Steigende Zahlen - «Die Schulen müssen sich jetzt auf Schliessungen vorbereiten»

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Steigende Zahlen«Die Schulen müssen sich jetzt auf Schliessungen vorbereiten»

Schulschliessungen wirken sich gemäss einer neuen Studie gravierend auf den Lernerfolg der Kinder aus und sollen das letzte Mittel in der Pandemiebekämpfung sein. Vorbereiten müssen sich die Schulen aber jetzt schon.

von
Daniel Graf
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Stephan Huber, Leiter Forschung & Entwicklung der PH Zug, hat die Auswirkungen von Schulschliessungen auf das Lernen untersucht.

Stephan Huber, Leiter Forschung & Entwicklung der PH Zug, hat die Auswirkungen von Schulschliessungen auf das Lernen untersucht.

PH Zug
Dieser ist laut Hubers Untersuchungen gravierend. 

Dieser ist laut Hubers Untersuchungen gravierend.

20min/Michael Scherrer
Schulschliessungen sollen deshalb das letzte Mittel in der Pandemiebekämpfung sein. 

Schulschliessungen sollen deshalb das letzte Mittel in der Pandemiebekämpfung sein.

20min/Michael Scherrer

Darum gehts

  • In Teilen Deutschlands und Österreichs sind die Schulen aufgrund der hohen Corona-Zahlen wieder geschlossen.

  • Das müsse in der Schweiz so lange wie möglich verhindert werden, sagt ein Bildungsforscher.

  • Denn eine neue Studie zeigt das Ausmass der negativen Einflüsse von Schulschliessungen auf das Lernverhalten der Schülerinnen und Schüler.

  • In gewissen Ländern haben insbesondere sozial weniger gut gestellte Kinder den Schulstoff von Monaten verpasst.

Seit dem Frühling 2020 kam es in ganz Europa zu unterschiedlich langen Schulschliessungen. Dadurch haben die Schülerinnen und Schüler Lernstoff verpasst – teilweise den Stoff von bis zu fünf Monaten. «Dieser Schulstoff fehlte den Schülerinnen und Schülern, die kurz vor ihrem Schulabschluss standen. Die Gesamtsituation hat auch den Übertritt in den Arbeitsmarkt erschwert. Die Untersuchungen zeigen, dass ein Teil des verpassten Lernstoffs bisher nicht aufgeholt werden konnte», sagt Stephan Huber, Bildungsforscher von der PH Zug und Mitautor der neuesten Teilstudie des «Schul-Barometers». Am negativsten haben sich international die Schulschliessungen auf jüngere, sozioökonomisch schwächer gestellte Kinder und im Bereich Mathematik ausgewirkt.

«Dass von diesen Lerneinbussen insbesondere Kinder aus sozial schwächer gestellten Familien betroffen sind, ist brisant», sagt Huber. «Wer ein privilegierteres familiäres Umfeld und Unterstützung zu Hause erhält, dem fiel der Wechsel auf Distanzunterricht einfacher. Mehr Mühe haben sozioökonomisch eh schon benachteiligte Kinder, wodurch die Schere grösser wird. Die Schulen haben hier einen wichtigen kompensatorischen Auftrag.»

«Schweizer Sonderweg hat sich bewährt»

Die Schweiz hatte die Schulen nur während wenigen Wochen geschlossen, in anderen Ländern waren es mehrere Monate. «Unsere Untersuchung zeigt, dass der Schweizer Sonderweg, die Schulen nicht mehr zu schliessen, aus bildungspolitischer Sicht der richtige war», sagt Huber. Trotzdem müssten die Schulen sich angesichts aktuell steigender Covid-Fallzahlen schon jetzt darauf vorbereiten, dass gewisse Klassen wieder in Quarantäne müssen oder im schlimmsten Fall wieder Schulen geschlossen werden.

Um das zu verhindern, plädiert Huber dafür, schweizweit an Schulen dieselben Hygiene-Massnahmen zu etablieren. Sollten die Schulen trotzdem geschlossen werden müssen, fordert Huber zusätzliche Ressourcen für die Schulen, die besonders gefordert sind: «Gerade Schulen mit einem hohen Anteil an weniger privilegierten Kindern benötigen besondere Unterstützung.»

Huber hielte es für angebracht, einen nationalen Bildungstag und kantonale und nationale Think tanks zu etablieren: «Von der Politik über die Verwaltung bis hin zu den Schulen selber und der Wissenschaft müssen alle an einem Strang ziehen. Das Ziel muss sein, die Qualität von Bildung zu sichern und weiterzuentwickeln, und jetzt Schulen so lange wie möglich offen zu halten, ohne dabei die Gesundheit der Kinder aufs Spiel zu setzen.»

Oberste Lehrerin fordert koordiniertes Vorgehen

Für die oberste Lehrerin Dagmar Rösler sind die Ergebnisse von Hubers Untersuchung wenig überraschend: «Sie bestätigen das, was wir auch festgestellt haben.» Dass es derzeit wieder so viele Infektionen an Schulen gibt, mache Rösler Sorgen. «Wir befinden uns nach wie vor in einer Notfallsituation. Es ist wichtig, gut abzuwägen zwischen dem Schutz der Gesundheit und den negativen Folgen, die eine Schulschliessung nach sich ziehen würde.» Das Bildungswesen habe aus der ersten Welle aber viel lernen können.

Helfen würde laut Rösler mehr Koordination: «Auch wenn die Situation sich von Schule zu Schule stark unterscheidet, gibt es Massnahmen, die ich schweizweit für sinnvoll halte. So haben beispielsweise die regelmässigen Spucktests sich dort, wo sie eingesetzt wurden, sehr bewährt.» Mit solchen Massnahmen ist es laut Rösler möglich, Schulschliessungen noch zu verhindern. «Es wäre gut, wenn der Betrieb an den Schulen möglichst ohne grosse Einschränkungen weitergehen könnte. Wie der Rest der Gesellschaft sind auch die Lehrerinnen und Lehrer pandemiemüde.»

«Fahrlässiger Umgang mit der Gesundheit unserer Kinder»

Franziska Iff setzt sich als Co-Präsidentin des Vereins «BildungAberSicher» seit Anfang Jahr für mehr Schutzmassnahmen an Schulen ein. Sie findet es falsch, den Fokus jetzt auf Schulschliessungen zu legen: «Viel wichtiger wäre, dass man alles tut, um die Kinder an den Schulen davor zu schützen, sich mit dem Virus anzustecken.» Die Forderungen von «BildungAberSicher» seien seit Monaten die gleichen: «Es braucht Masken, CO2-Monitoring, ein gutes Lüftungskonzept und Tests.»

Iff kritisiert, dass die Politik an den Schulen offenbar eine Durchseuchungsstrategie fahre: «Es fehlt der Wille, die Kinder zu schützen. Man stellt sich einfach auf den Standpunkt, Kinder seien nicht Treiber dieser Pandemie und hätten alle milde Verläufe, obwohl das längst widerlegt ist. Das ist ein fahrlässiger Umgang mit der Gesundheit der Kinder.»

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