Erneuerte Webseite: «Die SBB müssen über die Bücher»
Aktualisiert

Erneuerte Webseite«Die SBB müssen über die Bücher»

Wie benutzerfreundlich ist der neue Internetauftritt der SBB? 20 Minuten Online hat die Usability-Expertin Silvia Zimmermann befragt. Ihr Urteil fällt klar und deutlich aus.

von
Daniel Schurter

Der neue Internet-Auftritt der SBB ist seit Mittwoch online. Was sticht Ihnen ins Auge?

Das Design der Startseite ist schlicht und übersichtlich. Die Navigation im oberen Bildschirmbereich somit deutlich erkennbar – ein klarer Vorteil gegenüber der bisherigen Site. Ein gutes Service-Design sieht aber anders aus.

Wie meinen Sie das?

Auf der Startseite steht der Fahrplan prominent im Vordergrund. Was sich hinter anderen Stichworten verbirgt, ist nicht sofort erkennbar. Das Versprechen der SBB «Finden statt suchen» wurde nicht eingelöst. Das Design ist verspielt, das geht zu Lasten der Benutzerfreundlichkeit. «Entdecken statt finden» trifft es deshalb besser. Zudem ist die Performance der Website im Moment nicht akzeptabel.

Was ist der grösste Usability-Fehler auf der SBB-Startseite?

Das Konzept der Mouse-Over-Einblendungen. Durch dieses nicht mehr zeitgemässe Design wirkt die Site sehr unruhig, weil Bilder oder die Top-Level-Navigation andere Elemente überblenden, wenn der Nutzer ungewollt mit der Maus damit in Berührung kommt.

Was bewerten Sie positiv?

Die Navigation im oberen Bildschirmbereich ist deutlich erkennbar – ein klarer Vorteil gegenüber der vorherigen Site. Die Funktionalität des Fahrplans selbst ist angereichert und dadurch einfacher zu bedienen und flexibler. Die «SBB Widgets» sind toll angedacht. Wenn ich mir aber mehrere Verbindungen anlegen möchte, ist die Nutzbarkeit schon wieder eingeschränkt.

Was müsste dringend verbessert werden?

Um ein optimales Nutzererlebnis zu gewährleisten, muss die Site-Performance verbessert werden. Ich gehe davon aus, dass dies in den nächsten Tagen und Wochen auch geschehen wird. Bezüglich Usability muss man nochmals über die Bücher und als Allererstes das Mouse-Over Konzept und die Farbkonzeption anpassen.

Wie fällt Ihr Gesamturteil aus?

Die Grundidee des «Bahnhofs im Internet» ist hochspannend und bietet viele Chancen. Die SBB sollten aber bezüglich Benutzerfreundlichkeit über die Bücher. Es ist zwar lobenswert, dass man sich bei der Neugestaltung des Internet-Auftritts auch von ausführlichen Usability-Tests leiten liess. Aber offensichtlich haben die Tests Grundlegendes nicht aufgedeckt. Persönlich stört mich, dass die Site nicht durchgängig allen Altersgruppen gerecht wird und die Versprechen nicht konsequent umgesetzt worden sind.

20 Minuten Online hat die SBB um eine Stellungnahme gebeten. Die Antwort der Bahn-Verantwortlichen folgt ebenfalls im Digital-Ressort.

Zur Person: Silvia Zimmermann

Heute Donnerstag hält Silvia Zimmermann in Instanbul an einem Kongress für Usability-Experten die Eröffnungsrede. Vor Fachleuten aus aller Welt wird sie zum Thema «More Usability Testing – Better User Experience» sprechen. An der zweitägigen «TestIstanbul 2011» nehmen Vertreter der grossen IT-Firmen teil, darunter auch der oberste Usability-Fachmann von Google, Patrick Hofmann.

Zimmermann präsidiert die weltweite Vereinigung der Usability-Profis und führt in Zürich das Institut für Software-Ergonomie und Usability. Die Schweizer Computer-Expertin sagt, der Bedarf an gut ausgebildeten Usability-Fachleuten werde in den nächsten Jahren stark zunehmen. «Im Moment sagt man in den USA, dass dem Markt weltweit 10 000 Fachleute fehlen.» Dies werde sich mit den vorhersehbaren Technologie-Wechseln - Stichwort Mobile Computing - weiter verschärfen. (dsc)

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