Aktualisiert 26.02.2010 07:19

Letzter MedienauftrittDie sanfte Abrechnung des Ralph Krueger

Das Olympia-Turnier ist für die Schweizer Eishockey-Nati sportlich gesehen zu Ende. (Ex-)Trainer Ralph Krueger sprach am Tag nach dem Aus ein letztes Mal vor den Schweizer Medien und gibt an, von Verbandspräsident Gaydoul keine Botschaft erhalten zu haben.

von
Klaus Zaugg und Herbie Egli
Vancouver

Ralph Krueger hat zur letzten Gesprächsrunde geladen. Im «House of Switzerland» zu Vancouver, im «Bridges». Das «Bridges» ist eine der besten Adressen der Stadt. Am Wasser. Für die Olympischen Tage ist es von den Schweizern gemietet worden. Donnerstag 11 Uhr Ortszeit. Oben im 1. Stock sitzt Krueger mit seinen beiden Assistenten Peter John Lee und Köbi Kölliker vorne am Tisch. Während 40 Minuten werden Lee und Kölliker kein einziges Wort sagen. Das Alphatier dominiert die Szene.

Krueger, der Kommunikator

15 Journalisten und 2 Journalistinnen sind zum finalen verbalen Showdown gekommen. Und Krueger entfaltet zum letzten Mal als Nationaltrainer sein ganzes Talent als Kommunikator. Er wäre ein charismatischer Politiker geworden, hätte ihn das Schicksal nicht aufs Glatteis geführt.

Krueger ist zu klug, um Rechnungen zu begleichen und Brücken hinter sich abzubrennen. Er beherrscht die Kunst der sanften Abrechnung. Der Botschaften zwischen den Zeilen. Der Unterzüge, wie man in der Schweizer Jasssprache sagt. Drei Viertel seiner Zeit dankt und rühmt er. Dankt für die Chance, die er in der Schweiz bekommen hat. «Mit 38 Jahren durfte ich die Schweiz an einer Heim-WM coachen. Das war damals ein unglaubliches Risiko.» Wie wir heute wissen, hat sich dieses Risiko gelohnt.

Im Blick zurück sieht Krueger den Tief- aber auch den Wendepunkt bei den Olympischen Spielen von Salt Lake City 2002. «Damals habe ich meine Linie als Cheftrainer ganz verloren und ich bekam die Chance, aus den Fehlern zu lernen. Wir standen an der WM im gleichen Jahr an dem Punkt, an dem wir den Ausgleich gegen Japan vor ein paar hundert Zuschauern bejubelten.»

Turnaround geschafft

Doch dann habe man wieder Tritt gefunden. Der 1:0-Auftaktsieg an der WM 2003 gegen die USA sei der Beginn eines neuen Zeitabschnittes geworden. «Von da weg waren wir an einem Turnier nie mehr schlechter als auf Rang 9 platziert.» Und er macht eine Rechnung auf: «Aus 15 Turnieren haben wir 119 Rangpunkte erzielt. Bei 120 Rangpunkten hätten wir genau einen 8. Platz im Schnitt. Wir sind also pro Turnier rechnerisch sogar noch ein bisschen besser als Rang 8 gewesen. Diese Konstanz ist einmalig.»

Krueger freute sich über die Reaktion der Spieler, die sich hier in Vancouver bei ihm bedankt haben, darunter die sechs, die schon bei seiner ersten WM 1998 dabei waren: Mathias Seger, Ronnie Rüeger, Sandy Jeannin, Ivo Rüthemann, Martin Plüss und Mark Streit. «Ich bin kein Trainer, der von den Spielern geküsst werden will und ich achte auf Distanz. Doch die Reaktion der Spieler auf meinen Abschied hat mich gefreut.»

Emotionen zum Abschied

Die letzten Monate seien emotional die Schönsten gewesen. «Ich habe nie zuvor so viel Unterstützung und Aufmunterung von so vielen Seiten erfahren.» Der Höhepunkt schliesslich hier in Vancouver. «Ich habe auf meinem Handy 742 SMS-Botschaften, die in den letzten fünf Tagen eingegangen sind.» Ein paar habe er gelesen. Vor allem jenes von seinem Nachfolger Sean Simpson. «Er hat mir zur Leistung gratuliert und für meine Arbeit gedankt. Es sei sehr schwierig, meine Nachfolge anzutreten, aber er freue sich auf diese Herausforderung. Seine Botschaft kommt aus dem Herzen.» Krueger sagt, er werde alles tun, um Simpson bei der Übergabe zu helfen. «Ich habe nicht vergessen, wie mich mein Vorgänger Simon Schenk unterstützt hat. Auch als er Manager der ZSC Lions war.»

Ganz habe er ja das Ende seiner Amtszeit noch nicht erfasst. Seine Tochter könne es beispielsweise immer noch nicht ganz verstehen, dass er jetzt nicht mehr Nationaltrainer sei. «So wie andere Väter Briefträger oder Schreiner sind, so bin ich für sie, seit sie sieben war, Nationaltrainer. Jetzt ist sie 20.»

Präsident lässt nichts von sich hören

Kann es sein, dass ein so stolzes Alphatier wie Krueger friedlich und freundlich und einer Seele rein wie Quellwasser sein Amt nach 13 Jahren niederlegt? Nein, natürlich nicht.

Kruegers Gefühlslage bei seinem letzten grossen Auftritt ist auch ein Kampf zwischen Stolz und Frustration. Nur versteht er es, mit Charme frustriert zu sein. Die Art und Weise wie er durch den neuen Verbandspräsidenten Philippe Gaydoul behandelt wird, hat Krueger tief im Stolz getroffen.

Gaydoul war bis am letzte Dienstag auch hier in Vancouver. Frage an Ralph Krueger: Hatten Sie Kontakt mit Gaydoul? «Nein.» Hat er sich tatsächlich nie gemeldet? Etwas lauter: «Nein.» Hat er sich nie bedankt? Noch lauter: «Nein.» War keine Botschaft von Gaydoul unter den 742 SMS? Ganz laut: «Nein!»

Doch Krueger wäre nicht Krueger, wenn er aus dem doch ein wenig stillosen Verhalten der Verbandsgeneräle nicht doch Energie schöpfen könnte. «Es war richtig, die Zusammenarbeit nach Vancouver zu beenden. So waren wir alle an diesem Turnier unbelastet. Die Spieler konnten für sich und musste nie für mich spielen.» Man könnte sich eben die Chefs nicht immer aussuchen. Wichtiger ist etwas anderes: «Der Umgang mit den Menschen, die wir selber führen und für die wir die Verantwortung tragen.» Das sind in diesem Falle die Spieler.

Kruegers offene Zukunft

Und nun, wie geht es weiter? Krueger sag, er beginne die Gespräche über neue Herausforderungen frühestens am 1. März. Fast nichts ist auszuschliessen - ausser dass er einen Klub in der Schweiz übernimmt und mit Reto von Arx Essen geht. «Ich habe viel Respekt für Reto. Aber wir werden nicht zusammen Essen gehen. Ich gehe sowieso privat nur mit sehr wenig Leuten zum Essen aus.»

Die Option, deutscher Nationaltrainer zu werden - der Alptraum für die Schweiz - bleibt offen. Die Tage bis zum Abflug am Montag will Krueger mit seinen beiden Assistenten Peter John Lee und Köbi Kölliker hier in Vancouver verbringen. Mit gutem Essen, edlem Wein und Eishockey. «Wir werden die Halbfinals, das Bronze-Spiel und das Finale sehen.»

Bei Krueger hat alles einen Sinn und Zweck: Möglicherweise ist auch das eine Investition in die Zukunft: Peter John Lee könnte neuer General Manager der deutschen Nationalmannschaft werden.

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