Antibiotika-Resistenzen: «Die Schweiz hat das Problem verschlafen»
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Antibiotika-Resistenzen«Die Schweiz hat das Problem verschlafen»

Der Bund will mit einer Kampagne die Bevölkerung für Antibiotika-Resistenzen sensibilisieren. Höchste Zeit, findet eine Ärztin.

von
Noah Knüsel
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Am Freitag lancierte das Bundesamt für Gesundheit die Kampagne Antibiotika: «Nutze sie richtig, es ist wichtig».

Am Freitag lancierte das Bundesamt für Gesundheit die Kampagne Antibiotika: «Nutze sie richtig, es ist wichtig».

BAG
Sie soll Wissenslücken in der Bevölkerung über Antibiotika stopfen und ist auf vier Jahre angelegt. Pro Jahr stehen 1,1 Millionen Franken zur Verfügung.

Sie soll Wissenslücken in der Bevölkerung über Antibiotika stopfen und ist auf vier Jahre angelegt. Pro Jahr stehen 1,1 Millionen Franken zur Verfügung.

Keystone/Martin Ruetschi
Die Kampagne wird mit TV-Spots, Plakaten, Online-Werbung und einer Website geführt.

Die Kampagne wird mit TV-Spots, Plakaten, Online-Werbung und einer Website geführt.

BAG

Es gibt immer mehr gegen Antibiotika resistente Bakterien: So sind heute etwa 20 Prozent der E.coli-Bakterien immun gegen Medikamente, doppelt so viel wie vor 14 Jahren. Jetzt will das Bundesamt für Gesundheit (BAG) mit einer Kampagne Gegensteuer geben (siehe Box). «Wir wollen die Bevölkerung für das Thema sensibilisieren, denn es geht alle etwas an», sagt Daniel Koch, Leiter der Abteilung übertragbare Krankheiten.

Laut Sarah Tschudin Sutter, Leitende Ärztin an der Abteilung Infektiologie und Spitalhygiene am Unispital Basel, hat die Schweiz das Problem verschlafen. Sie erklärt, welche Resistenzen am gefährlichsten sind.

Frau Tschudin, ein Fünftel der E.coli-Bakterien sind antibiotikaresistent. Diese Erreger lösen ein Drittel der Infektionen aus, die sich übers Blut verbreiten. Ist die Situation noch unter Kontrolle?

Bei diesem spezifischen Stamm hat man noch Alternativen zur antibiotischen Therapie, es gibt aber Konstellationen, bei denen es eng werden kann.

Zum Beispiel?

Sehr gefährlich ist es, wenn Bakterien gegen Carbapeneme resistent sind. Diese Antibiotika wirken gegen viele verschiedene Erreger. Sind Bakterien aber auch gegen sie resistent, muss man auf sogenannte «Reserveantibiotika» zurückgreifen – und im Extremfall bleiben keine Optionen übrig. Patienten haben dann schlechte Prognosen.

Kommt das oft vor?

Bisher zum Glück sehr selten, im Moment nur in etwa 1,7 Prozent der Infektionen mit bestimmten Darmbakterien. Es sind vor allem Patienten, die im Ausland im Spital waren und in die Schweiz zurückgebracht werden, die solche Resistenzen aufweisen. Doch Antibiotika-Resistenzen nehmen immer mehr zu, vor allem bei Darmbakterien. Lösen sie eine Infektion aus, muss man auf Carbapeneme oder sogar Reserveantibiotika ausweichen. Das befeuert das Problem natürlich weiter.

Auch in Basler Kläranlagen werden resistente Bakterien gefunden. Was bedeutet das?

Das ist alarmierend. Können resistente Bakterien nicht aus dem Abwasser entfernt werden, verbreiten sie sich viel leichter.

Was haben Antibiotikaresistenzen für praktische Auswirkungen auf Patienten im Spital – im BAG-Bericht wird auch das Einstellen von chirurgischen Eingriffen erwähnt?

Trägt ein Patient bestimmte resistente Erreger in sich, müssen

Spitäler Massnahmen ergreifen, um deren weitere Verbreitung zu vermeiden. Dazu muss man etwa den Operationssaal aufwendig reinigen und desinfizieren. Unter Umständen können deshalb nicht zeitkritische Eingriffe verschoben werden. Notfalloperationen werden aber sowieso gemacht.

Das Thema ist nicht neu. Trotzdem wurde erst vor drei Jahren eine nationale Strategie verabschiedet, am Freitag lanciert das BAG eine Informationskampagne. Zu spät?

Die Kampagne ist ein wichtiger Schritt. Trotzdem muss man sagen, dass die Schweiz, wie viele andere Länder auch, die Problematik verschlafen hat.

Wie steht die Schweiz im internationalen Vergleich da?

Beim Verbrauch nicht schlecht, es gibt aber immer noch Luft nach oben. Besonders die skandinavischen Länder und Holland stehen besser da. Grundsätzlich heizt jeglicher unnötige Verbrauch von Antibiotika das Problem weiter an.

In der Veterinärmedizin hat sich der Verbrauch von Antibiotika in den letzten zehn Jahren halbiert. Trotzdem liegt die Schweiz immer noch vor anderen europäischen Ländern wie etwa Schweden. Dort wurden bei der ungefähr gleichen Menge an Nutztieren 2016 fast viermal weniger Antibiotika verabreicht. Muss in der Landwirtschaft mehr passieren?

Grundsätzlich muss mehr gemacht werden, in allen Bereichen. Man könnte versuchen, die Haltungsbedingungen so zu verbessern, dass die Tiere gar nicht erst krank werden. In beengten Ställen können sich Erreger viel leichter verbreiten.

«Es ist wichtig»

Das Bundesamt für Gesundheit (BAG) lancierte am Freitag eine Kampagne, um Wissenslücken bei der Bevölkerung zu stopfen. Der Slogan lautet: «Antibiotika: Nutze sie richtig, es ist wichtig.» Die Kampagne wird mit TV-Spots, Plakaten, Online-Werbung und einer Website geführt. Sie ist auf vier Jahre angelegt, pro Jahr stehen 1,1 Millionen Franken zur Verfügung.

«Wichtig ist, dass man Antibiotika so einnimmt wie sie der Arzt verschrieben hat», sagt BAG-Abteilungsleiter Daniel Koch. Oder auch, dass man sie etwa nicht einfach das WC hinunterspüle.

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