Aktualisiert 02.08.2012 14:58

Badminton-SkandalDie Schande von London und ihre Folgen

Weltmeisterin Yu Yang tritt nach der Schummelei zurück. Die Schuld daran tragen aber nicht nur die Spielerinnen, sondern auch der Badminton-Verband: Fussball und Beachvolleyball machen es besser.

von
rme

Der Bschiss im Detail. (Quelle: <a href="http://youtu.be/hdK4vPz0qaI" target="_blank">youtube.com/ABC News</a>)

Vermutlich wäre der ganze Schwindel gar nicht aufgeflogen, wenn die beteiligten Teams weniger auffällig verloren hätten. Im stillen Kämmerlein hätten sie sich abklatschen können, wären eine Runde weitergekommen und kaum einer hätte Verdacht geschöpft. Aber die Badminton-Spielerinnen fehlten im Trainingslager nicht nur in der Lektion über das korrekte ethische Verhalten, sondern auch in der Schauspielstunde.

Es ist ein grässliches Schauspiel, das sich den 6000 Zuschauern in der Wembley-Arena bietet. Anstatt auf der höchsten sportlichen Ebene um jeden Shuttle zu fighten, produzieren Spielerinnen von vier Topteams gleich serienweise Fehlschläge. Aufschläge gehen en masse ins Netz oder segeln aus dem Spielfeld: Anfängerfehler. Das Publikum tobt, weil es so offensichtlich ist, dass die Teams nicht gewinnen wollen.

Es klingt paradox. Vier Jahre lang bereiten sich Sportler darauf vor, an den Olympischen Spielen bereit zu sein für den ganz grossen Wurf. Vier Jahre lang trainieren sie hart, vier Jahre lang fliesst viel Schweiss, vier Jahre lang steht ein Ziel über allen anderen. Und dann am Tag X wird absichtlich verloren.

Eine überraschende Niederlage und ihre Folgen

Die Erklärung für dieses Verhalten ist aber rasch gefunden. Am Ursprung steht genau eine solche tadellose sportliche Leistung, ein Exploit der Däninnen Christinna Pedersen und Kamilla Rytter Juhl. Sie bezwingen überraschend das Duo Tian Qing/Zhao Yunlei, ihres Zeichens Topfavoritinnen auf Gold aus China. Die Asiatinnen beenden die Gruppenspiele deshalb nicht erwartungsgemäss auf Rang 1, sondern auf Rang 2.

Die Niederlage von Tian/Zhao löst eine Kettenreaktion aus. Denn das zweite chinesische Doppel, die Weltmeisterinnen Yu Yang und Wang Xiaoli, will nun auf keinen Fall die eigene Gruppe gewinnen, weil es sonst im Viertelfinal ein Duell mit den Landsfrauen gibt. Also gibt das Duo alles, um gegen Jung Kyung Eun und Kim Ha Na aus Südkorea zu verlieren. «Sie haben so gespielt, dass sogar mein Baby gewonnen hätte», schimpfte Gail Emms, die an den Olympischen Spielen in Athen eine Badminton-Medaille gewann und in London für die BBC arbeitet.

Die Schummelei ist so offensichtlich, dass der Badminton-Weltverband BWF Yu/Wang disqualifiziert – genau wie zwei weitere Teams, die sich durch deren Vorstellung inspirieren liessen, um ebenfalls zu verlieren. Bei Greysia Polii/Meiliana Jauhari (Indonesien) gegen Ha Jung Eun/Kim Min Jung (Südkorea) muss es noch absurder zu und her gegangen sein, denn beide Teams versuchten, das Spielfeld als Verlierer zu verlassen.

Chinas Olympia-Delegation hat sich für das Verhalten ihres Frauen-Doppels entschuldigt. Yang Yu und Wang Xiaoli hätten die olympischen Ideale und den Geist des Fairplays verletzt. «Die chinesische Delegation ist erschüttert über diese Angelegenheit», hiess es in einem Communiqué.

Modus mit Schwachpunkt

Yu Yang, die Weltmeisterin aus China, ist als Konsequenz zurückgetreten. Einsicht sieht jedoch anders aus: «Wir waren vor dem Spiel verletzt», hat sie gemäss «bild.de» auf der chinesischen Variante von Twitter geschrieben. «Können Sie sich vorstellen, wie viel Schmerz wir Athleten aushalten und trotzdem antreten müssen? Ich habe mich richtig angestrengt in dem Match.» Yu kritisierte den Weltverband, weil dieser kurzfristig ein neues Turnierformat mit mehr Spielen eingeführt hat.

In der Tat ist die Schuld der BWF am Skandal nicht von der Hand zu weisen. Es ist offensichtlich, dass Teams, die nach zwei von drei Spielen bereits für die nächste Runde qualifiziert sind, im abschliessenden Gruppenspiel nicht hundert Prozent geben. Besonders, wenn bereits bekannt ist, gegen wen man dort antreten muss.

Im Fussball wurde der Modus deshalb angepasst, nachdem es an der WM 1982 zu einem unsäglichen Ballgeschiebe zwischen Deutschland und Österreich gekommen war, zum Spiel das als «Nichtangriffspakt von Gijon» in die Geschichte einging. Die Teams wussten, dass beide bei einem 1:0-Sieg Deutschlands eine Runde weiterkommen und stattdessen Algerien ausscheiden würde. So kam es, dass Horst Hrubesch in der 10. Minute traf und sich die 22 Spieler den Ball in der Folge bloss lustlos hin- und herschoben.

Die Fifa zog die richtige Konsequenz: Sie setzte entscheidende Gruppenspiele auf die selbe Zeit an, um Absprachen einen Riegel zu schieben. Der Badminton-Weltverband verzichtete darauf, was dem Skandal Tür und Tor öffnete. Dass es bei Olympia auch anders geht, beweist der Beachvolleyball-Sport. Die Paarungen der Achtelfinals stehen nicht im Voraus fest, sondern werden erst nach der Gruppenphase ausgelost.

«Im wahren Geist der Sportlichkeit»

Im Weiteren stellt sich die Frage, wie skandalös das Verhalten überhaupt war. Ist es nicht legitim, zu verlieren, wenn man sich daraus einen Vorteil erhofft? Es gibt schliesslich keine Regel, die besagt, dass versucht werden muss, ein Spiel mit allen Mitteln zu gewinnen. Es kann so höchstens die Rede von einem verwerflichen Verhalten und von fehlendem Sportgeist sein.

Wenn da nicht die Sache mit dem Olympischen Eid wäre. An der Eröffnungsfeier verspricht ein Athlet, stellvertretend für alle Teilnehmer, «die gültigen Regeln zu respektieren und zu befolgen» und dies «im wahren Geist der Sportlichkeit, für den Ruhm des Sports und die Ehre unserer Mannschaft». Der Eid wurde mit Badminton-Rackets getreten.

«Deprimierend», nannte Londons Olympia-Boss Sebastian Coe den Badminton-Skandal. «Es waren so viele Fans da, die kamen, um tollen Sport zu sehen. Das Verhalten ist wirklich unentschuldbar», sagte der einstige Leichtathletik-Star kopfschüttelnd.

Was sagen Sie zum Badminton-Skandal? Diskutieren Sie im Talkback über das Verhalten der Spielerinnen.

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