Nacht im Zugchaos: «Die SBB hätte mir ein Hotel zahlen müssen»

Aktualisiert

Nacht im Zugchaos«Die SBB hätte mir ein Hotel zahlen müssen»

Hunderte Zugpassagiere strandeten am Donnerstagabend in Genf. Ihre Heimreise dauerte bis in die frühen Morgenstunden.

von
Bettina Zanni

Einige Zugpassagiere nahmen das Zugchaos auch gelassen.

Die Zugpassagiere fixieren immer wieder ungläubig die leeren Abfahrtstafeln. Seit kurz nach 19.30 Uhr ist die Zugverbindung nach Zürich tot. Die SBB meldet einen kompletten Streckenunterbruch zwischen Genf und Lausanne. Hunderte Zugpassagiere, darunter viele Menschen, die an die Messe von Papst Franziskus in Genf pilgerten, sind am Donnerstagabend am Bahnhof Genf gestrandet.

Im Moment wisse man nicht, wann der nächste Zug nach Zürich fahre, antwortet das Bahnpersonal im Minutentakt den verdutzten Passagieren. «Die bekommen das heute nicht mehr in den Griff. Da unten sind wir ja sozusagen schon in Frankreich», wettert ein Gestrandeter mit Zürcher Dialekt.

«Es war völlig chaotisch»

Fast zwei Stunden harren die Gestrandeten am Bahnhof aus, bis um 21.15 Uhr der rettende Zug einfährt. «Das ist eine Löli-Organisation. Die SBB hat überhaupt nicht informiert», schimpft eine Frau aus Zug. Er komme mit zwei Stunden Verspätung in Bern an, sagt ein Rentner. «Die Panne nervte mich aber vor allem, weil man Hunderte Leute einfach warten liess.»

Auch Religionspädagogin Petra Kreuzer sitzt säuerlich im Zug. «Es war völlig chaotisch.» Niemand habe gewusst, wann wieder ein Zug nach Zürich fahre. «Ich muss jetzt schauen, wie ich nachhause komme. Wegen der Verspätung habe ich keinen Anschluss mehr nach Rüti.»

Passagier attackiert Zugführer

Kurz vor Mitternacht platzt einem Zugpassagier der Kragen. «Es ist Mitternacht und wegen Ihrem Laden komme ich nicht mehr nachhause. Das ist doch nicht normal, gopferdammi», blafft er einen Zugführer an. «Sie können auch anständig mit mir reden», antwortet der Zugführer verzweifelt und schiebt nach: «Sie: Ich habe nur Ärger. Ja, wir schauen, dass Sie heute noch nachhause kommen.»

Wenig später schimpft der verärgerte Passagier in sein Handy: «Ich habe Sauhunger, Sauhunger. Die Beiz hier ist auch nicht offen. Die Hälfte der Leute muss im Zug stehen. Ich hoffe, es hat zuhause noch Brot. Es ist eine Zumutung.» Etwas gefasster klagt er gegenüber 20 Minuten: «Von Genf bis Bern habe ich kein Zugpersonal gesehen. Ich weiss nicht, wie ich noch nach Baden kommen soll.» Um vier Uhr morgens müsse er bereits wieder aufstehen, um nach Bern zur Arbeit zu fahren. «Die SBB hätte mir ein Hotel bezahlen müssen.»

Bei der SBB hat man Verständnis für den Unmut der Passagiere am Donnerstagabend. Weil es auf der Strecke Genf - Lausanne keine Umfahrungsmöglichkeiten gebe, seien Wartezeiten bei Blockierungen unumgänglich. Ersatz-Busse hätten sich aufgrund der vielen Extra-Züge nicht so einfach einsetzen lassen. Deshalb bleibe nichts anderes übrig, als die Reisenden um Geduld zu bitten, sagt SBB-Sprecher Reto Schärli. Ab 21.30 Uhr sei die Strecke wieder eingeschränkt befahrbar gewesen.

Schärli verweist ausserdem auf das Fahrgastrecht: Verpasst der Reisende den letzten Anschluss aufgrund einer Störung, werden Kosten für eine Hotelübernachtung oder Taxifahrt bis 150 Franken pro Person erstattet.

Die Panne habe nur Vorteile

Student Matthias Heinzmann machte sich mit seinen Freunden bereits auf die Suche nach einem Hotel. «Es war aber schwierig, im teuren Genf etwas in unserem Preissegment zu finden», sagt er. Für Ärger sorge die Panne bei ihm aber nicht. «Zuerst war ich wütend, weil wir es in der Schweiz ja gewohnt sind, dass alles nach Plan läuft.» Mittlerweile sehe er in der Panne aber nur Vorteile. «Der Zwischenfall sorgt für etwas mehr Gelassenheit. Es ist schön, dass die Leute miteinander plaudern.» Und Lena aus seiner Gruppe fügt an: «Bei der SBB hat man die Gewissheit, dass man noch ankommt.»

Auch andere Passagiere reagieren gelassen. Das Personal habe am Bahnhof Genf Wasserflaschen verteilt, lobt eine Gruppe. Geschätzt wird auch, dass sich die Zugführer während der Fahrt bei den Passagieren nach den individuellen Zielorten erkundigten, um Anschlusszüge vielleicht noch aufhalten zu können. Zudem sorgt die Durchsage, dass eine Taxi-Organisation sämtliche Passagiere von Zürich nachhause fahre, für Jubel.

Als der Zug um ein Uhr morgens im Zürcher Hauptbahnhof eintrifft, bricht aber bereits das nächste Chaos aus. Nicht alle Passagiere haben Platz in den bereitgestellten Taxis – und Passagiere müssen noch in alle Ecken der Schweiz. Zwei Zugführer sind deshalb noch bis in die frühen Morgenstunden damit beschäftigt, für die erneut Gestrandeten individuelle Taxigutscheine auszudrucken.

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