Aktualisiert 20.10.2011 10:18

Aktivisten versus BankerDie Schreihälse übernahmen die Show

Das Treffen von Linksaktivisten und Bankern sollte der Beginn einer Diskussion sein. Weil die lautesten Stimmen aber nicht die vernünftigsten waren, wäre die Veranstaltung fast eskaliert.

von
Joel Bedetti
Der Botschafter der Lindenhof-Siedler liest ein Statement vor.

Der Botschafter der Lindenhof-Siedler liest ein Statement vor.

Die Besetzer des Lindenhofs hatten sich gesträubt, die Einladung zu einem Treffen zwischen «Empörten» und Bankern anzunehmen. Als dieses heute Mittag in der Zürcher St. Peter-Kirche doch zustande kam, schickten sie einen Botschafter, welcher kundtat, dass die anwesenden Aktivisten nicht die Meinung des Kollektivs vertreten würden. Damit handelten sie weise; denn nach einem vernünftigen Start übernahmen zusehends Querschläger, Pseudo-Messiasse und Schreihälse die Diskussion.

Organisiert hatte das Treffen Hans-Peter Portmann, FDP-Kantonsrat und Präsident des Zürcher Bankenverbands. Anwesend waren rund 40 Personen, darunter die Nationalräte Dani Vischer (Grüne) und Dominique Baettig (SVP), sowie Medienvertreter. Alma Redzic, Kantonsrätin und Präsidentin der jungen Grünen des Kantons Zürich, sowie eine weitere «Occupy»-Sympathisantin fungierten als Gegenpart zu Hans-Peter Portmann und Dieter Sigrist, den Sekretär des Zürcher Bankenverbands.

Madonna ist auch gierig

Die Diskussion begann mit Statements beider Seiten. Redzic betonte ihre Freude, dass die Jugend zusammengefunden habe, um gegen ein «hochspekulatives Finanzsystem» zu kämpfen, das seit der Krise von 2008 nicht viel gelernt habe. Hans-Peter Portmann entgegnete, dass der Schweizer Finanzsektor besonders streng reguliert sei, machte aber seiner Abneigung gegen eine wachsende Gier deutlich; für ihn ist diese jedoch nicht nur im Bankensektor anzutreffen, sondern auch im Showbusiness, wenn Madonna 400 Franken für ein Ticket verlange.

«Occupy» am Paradeplatz

Danach wurde die Diskussion, welche aufgrund des basisdemokratischen Anspruchs ohne Moderator geplant war, für das Publikum geöffnet. Und wie es so ist mit gutgemeinter Basisdemokratie: Statt einem Miteinander folgte die Herrschaft der Rücksichtslosen und Unüberlegten. Nach einigen sachlichen Statements über den Einfluss der Banken auf die Politik schlug die Stunde der Schreihälse.

Die neuen Siedler vom Lindenhof

Diktatorische Manier

Erst hielt ein ehemaliger Investmentbanker, der nun im Goldhandel tätig ist, einen ellenlangen Vortrag über die Schuld der USA am Finanzdebakel. Ein fein gekleideter Herr mit französischem Akzent beschwor in fast religiöser Besessenheit einen «Weltkrieg, den diese Banken auslösen werden». Ein Mann, laut eigenen Angaben Unternehmer und seit 40 Jahren mit der Finanzmaterie vertraut, erging sich in Theorien über gesättigte Märkte und unterbrach in der Folge immer wieder in diktatorischer Manier andere Redner. Er verkündete, in vier Jahren mit seiner Bewegung 60 Prozent der Parlamentssitze zu erobern - mindestens.

Die Grüne Alma Radzic forderte vergeblich Respekt in der Diskussion, worauf sie von den oben Genannten als «Parteifrau» verhöhnt wurde. Ihr Parteikollege Dani Vischer sass in der hintersten Reihe, das Gesicht in den Händen versunken, griff aber nicht ein.

Persönliche Angriffe

Besonders ausfällig verhielt sich ein Mitglied der Bewegung «We are Change». Der junge Mann rief seine Parolen laut aus. Banker würden vor dem Computer mit Weizen spekulieren, während in Afrika Kinder am Hunger sterben. Er wollte dann gehen, weil er von Hans-Peter Portmann sowieso keine Antwort bekomme. Portmann bat ihn zu bleiben und antwortete auf seinen Vorwurf, worauf der Mann ihn beschuldigte, nicht auf die Frage einzugehen. «Wie können Sie in der Nacht ruhig schlafen?», schrie er Portmann an.

Überhaupt richteten sich einige persönliche Angriffe gegen Hans-Peter Portmann, die von einem Teil des Publikums bejohlt wurden. Dabei hatte Portmann als erster Banker mit den Demonstranten Kontakt aufgenommen, hatte den Dialog gesucht und ist als Kantonspolitiker, Präsident der Stiftung für das Sterbehospiz «Lighthouse» sowie als Präsident einer Baugenossenschaft nicht wirklich der personifizierte Profitbanker ohne Verantwortungsgefühl.

Am Samstag wieder Demonstration

Portmann nahm es sportlich. Nach der Diskussion liess er gegenüber den Medien verlauten, er sei sich persönliche Angriffe gewohnt und habe die Diskussion sehr interessant gefunden. Über eine Fortsetzung der Gespräche hat er sich noch nicht geäussert.

Die Demonstration am Paradeplatz wird dafür sicher fortgesetzt. Wie die Agentur SDA meldet, will die «Occupy»-Bewegungam Samstag den Paradeplatz erneut besetzen. Diesmal wollen sie aber eine Bewilligung einholen.

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