10.01.2016 15:21

«The Revenant»Die schaurige Geschichte der Büffelkopf-Pyramiden

In «The Revenant» erklimmt Leo DiCaprio einen riesigen Haufen Bisonschädel. Tatsächlich existierten früher solche gewaltigen Knochenberge.

von
J.-C. Gerber

Es ist eine der eindrücklichsten Szenen des neu im Kino angelaufenen Westerns «The Revenant». In einer Traumsequenz läuft der Protagonist Hugh Glass (Leonardo DiCaprio) an einen Berg von 10'000 Büffelschädeln heran. Laut Produktionsdesigner Jack Fisk war es die Idee des Regisseurs Alejandro G. Iñárritu, wie er dem «Architectural Digest» sagte. «Ich denke, es steht für das, was mit den Indianern geschah.»

Tatsächlich ist das Schicksal der Bisons eng mit dem der amerikanischen Ureinwohner verbunden. Bevor die Europäer die amerikanische Prärie eroberten, lebten dort rund 50 Millionen wilde Büffel. 1884 waren es gerade mal noch 325. Sie waren vom weissen Mann gnadenlos abgeschlachtet worden, nicht zuletzt um die Indianer zu schwächen.

Die US-Armee befürwortete die Jagd auf Büffel offen. Einige Kommandanten befahlen ihren Soldaten sogar, Büffel zu schiessen. Nicht um sie zu essen, sondern ausdrücklich um den Indianern ihre Lebensgrundlage zu rauben. Ein General liess verlauten, dass die Bisonjäger in wenigen Jahren mehr dafür getan hätten, die Indianer zu besiegen, als die gesamte US-Armee in 50 Jahren.

Trailer "The Revenant"

Für Porzellan und Zucker

Die Jäger waren im 19. Jahrhundert in erster Linie wegen der Häute hinter den Büffeln her. Die Häute wurden in den Osten der USA und nach Europa geschickt, wo sie zu Leder verarbeitet wurden. Der Rest der Kadaver liessen die Jäger an Ort und Stelle zurück, wo sie verrotteten und den Geiern ein Festessen boten.

Siedler sammelten anschliessend die Knochen ein, für die sie 2.50 bis 15 Dollar pro Tonne bekamen. Büffelknochen wurden in der Zuckerraffination, der Dünger- und Porzellanherstellung verwendet.

Die Nachfrage nach den Knochen war gross. Die Schädelberge, die vor den Fabriken auf ihre Weiterverarbeitung warteten, waren entsprechend gewaltig. Eine historische Fotografie zeigt eine Knochenpyramide, die grob geschätzt wohl rund 180'000 Schädel umfasst, wie die Website Rarehistoricalphotos.com schreibt.

Der Haufen muss zum Himmel gestunken haben. Um die Wünsche seines Regisseurs umzusetzen, zog Produktionsdesigner Fisk zuerst in Betracht, echte Büffelschädel zu verwenden. «Sie waren so ekelhaft und stanken dermassen stark, dass ich wusste, ich konnte sie nicht aufs Filmset bringen», so Fisk. Seine Requisiteure stellten die Schädel schliesslich künstlich aus Schaumstoff her.

Skrupellose Eisenbahnbarone

Schliesslich machten auch die Eisenbahnbetreiber, die ihre Schienen immer weiter nach Westen legten, fleissig beim Abschlachten der Büffel mit. Da die Tiere gerne in Eisenbahn-Einschnitten Schutz vor der Witterung suchten oder zu Tausenden über die Gleise rannten, kam es immer wieder zu grossen Verspätungen. Die Eisenbahnbarone stellten deshalb Scharfschützen an, die aus dem fahrenden Zug auf jeden Büffel schossen, der ihnen vor den Lauf kam.

Dass es heute noch Bisons gibt, ist einigen Farmern zu verdanken, die die wenigen überlebenden Tiere auf ihr Land brachten, um sie vor dem Tod zu bewahren. Heute leben wieder über eine halbe Million Büffel in den USA, die meisten auf Farmen. Die Weltnaturschutzunion IUCN bezeichnet 15'000 von ihnen als freilebend.

Deine Meinung

Fehler gefunden?Jetzt melden.