Ohne Schutz vor der Witterung - «Die Schafe standen tagelang im Dauerregen auf der Weide»
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Ohne Schutz vor der Witterung«Die Schafe standen tagelang im Dauerregen auf der Weide»

Eine Leserin zeigt sich empört über eine Schafherde im Berner Mittelland, die tagelang ohne Schutz im Regen ausharren musste. Das sei kein Einzelfall, sagt der Schweizer Tierschutz.

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Einzelne Schafe hätten gezittert, andere gar gehustet, erzählt die Leserin.

Einzelne Schafe hätten gezittert, andere gar gehustet, erzählt die Leserin.

zvg
Witterungsschutz stehe den Tieren keiner zur Verfügung.

Witterungsschutz stehe den Tieren keiner zur Verfügung.

20min/Simon Glauser
Schafherden, die permanent im Freien gehalten werden und dennoch über keinen Unterstand verfügen, gebe es leider relativ häufig, sagt Cesare Sciarra, Geschäftsführer des Kompetenzzentrums Nutztiere beim Schweizer Tierschutz (STS).

Schafherden, die permanent im Freien gehalten werden und dennoch über keinen Unterstand verfügen, gebe es leider relativ häufig, sagt Cesare Sciarra, Geschäftsführer des Kompetenzzentrums Nutztiere beim Schweizer Tierschutz (STS).

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Darum gehts

  • Eine Schafherde im Kanton Bern weidete während Tagen bei Wind und Nässe – Unterstand steht keiner zur Verfügung, sagt eine Leserin aus der Region.

  • Obschon Halterinnen und Halter um einen Witterungsschutz besorgt sein müssten, kämen sie ihren Pflichten allzu oft nicht nach, heisst es beim Schweizer Tierschutz.

  • Der Grund sei nicht fehlendes Wissen, sondern Bequemlichkeit und Ideenmangel, so der STS.

Nach dem garstigen April dürfte auch der Mai 2021 zu kalt ausfallen, vermeldeten kürzlich die Wetterdienste. Der verregnete Frühling schlägt nicht nur etlichen Schweizerinnen und Schweizern aufs Gemüt, sondern macht auch zahlreichen Schafen zu schaffen – insbesondere jenen, die Wind und Nässe ohne Witterungsschutz ausgeliefert sind. So etwa eine Herde im bernischen Mittelland: «Die teils geschorenen Schafe standen tagelang bei Dauerregen und Kälte auf der Weide», sagt Leserin Yvonne Martin, die regelmässig an den Tieren vorbeireitet. Einzelne Schafe hätten gezittert, andere gar gehustet. Ob die Herde nachts im Stall sei, wisse sie nicht. «Aufgrund der riesigen Anzahl Tiere kann ich es mir aber kaum vorstellen», so Martin.

Schafherden, die permanent im Freien gehalten werden und dennoch über keinen Unterstand verfügen, gebe es leider relativ häufig, sagt Cesare Sciarra, Geschäftsführer des Kompetenzzentrums Nutztiere beim Schweizer Tierschutz (STS). Dabei schreibt genau das die Tierschutzverordnung vor: «Die Tierhalterin oder der Tierhalter sorgt für den notwendigen Schutz der Tiere, die sich der Witterung nicht anpassen können», heisst es in Artikel 6. Und Artikel 54 hält fest: «Frisch geschorene Tiere sind vor extremer Witterung zu schützen.»

Ein Unterstand wäre keine grosse Sache

Dass sich Schafhalterinnen und -halter oftmals nicht an diese Vorgaben halten, hat laut Sciarra weniger mit Unwissen als vielmehr mit Ideenlosigkeit zu tun. «Ich höre des Öfteren die Ausrede, wie aufwändig die Errichtung eines solchen Unterstandes sei», sagt der ausgebildete Ingenieur-Agronom. Dabei reiche schon ein stabiles Zelt, ein ausgedienter Baustellenwagen oder ein Transportanhänger mit ausklappbaren Seitenträgern. «Manchen Haltern fehlt es einfach am Willen und an der Fantasie.»

Sind die Schafe längeren Regenfällen ausgesetzt, schützt die Wolle sie nicht mehr ausreichend vor der Kälte. Sie frieren und können auch mal Lungenprobleme bekommen. «Wenn Schafe ständig draussen im Matsch stehen müssen, begünstigt dies zudem Hufkrankheiten», sagt Sciarra. Wenn die Schafe für einige Stunden im Regen weiden und danach in den Stall zurückkehren könnten, bestehe aber kein gesundheitliches Risiko.

Geschorene Schafe nachts einstallen

Auch der Schweizer Bauernverband (SBV) betont auf Anfrage, dass Schafe bei längerem Aufenthalt draussen einen trockenen Platz brauchen. Das müsse aber nicht zwingend ein Unterstand sein – auch dichte Bäume könnten diese Funktion erfüllen. Die Frage sei zudem, ob die Tiere nachts im Stall seien, sagt Sprecherin Sandra Helfenstein: «Falls ja, brauchen sie durch den Tag keinen Unterstand. Die aktuellen Temperaturen –selbst mit Regen – sind auch für geschorene Schafe kein Problem.» Weil die Nächte derzeit unüblich frostig sind, empfiehlt der BLV den Schafhalterinnen und -haltern jedoch, bereits geschorene Schafe über Nacht in den Stall zu nehmen.

Neben einem geschützten Platz sei bei Herden mit Mutterschafen wichtig, regelmässig nach Neugeborenen Ausschau zu halten, so Tierschützer Sciarra. Diese bräuchten mehr Betreuung und müssten gerade bei extremen Witterungsverhältnissen eher in den Stall genommen werden. Ein täglicher Kontrollgang auf der Weide – Sind die Tiere gesund? Haben sie genug Futter? – sei unerlässlich. Sciarra: «Wenn man diese Pflichten befolgt, hat man schon viele Probleme im Ansatz gelöst.»

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(sul)

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