1-Franken-Haus - «Die Rustici haben weder ein Dach noch Strom oder Wasser»
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1-Franken-Haus «Die Rustici haben weder ein Dach noch Strom oder Wasser»

In einer Tessiner Gemeinde gibt es Rustici für einen Franken. «Für eine Familie oder Einzelpersonen ist es aber unmöglich, dort ein einigermassen komfortables Ferienhaus zu bauen», warnt jetzt eine Familie.

von
Daniel Graf
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So sehen die Rustici aus, die es in einer Tessiner Gemeinde für einen Franken zu kaufen gibt. 

So sehen die Rustici aus, die es in einer Tessiner Gemeinde für einen Franken zu kaufen gibt.

flickr.com/Onno de Wit
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Bis so schöne Rustici wie auf diesem Bild entstehen, müsste sehr viel Geld investiert werden. 

Bis so schöne Rustici wie auf diesem Bild entstehen, müsste sehr viel Geld investiert werden.

PantherMedia / Claudia Buchmann

Darum gehts

Es klingt wie der Traum so manch eines Städters: Hoch über dem Lago Maggiore bietet die Tessiner Gemeinde Gambarogno kleine Steinhäuschen, sogenannte Rustici, zum Verkauf an – für gerade einmal einen Franken. Das Interesse ist dementsprechend gross, Hunderte von Interessentinnen und Interessenten haben sich auf das Angebot gemeldet.

Ziel der Aktion ist es, den abgelegenen Weiler wiederzubeleben. Das Steinhäuschen einfach zu kaufen, abzureissen und eine schmucke Villa hinzustellen, liegt indes nicht drin: Bei der Renovierung und dem Umbau der Steinhäuser müssen diverse Vorgaben beachtet werden. Ausserdem entscheiden die Tessiner Behörden erst dieses Jahr, wie viele Rustici überhaupt verkauft werden sollen. Und auch das Gemeindeparlament von Gambarogno hat noch ein Wörtchen mitzureden.

«Eher Ruinen als Häuschen»

Dass ein Ferienhäuschen im Tessin für einen Franken zu schön klingt, um wahr zu sein, weiss auch 20-Minuten-Leserin M. H.* «So wie darüber berichtet wird, sieht es zwar traumhaft aus. Die Wahrheit ist aber eine andere», sagt sie. «Wir haben uns bereits vor zwei Jahren für ein Rustico in Gambarogno interessiert und die Dokumentation zum Projekt erhalten.»

Schnell sei klar geworden, dass das Angebot gleich mehrere Haken hat: «Das verlassene Dorf liegt auf der “Alpe di Sciaga” am Monte Tamaro gegenüber dem Dorf Indemini. Seesicht hat man von dort ganz bestimmt keine», sagt H. Die Rustici seien in Tat und Wahrheit auch nicht viel mehr als Ruinen: «Sie haben weder Dächer und Fenster, noch Strom oder fliessendes Wasser.» Aufgrund der Vorschriften dürfe man auch keine Solaranlage montieren. «Strom zu bekommen, ist dort oben im Moment also schlicht unmöglich.»

«Keine Kanalisation, heizen nur mit Holz»

Ein neues Dorf zu bauen oder den Weiler wieder zu beleben, wie das der Gemeinde vorschwebt, hält H. für völlig unrealistisch. Immerhin: «Vor ein paar Jahren hat die Gemeinde einen Brunnen bauen lassen. Das Problem mit dem Wasser liesse sich mit viel Aufwand also lösen. Kanalisation hat es aber immer noch keine, heizen könnte man nur mit Holz.»

Ein weiteres Problem: «Im nächstgelegenen Dorf Indemini hat es keine Parkplätze und von da muss man noch eine Stunde laufen. Wie soll das mit den Einkäufen funktionieren oder mit der Entsorgung des Abfalls?» Richtig teuer wird es laut H., wenn man Baumaterialien hochtransportieren muss: «Das geht nur mit dem Helikopter und der kostet rund 400 Franken pro Stunde.» H. und ihr Mann hätten schnell eingesehen, dass sie den Traum vom idyllischen Ferienhäuschen ob dem Lago Maggiore aufgeben müssen.

Trotzdem könnte sie sich eine Nutzung vorstellen: «Für Familien, Paare oder Einzelpersonen ist das nichts. Aber eine Stiftung mit viel Geld könnte dort sicher ein schönes, rustikales Haus realisieren, etwa für ein Ferienlager in der Natur ohne die ganzen Annehmlichkeiten, die wir uns sonst gewohnt sind.»

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