Aktualisiert 20.01.2016 10:04

US-Wahlen

Die Schlammschlacht hat erst begonnen

Der US-Wahlkampf wird zunehmend härter. Experten erwarten ein wahres Gemetzel, bis im November der neue US-Präsident feststeht.

von
Martin Suter

Noch ist im Rennen um die amerikanische Präsidentschaft keine einzige Vorwahlstimme abgegeben worden – und doch wird der Wahlkampf vor der ersten Ausscheidung in Iowa am 1. Februar ständig härter. Bei den Demokraten erhoben die Kandidaten an einer TV-Debatte am Sonntag ihre Stimmen bis zur Heiserkeit. Bei den Republikanern greifen sich die Anwärter zunehmend unverschämt an. So erwarten Fachleute für die nächsten Monate eine Schlammschlacht. Dafür gibt es sechs Hinweise:

1. Es wird so viel geflucht wie nie zuvor

Die «New York Times» diagnostizierte im November einen lockeren Umgang mit Kraftwörtern. Der Republikaner Rand Paul brauchte das Wort «bullshit» (Bockmist). Donald Trump verwendete das Wort «schlong», was irgendetwas mit Schwanz zu tun hat. Sogar der zurückhaltende Jeb Bush wagte es, einen Satz mit «damn it!» (Verdammt) zu beenden. Diese Ausdrücke sind zwar eher harmlos, doch laut «Times» fielen sie in modernen Wahlkämpfen noch nie so häufig.

2. Die Rolle der soziale Medien

Die Psychologie lehrt, dass negative Informationen stärker haften bleiben als positive. Für Kandidaten lohnt es sich, ihre Rivalen mit Schmutz zu bewerfen. Das gelte im heutigen Zeitalter der sozialen Medien noch viel mehr, glaubt der demokratische Stratege Joe Trippi: «Wir können die Gerüchte, die Angst und die Angriffe selbst verbreiten.» Anonym leiste man sich eine Grobheit, die man in Person nie erwägen würde, schreibt er.

3. Negative Beliebtheit

Erstmals sind die Spitzenkandidaten in der jeweils gegnerischen Partei so verhasst, dass sie insgesamt eine negative Beliebtheit aufweisen. Von der Demokratin Hillary Clinton haben laut «Huffington Post» 51,9 Prozent der Befragten eine unvorteilhafte Meinung und nur 43,4 eine vorteilhafte. Beim Republikaner Donald Trump sind die Zahlen noch extremer: 56,3 Prozent sehen ihn negativ, nur 37,2 Prozent positiv. «Allein diese Tatsache hat einen höchst negativen Wahlkampf zur Folge», glaubt Trippi.

4. Nackte Wut – weil es ums Ganze geht

Eine Untersuchung des Wahlgangs von 2012 fand eine ausgeprägte Wut der Amerikaner auf die Kandidaten aus dem gegnerischen ideologischen Lager. Der Zuspruch für den Politnovizen Donald Trump und den Sozialisten Bernie Sanders zeigt, dass die Wutbürger dieses Jahr noch zorniger sind: Konservative wollen die Veränderungen der letzten sieben Jahre um jeden Preis rückgängig machen; Progressive wollen das Obama-Erbe unbedingt erhalten. In den Augen vieler geht es diesmal ums Ganze – und entsprechend emotional wird der Wahlkampf geführt.

5. Tabubrecher Trump:

Der New Yorker Baulöwe bricht im Wahlkampf Tabus der Höflichkeit. Während an ihm selbst alles abzuprallen scheint, wirken seine Angriffe. Jeb Bush hat sich bis heute nicht davon erholt, dass Trump ihn als «low-energy» («schwachbrüstig») bezeichnete. Seinen aktuellen Gegenspieler Ted Cruz nannte Trump am Sonntag einen «nasty guy» («ekligen Kerl»).

6. Mächtig viel Material

Die Spitzenleute beider Parteien liefern Angriffsflächen. Gegen Trump kann dessen nationalistische Fremdenfeindlichkeit vorgebracht werden. Seine aggressive Haltung gegen Einwanderer und Muslime sehen nicht wenige als faschistisch. Bei Hillary Clinton wird ihre Ehrlichkeit angezweifelt. Wegen des E-Mail-Skandals droht ihr eine Anklage. Zudem hängt ihr das Bengazi-Debakel in Libyen an, und sogar die Sexskandale ihres Ehemannes Bill sind wieder ausgegraben worden. Schlamm für die Schlacht liegt in Unmengen bereit.

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