Aktualisiert 23.01.2008 18:33

«Die Schönwetterbörse ist vorbei»

Bereits einen Tag nach der drastischen Zinssenkung der US-Notenbank haben die Börsen weltweit wieder deutlich nachgegeben. Auch in der Schweiz verflog die Zuversicht schnell. Der SMI schloss 1,8 Prozent tiefer.

Der SMI der Bluechips eröffnete zwar 1,8 Prozent fester, danach setzten aber Abgaben ein. Gegen 15 Uhr notierte das Schweizer Börsenbarometer ein Minus von 4,1 Prozent. Zum Handelsschluss betrug der Abschlag nach einer Erholung im späten Geschäft noch 1,8 Prozent auf 7356 Zähler. Der breite SPI büsste 1,7 Prozent auf 5971 Punkte ein.

In den USA verloren die Börsen angesichts neuer Rezessionsängste und teils enttäuschender Unternehmensergebnisse deutlich an Boden. An der Wall Street grassierte die Furcht vor neuen Milliardenabschreibungen bei Banken. Zudem erschreckten Apple und Motorola die Börsianer mit unerwartet schwachen Geschäftsprognosen.

Der Dow-Jones-Index der Standardwerte fiel in den ersten Handelsminuten um 1,6 Prozent. Gegen Handelsmitte betrug das Minus 2,1 Prozent auf 11 715 Zähler. Der Index der Technologiebörse Nasdaq gab sogar 3,3 Prozent auf 2215 Punkte nach.

Europa im Sog

Der europäische Leitindex EuroSTOXX 50 verbuchte ein Minus von 4,7 Prozent. In Asien hatten sich die Börsen dagegen am Mittwoch von den massiven Kursverlusten der vergangenen Tage erholt.

Der deutsche Leitindex DAX gab seine frühen Tagesgewinne ab und stand zum Schluss des elektronischen Handels in Frankfurt mit 4,88 Prozent im Minus. Am Nachmittag war der DAX zwischenzeitlich auf seinen tiefsten Stand seit Dezember 2006 eingebrochen.

Die Anleger seien nervös und es überwiege weiter die Sorge, dass die überraschende Leitzinssenkung der US-Notenbank vom Vortag ihre Wirkung verfehlen könnte, sagten Börsianer.

Gerüchte und geplatzte Hoffnungen

Händler verwiesen auch auf Gerüchte um weitere Milliardenabschreibungen bei Grossbanken wie Société Générale, ABN Amro oder Deutsche Bank als neuerlichen Belastungsfaktor. Bei letzterer belasteten zudem Gerüchte um eine mögliche Gewinnwarnung.

Zudem liessen die Aussagen des Präsidenten der Europäischen Zentralbank (EZB), Jean-Claude Trichet, Hoffnungen einiger Marktteilnehmer auf eine Zinssenkung platzen.

«Es ist die Pflicht der Zentralbank, Inflationserwartungen zu verankern, um weitere Unbeständigkeit in bereits sehr unbeständigen Märkten zu vermeiden», sagte Trichet in Brüssel. Die EZB hatte bereits in der Vergangenheit Leitzinssenkungen mit Blick auf die hohe Teuerungsrate in der Eurozone zurückgewiesen. Dennoch war spekuliert worden, dass die EZB der US-Notenbank folgen könnte.

«Schönwetterbörse» vorbei

Die Federal Reserve hatte am Dienstag ihren Leitzins um 0,75 Punkte auf 3,5 Prozent gesenkt. Diese Zinssenkung habe Schlimmeres verhindert, sagte Stratege Robert Halver von der Bank Vontobel. «Aber wir sind noch nicht durch.» Die US-Notenbank habe lediglich wichtige Massnahmen für den «Heilungsprozess» eingeleitet.

Marktstratege Mirko Pillep von der Helaba sagte, die ausserplanmässige Leitzinssenkung der US-Notenbank werde die Probleme kurzfristig nicht lösen. Sie sei eher Anzeichen der verzweifelten Lage, zumal am Markt mit einem weiteren Zinsschritt auf der regulären Sitzung gerechnet werde.

Das hätten jetzt auch die Anleger realisiert. «Es wird eine Gegenbewegung geben, aber eines ist klar: Die Schönwetterbörse ist vorbei», sagte Pillep. (dapd)

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