Aktualisiert 15.01.2015 10:07

Sicherheitsexperte Spillmann

«Die Schweiz gehört zum Feindbild der Islamisten»

Konfliktforscher Kurt Spillmann spricht über die Risiken eines Anschlags in der Schweiz – und darüber, welche Ziele besonders gefährdet sind.

von
Marco Lüssi
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7. Januar 2015
7. Januar 2015

11.20 Uhr: Zwei mit Kalaschnikows bewaffnete und vermummte Täter stürmen ein Gebäude im Herzen von Paris, in dem sich die Redaktionsräume von «Charlie Hebdo» befinden.

12 Menschen sterben, darunter der Zeitungschef Stéphane Charbonnier (Bild), genannt Charb.

12 Menschen sterben, darunter der Zeitungschef Stéphane Charbonnier (Bild), genannt Charb.

Keystone/AP/Michel Euler
Mehrere Personen werden verletzt.

Mehrere Personen werden verletzt.

AFP/Philippe Dupeyrat

Herr Spillmann, laut Europol ist die Terrorgefahr in Europa so gross wie noch nie seit 9/11. Teilen Sie diese Ansicht?

Ja, das sehe ich auch so. Allerdings bestand die Gefahr von Anschlägen bereits seit dem 11. September 2001 und ist nie verschwunden. Nur war sie aus dem öffentlichen Bewusstsein gewichen, weil es in den letzten Jahren in Europa ruhig geblieben war. Umso grösser ist jetzt der Schock.

Laut dem Bundesamt für Polizei (Fedpol) ist die Sicherheitslage in der Schweiz nach den Anschlägen von Paris unverändert.

Auch diese Ansicht teile ich, denn die Schweizer Sicherheitsbehörden wussten natürlich bereits vor den Ereignissen von Paris von den Risiken. Die Anschläge von Paris haben illustriert, dass man nicht nur mit komplexen, von langer Hand geplanten Grossaktionen rechnen muss, sondern dass es auch einzelne, kleine Zellen gibt, die aus dem Dunklen heraus plötzlich zuschlagen können. Wo dies das nächste Mal geschehen wird, ist schwer vorhersehbar.

Wie gross ist das Risiko, dass es in der Schweiz passiert?

Diese Risiko besteht, doch die Schweiz ist weniger im Fokus, weil sie sich nicht an den Militäraktionen gegen den «Islamischen Staat» beteiligt. Die Schweiz kann aber betroffen sein, weil auch sie Teil der westlichen Gesellschaft ist, die die Islamisten als Feindbild betrachten.

Welche Ziele sind am stärksten gefährdet?

Das sind Medienanstalten, Medienexponenten, Akademiker, Politiker und andere Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens, die sich beim Thema Islamismus exponiert haben, aber auch Menschenansammlungen, Einkaufszentren oder Verkehrsknotenpunkte. Unsere offene Gesellschaft ist sehr verwundbar. Welches Ziel gewählt wird, hängt sehr von der Psychologie der jeweiligen Täter ab.

Wie können mögliche Ziele geschützt werden?

Im Fall von «Charlie Hebdo» hätte bereits eine Sicherheitstür den Anschlag vereitelt – jede Bank auf dem Land hat eine solche. Man muss sich nun an vielen Orten über verbesserte Sicherheitsmassnahmen Gedanken machen.

Wie können die Behörden Anschläge verhindern?

Sicher müssen in gewissen Bereichen mehr Daten gesammelt werden, etwa über den internationalen Flugdatenaustausch. Wichtiger ist aber, dass man bei der Auswertung dieser Daten besser wird. Denn bereits heute ist eine Flut von Informationen vorhanden, es gelingt aber häufig nicht, zu erkennen, welche relevant sind. Es muss gelingen, die Mosaiksteine richtig zusammenzusetzen.

Kurt Spillmann ist emeritierter Professor für Sicherheitspolitik und Konfliktforschung an der ETH Zürich.

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