Überraschungssieger: Die Schweiz, das neue Griechenland
Aktualisiert

ÜberraschungssiegerDie Schweiz, das neue Griechenland

Vor dem WM-Turnier genoss das Schweizer Team wenig Kredit – bei den Fans, bei den Journalisten, bei den Gegnern. Nun ist alles anders. Genau wie bei den Griechen 2004 - alles scheint möglich.

von
Patrick Toggweiler

Laut dem britischen Boulevardblatt «Sun» das «hässlichste Tor der WM» (Video: YouTube)

Als absoluter Aussenseiter gestartet, besiegten die Griechen an den Europameisterschaften 2004 im Startspiel den einheimischen Turnierfavoriten aus Portugal mit 2:1. Es war der Beginn eines Fussballmärchens das mit dem Gewinn der Europameisterschaften, der Krönung von Trainer Otto Rehhagel zu «Rehakles» und mehreren Tagen Freudenfeiern unter dem Olymp endete. Gestern nun der Sieg der Schweiz gegen Spanien. Wie die Griechen damals tritt die Schweiz mit einem deutschen Erfolgstrainer an. Und wie die Griechen besiegte man den Turnierfavoriten. Hakan Yakins Floskel «Wir könnten die Griechen von 2004 sein» wird plötzlich salonfähig.

Seit 1994 ohne Gegentreffer

2004 kassierte Griechenland im gesamten EM-Turnier nur gerade vier Treffer. Zwei davon gegen Russland in der Vorrunde. Gegen Frankreich (Halbfinal), Portugal (Final) und Tschechien hielt man sich schadlos. Dass die Schweiz ähnlich gute Defensivarbeit leisten kann, hat sie gestern gegen Spanien bewiesen. Und nicht nur das: Die Nati hat seit 5 WM-Partien keinen Gegentreffer mehr hinnehmen müssen: In Deutschland gegen Frankreich (0:0), Togo (2:0), Südkorea (2:0), die Ukraine (0:0) und nun in Südafrika gegen Spanien (1:0). Das ist Rekord. Ausgerechnet die Spanier trafen das letzte Mal gegen die Schweiz: 1994 an der WM in den USA (0:3). Bezüglich Defensive kann es die Schweiz mit den Griechen 2004 aufnehmen.

Offensive

In Deutschland schied die Schweiz aus, weil sie gegen die Ukraine keinen Treffer zustande brachte und im Penaltyschiessen historisch versagte (alle Elfmeter verschossen). Griechenland musste in Portugal nie ins Elfmeterschiessen. Im Final gegen Portugal (1:0) siegten sie dank einem Kopfball-Treffer von Angelos Charisteas nach einem Eckball. Bereits im Halbfinal gegen Tschechien hatte ein Corner die Entscheidung gebracht (Kopfball von Dellas). Griechenland erzielte zwar wenig Treffer, aber in jedem Spiel mindestens einen. Vorzugsweise auf eine Standardsituation.

Wie die Griechen 2004 tut sich die Schweiz schwer, aus dem Spiel heraus Tore zu erzielen. Fernandes' Treffer gegen Spanien war erst der zweite seit zehn Spielen. Alle anderen fielen auf Standardsituationen. Und wie der Europameister 2004 richtet es die Schweiz gerne per Kopf: Beim 3:0 gegen Luxemburg im Oktober 2009 drei Mal (Senderos und Huggel), gegen Griechenland (2:0) zwei Mal (Grichting, Padalino) und den wichtigen Punkt in Lettland (2:2) sicherte Derdiyok nach einer Ecke ebenfalls mit dem Kopf. Der Leverkusner hat mit seiner Tanzeinlage im spanischen Strafraum angedeutet, dass er notfalls auch per pedes skoren könnte. Auch für die Offensive gilt demnach: Zwischen Griechenland 2004 und der Schweiz können Parallelen gezogen werden.

Noch kein Aussenseitersieg an der WM

Dass die Schweiz sich ebenfalls zum Titelträger aufschwingt, bleibt trotz Startsieg gegen den Turnierfavoriten äusserst unwahrscheinlich. Die Titelträger der letzten Jahre waren allesamt Favoriten oder Mannschaften grosser Fussballnationen: Italien 2006, Brasilien 2002, 1994, 1970, 1926, Frankreich 1998, Deutschland 1990, 1974, Argentinien 1986, 1978, England 1966. Die Regel für WM Turniere ist also, dass ein Favorit gewinnt. Fehlt nur noch die sprichwörtliche Ausnahme, welche diese bestätigt.

In den Wettbüros hat sich die Quote auf einen Schweizer WM-Sieg derweil dramatisch verschlechtert. Der Gewinn beträgt allerdings immer der stolze Faktor von 101. Vor der WM betrug dieser noch 201. Im Gegenzug hat Spanien seine Favoritenrolle eingebüsst und wird nun hinter Brasilien, Argentinien und Deutschland geführt.

Zum Schluss, dass die Schweiz mit den Griechen 2004 verglichen werden kann, kam auch die «Süddeutsche» vor dem Spanien-Spiel. Das Verdikt fiel allerdings anders aus: «Vorne ausser Form geratene, Tor-ungefährliche Stürmer. Hinten ausser Form geratene eigentorgefährliche Verteidiger. Gut möglich, dass die fussballerische Nähe zu den Griechen auch in diesem Turnier Bestand haben wird. Deren WM-Gesamtbilanz lautet bekanntlich: vier Spiele, null Siege, null Tore.»

Danach ist man immer schlauer.

Deine Meinung