Die Wurzel des Übels: Die Schönen und die Berserker
Aktualisiert

Die Wurzel des ÜbelsDie Schönen und die Berserker

Es liegt nicht an den bösen Monstern, Aliens oder den anderen gemeinen Viechern: Zu brutalen Killern werden Gamehelden wegen etwas viel Persönlicherem. Na was wohl?

von
Jan Graber

Als sich ein Kerl namens Jumpman 1983 auf den Weg machte, um über rollende Fässer zu springen, Leitern zu erklimmen und einem üblen Gorilla auszuweichen, tat er dies nicht, weil die Welt am Abgrund stand. Nein, es waren viel profanere Motive im Spiel. Die unvorsichtige Freundin Pauline war vom Affen entführt worden und harrte der Errettung. Das Spiel hiess «Donkey Kong» und Jumpman war niemand anders als der spätere Super Mario.

Die alte Rette-mich-Leier

Die Aufgabe des berühmtesten aller Videospielhelden blieb in der Folge stets dieselbe: Spiel um Spiel rettete Klempner Mario seine Angebetete – sie hiess mittlerweile Prinzessin Peach – aus den Fängen des Entführers. Er wird sie auch weiterhin retten müssen.

Aber nicht nur Mario kann ein Lied davon singen, was es heisst, von der Liebe getrieben zu sein: Zahlreiche Helden ziehen eine Spur der Zerstörung hinter sich her. Nicht weil Monster, Aliens oder feindliche Truppen die Weltordnung bedrohen, sondern weil ein persönlicher Schmerz sie anstachelt. Sei es, weil der oder die Geliebte entführt wurde oder – noch schlimmer – das Zeitliche gesegnet hat. Fälle von blinder Wut aufgrund eines Ehekrachs lassen sich in der Welt der Videospiele hingegen keine finden.

Wichtigster Grund für einen spontanen Rachefeldzug ist in der Regel die Entführung. Ob Alice Wake im Horrorshooter «Alan Wake», Elaine Marley, Frau von Guybrush Threepwood aus «The Secret of Monkey Island», Mithra, Tochter von Halbgott Asura aus dem aktuellen Hack'n'Slay-Spiel «Asura's Wrath» oder Prinzessin Zelda aus der Spielreihe «The Legend of Zelda»: Sie alle treiben die männlichen Spielhelden dazu, ihren Gegnern Feuer unterm Hintern zu machen, um die Nahestehende zu retten. Nur in einer Spielreihe sind die Rollen umgekehrt verteilt: Die weibliche Heldinn Rynn muss in «Drakan» ihren entführten Bruder retten.

Aus Held wird Beserker

Noch fataler für die Gegner wird es, wenn Hass die Helden zu Berserkern macht. So zum Beispiel Jackie Estacados aus «The Darkness 2»: Seit seine Freundin Jenny Romano brutal ermordet wurde, befindet sich Estacado auf einem blindwütigen Rachefeldzug. Die Finsternis, die in ihm wütet, lässt Estacado Dämonen beschwören, welche die Feinde mitten in der Luft zerreissen und ihre Herzen fressen. Metaphorisch brillanter lässt sich kaum nachzeichnen, was gefühlsmässig in einem Menschen vorgeht, der seine Liebste gewaltsam verloren hat.

Der Verlust kann indessen auch selbstzerstörerische Züge annehmen: Wander, Held aus «Shadow of the Colossus», opfert zum Beispiel sein eigenes Leben, um das Mädchen Mono aus dem Totenreich zurückzuholen. Auch Max Payne hat, seit seine Frau und die neugeborene Tochter von verstrahlten Junkies bestialisch ermordet wurden, nur noch Lust zu sterben. Stattdessen trägt er das Verderben zu den Drogendealern. Hilfreich zur Seite steht ihm die Killerin Mona Sax. Sie ist die Verkörperung der Femme Fatale schlechthin. Max verliebt sich in sie, was ihn zusätzlich anstachelt, seinen Heldenmut zu beweisen.

Imponieren macht stark

Was uns zum dritten Grund bringt, wieso Gamehelden ihre Überlegenheit beweisen wollen: das Imponiergehabe. Diesem Hang unterliegen Nathan Drake aus der «Uncharted»-Reihe genauso, wie der «Prince of Persia» im gleichnamigen Spiel, der Masterchief in «Halo» oder Manuel «Many» Calavera in «Grim Fandango».

Selbst wenn die Hingabe nicht offensichtlich ist, spielen Frauen den Grund für die Heldentat. Alyx Vance aus «Half Life» hat mit Sicherheit ein Auge auf Gordon Freeman geworfen und Meryl Silverburgh, Kampfgefährtin von Snake aus «Metal Gear Solid», ist dem alten Haudegen auch nicht abgeneigt. Die beiden Dumpfbacken haben einfach noch nicht realisiert, dass ihr Einsatz seinen Ursprung in der Liebe hat. Denn wie wusste der legendäre israelische Staatsmann? «Die Frau ist ein Kamel, das uns hilft, die Wüste zu durchqueren.»

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