft. Wird das auch noch nach dem WM-Achtelfinal am Sonntag gegen Spanien so sein?

Die russischen Fans lieben ihre Nationalmannschaft. Wird das auch noch nach dem WM-Achtelfinal am Sonntag gegen Spanien so sein?

AP/Rebecca Blackwell
Welcher Nation dieser Fan die Daumen drückt? Er wurde in der Metro in Moskau gesichtet.

Welcher Nation dieser Fan die Daumen drückt? Er wurde in der Metro in Moskau gesichtet.

AP/Victor R. Caivano
Hier finden sich die meisten Fans auf einmal ein: Das Public Viewing in Moskau bietet Platz für über 25'000 Fans und ist damit das grösste dieser WM.

Hier finden sich die meisten Fans auf einmal ein: Das Public Viewing in Moskau bietet Platz für über 25'000 Fans und ist damit das grösste dieser WM.

epa/Maxim Shipenkov

Die Fussball-WM und die Auftritte der eigenen Mannschaft wirken bisher wie eine Art hypnotische Droge auf die Menschen in Russland. Sie zittern, hüpfen, jubeln und fallen sich bei jedem Tor in die Arme. Auch das 0:3 gegen Uruguay schmälerte den Stolz nicht. Denn gleich zum Start der WM eroberte die Sbornaja die Herzen der Nation. «Wir sind alle so glücklich. Wir hatten null Erwartungen, die Mannschaft hat uns völlig überrascht», sagt zum Beispiel Bogdan, ein 25-jähriger Bettwarenhändler aus Wolgograd.

Die Euphorie um das Team von Trainer Tschertschessow ist so gross, dass viele glauben, der Höhenflug der Adlerelf könnte über den Achtelfinal am Sonntag gegen Spanien hinausgehen. «Klar sind die Spanier die klaren Favoriten, aber im Stadion werden wir Russen klar in der Überzahl sein und unsere Mannschaft nach vorne peitschen», sagt zum Beispiel der 23-jährige Moskauer Student Igor.

Im Schatten der mächtigen Universität strömen jeden Tag bis zu 25'000 Fussballfans zum grössten Public Viewing im Land. Und wer sich nicht von der Arbeit losreissen kann, verfolgt die Partie am TV im Büro und selbst in der Metro von Moskau gibt es Bildschirme, die alle WM-Spiele zeigen.

Selbst Putin war skeptisch

32 Jahre ist es her, seit die Auswahl der damaligen Sowjetunion sich an einer WM für die K.-o.-Phase qualifizierte. Mit dem Zerfall der UdSSR bröckelte auch die Qualität des Nationalteams. Vor dieser WM konnte Russland die letzten sieben Spiele nicht gewinnen, und sie ging mit der schlechtesten Platzierung aller Mannschaften im Fifa-Ranking in das Turnier. Folglich waren eine Woche vor Anpfiff in Moskau nicht nur die Temperaturen im Keller.

Selbst der russische Präsident Wladimir Putin schraubte die Erwartungen zurück. «Ich muss leider zugeben, dass unsere Mannschaft jüngst keine guten Ergebnisse erzielt hat. Aber wir erwarten ganz einfach, dass das Team mit Würde spielt, modernen und interessanten Fussball zeigt und bis zum Ende kämpft.»

Nur die Baulöwen schnurrten

Dagegen stieg im krisengeschüttelten Land das Unverständnis über das milliardenschwere Klotzen beim Bau der Stadien. Dass dabei auch die allgemeine Infrastruktur in den Städten verbessert wurde, dämpfte den Unmut zwar ein wenig, wie Katzen schnurrten aber nur die grossen Baulöwen. «Diese WM ist einfach nur ein grosser Zirkus. Oder wie die Maske eines Clowns. Sobald die Schminke weg ist, gibt es nichts mehr zu lachen», sagt zum Beispiel Viktor, der kurz vor der Pension steht und sich über die hohen Steuern beklagt.

Während der WM rücken die wirtschaftlichen Sorgen jedoch in den Hintergrund. Seit den Siegen gegen Saudiarabien und Ägypten wurde die Nation aus dem sportlichen Tiefschlaf gerissen. Wach geküsst hat das Land aber nicht nur die eigenen Elf, es ist auch das WM-Fieber der Fans aus aller Welt, die den Sommer in Russland noch heisser machen.

Es sind vor allem die fussballverrückten Latinos, die Russland in Aufruhr versetzen. Allein aus Argentinien, Brasilien, Peru, Kolumbien, Costa Rica, Panama und Mexiko sind fast eine halbe Million Menschen ins WM-Land geströmt. «Es ist so schön, dass hier alle gemeinsam feiern und unsere Kultur kennenlernen», sagt zum Bespiel Denis aus Nischni.

Noch nie hat der 32-jähriger Klempner so viele verschiedene Menschen in seiner Stadt gesehen und sich über so viele Touristen gefreut. Das Bild gilt für ganz Russland.

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