Basel: «Die Scheiben wurden in Stücke geschlagen, es tat im Herzen weh»
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Basel«Die Scheiben wurden in Stücke geschlagen, es tat im Herzen weh»

Am Claraplatz in Basel wird eine neue Paketanlage getestet. Die Smart Box Basel ist anbieterneutral und soll den Zustellverkehr vermindern. Doch dort, wo die neue Anlage steht, waren vorher dekorierte Telefonkabinen – ein Treffpunkt für Armutsbetroffene.

von
Seline Bietenhard
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In Basel wird ein neues System zur Paketverteilung getestet. Ihm weichen müssen ausrangierte Telefonkabinen, die unter anderem von René als Treffpunkt für Personen in prekären Lebensverhältnissen eingerichtet wurden.

In Basel wird ein neues System zur Paketverteilung getestet. Ihm weichen müssen ausrangierte Telefonkabinen, die unter anderem von René als Treffpunkt für Personen in prekären Lebensverhältnissen eingerichtet wurden.

20 Minuten/Seline Bietenhard
So soll die neue Paketanlage «Smart-Box» künftig aussehen. Sie ist schon seit Mittwoch in Betrieb.

So soll die neue Paketanlage «Smart-Box» künftig aussehen. Sie ist schon seit Mittwoch in Betrieb.

Kanton Basel-Stadt

Noch im Sommer sah es am Claraplatz so aus. Die Bank neben den Kabinen wird seit Jahren als Treffpunkt genutzt.


Noch im Sommer sah es am Claraplatz so aus. Die Bank neben den Kabinen wird seit Jahren als Treffpunkt genutzt.

20 Minuten/Elodie Kolb

Am Claraplatz in Basel steht mit der Smart-Box eine neue Paketanlage, die seit Mittwoch in Betrieb ist. Sie soll den Zustellverkehr und Lieferfahrzeuge im Stadtraum reduzieren, wie das Bau- und Verkehrsdepartement (BVD) in seiner Medienmitteilung schreibt. Bewohner von Basel könnten so bestellte Pakete bequem an die Paketanlage liefern lassen und dort rund um die Uhr abholen, wie es weiter heisst.

Doch dort, wo die experimentelle Smart-Box steht, treffen sich Menschen in prekären Lebenssituationen. Seit Jahren verbringen sie zusammen Zeit auf der Bank neben der neuen Abholanlage. Erst im Sommer hatten sie die ausrangierten Telefonkabinen, die nun der Box weichen mussten, als Treffpunkt dekoriert und ihn als Anspielung auf die Gassenzimmer «Alkistübli» genannt.

Trauer um das Alkistübli

Der Organisator, René, wollte damals einen anständigen Treffpunkt im Kleinbasel haben. Er hatte die Einrichtung der Telefonkabinen selber gestaltet und organisiert. Doch die Kabinen wurden vom Kanton gekauft. Vor drei Wochen habe man mit dem Abriss begonnen, so René.

Er wurde vom Verein für Gassenarbeit Schwarzer Peter über die Pläne informiert. Er hatte nicht viel Zeit, sagt er. Alle Möbel aus dem Alkistübli seien weggeworfen worden, klagt der Mann. Immerhin hätte er noch einige Dinge retten können. «Die Scheiben der Kabinen wurden in Tausend Stücke geschlagen, es tat mir weh im Herzen», sagt René zu 20 Minuten.

«Diese Menschen gehören zu Basel»

Grossrätin Jessica Brandenburger (SP) hofft, dass das Alkistübli ersetzt wird. Die Betroffenen bräuchten einen Ort, wo sie sich aufhalten könnten. Gemäss Partei- und Ratskollege Sebastian Kölliker gehörten sie zur Stadt, und sie zu vertreiben sei kein Konzept.

Für den Verein für Gassenarbeit Schwarzer Peter ist es ärgerlich, dass die Telefonkabinen nicht mehr verfügbar sind. Sie hätten im Winter oft als Schutz gedient oder seien für Pop-up-Kunstinstallationen genutzt worden, heisst es auf Anfrage. Der Kanton habe sie aber rechtzeitig über das Vorhaben informiert.

«Vorübergehend geduldet»

Und wie steht die zuständige Behörde, das BVD, zur Situation? Auf Anfrage von 20 Minuten hebt Sprecherin Melanie Honegger die Vorteile des Standorts hervor: zentral gelegen, gut erreichbar, Stromanschluss. «Zum anderen sollte sich die Pilotanlage an einem Ort befinden, wo sie längerfristig verbleiben kann», schreibt sie.

Auf die Personen, die sich dort regelmässig treffen, angesprochen, heisst es: «Wir verstehen sehr gut, dass die Betroffenen darüber enttäuscht sind, dass sie die Telefonkabinen nun nicht mehr nutzen können. Leider handelt es sich aber um öffentlichen Grund, der nicht von einzelnen vereinnahmt werden kann». Die Einrichtungen der Telefonkabinen seien «vorübergehend geduldet» worden. Da aber keine Bewilligung vorlag sei «stets klar» gewesen, dass sie nicht von Dauer sein könnten.

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Hier findest du Hilfe:

Tischlein Deck Dich, Lebensmittelhilfe

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