29.05.2019 02:49

Büezer-Gemeinden

«Die Schweiz hat noch nicht genug Akademiker»

Strömen Studierte wegen steigender Mietpreise bald in «akademikerlose» Dörfer? Gut möglich, meint der Bildungsökonom Matthias Ammann.

von
D. Pomper
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Die Berner Gemeinde Därstetten hat 855 Einwohner. Zwei davon haben studiert: der Dorfpfarrer und die Dorfärztin.

Die Berner Gemeinde Därstetten hat 855 Einwohner. Zwei davon haben studiert: der Dorfpfarrer und die Dorfärztin.

Solche «akademikerlose» Dörfer werden in Zukunft seltener, sagt Bildungsökonom Matthias Ammann.

Solche «akademikerlose» Dörfer werden in Zukunft seltener, sagt Bildungsökonom Matthias Ammann.

«Die Anforderungen an viele Berufe dürften in Zukunft steigen, so dass sich eine tertiäre Ausbildung auszahlt», sagt Ammann.

«Die Anforderungen an viele Berufe dürften in Zukunft steigen, so dass sich eine tertiäre Ausbildung auszahlt», sagt Ammann.

Herr Ammann, in Schweizer Städten gibt es immer mehr Akademiker. Warum?

Die Wirtschaft erlebt aufgrund technischer Neuerungen einen stetigen Wandel. Rund 15 Prozent der Arbeitsstellen gehen jedes Jahr verloren, mindestens so viele werden aber wieder neu geschaffen. Der hiesige Arbeitsmarkt fragt heute mehr Arbeitskräfte mit höheren Qualifikationen nach. Die Nachfrage nach Personen mit mittleren Qualifikationen dagegen sinkt.

Nehmen Akademiker weniger gut qualifizierten Arbeitskräften die Jobs weg?

Nein, im Gegensatz zum Ausland beobachten wir hier keine Polarisierung des Arbeitsmarktes. Grund dafür ist unser durchlässiges Bildungssystem in Zusammenspiel mit dem flexiblen Arbeitsmarkt. Auch Lehrlinge können die Berufsmatura und anschliessend einen tertiären Abschluss machen. So kann relativ flexibel auf die Nachfrage des Arbeitsmarkts reagiert werden. Bereits jetzt hat die Hälfte aller 25- bis 34-Jährigen einen tertiären Abschluss.

Reicht das? Hat die Schweiz genug Akademiker?

Nein, zurzeit nicht. Die Schweizer Wirtschaft braucht nach wie vor mehr gut qualifizierte Arbeitskräfte, um die Nachfrage des Arbeitsmarktes zu decken. Deshalb sind wir auf die Zuwanderung ausländischer Fachkräfte angewiesen. Das zeigen denn auch die Zahlen: 57 Prozent der nach Inkrafttreten der Personenfreizügigkeit aus dem EU-Raum zugewanderten Arbeitskräfte verfügt über einen Tertiärabschluss. Die Arbeitslosigkeit nimmt trotz Zuwanderung nicht zu.

Und was ist mit den Menschen mit tieferen Qualifikationen, etwa Hilfskräften?

Bemerkenswerterweise profitieren auch sie von der steigenden Akademikerrate. Die Nachfrage nach ihren Dienstleistungen steigt, weil ein Akademikerpaar beispielsweise eine Haushaltshilfe oder einen Krippenplatz beansprucht.

Es gibt Dörfer wie Därstetten im Berner Oberland, wo es fast keine Akademiker gibt. Dürfte sich das in den nächsten Jahren ändern?

Ganz generell darf die Qualität einer Gemeinde nicht an der Akademikerquote gemessen werden. Statistisch gesehen werden solche «akademikerlose» Gemeinden in Zukunft wahrscheinlich seltener.

Warum?

Die Anforderungen an viele Berufe dürften in Zukunft steigen, so dass sich eine tertiäre Ausbildung auszahlt. Denken wir etwa an einen Schreiner, der einen Abschluss als Ingenieur in Holztechnik erwirbt, um Hochhäuser aus Holz zu entwerfen. Ausserdem ist es auch denkbar, dass Akademiker aus den Städten in Zukunft wieder vermehrt aufs Land ziehen werden. Etwa wegen der hohen Mietpreise oder Steuern, und weil abgelegene Regionen dank dem öffentlichen Verkehr immer besser erschlossen sind. Ländliche Gemeinden besitzen eine hohe Lebensqualität.

Was bedeutet es für die Bürger von Därstetten, wenn die Schweiz zunehmend studierter wird? Geraten sie unter Druck oder bieten sich gar neue Chancen?

Abgehängt werden sie dank dem durchlässigen Bildungssystem sicher nicht. Tatsächlich könnten sie sogar profitieren. Gibt es weniger Schreiner oder Elektriker, steigt der Wert ihrer Arbeit. Ihre Löhne steigen. Zwischen 1996 und 2016 haben die tiefen Löhne um 20 Prozent zugelegt.

Warum leben denn in ländlichen Gebieten viel weniger Akademiker?

In den Städten lassen sich um die Hochschulen herum wissensintensive Unternehmen wie Google, Disney Lab IBM oder grosse Pharmaunternehmen nieder. Die physische Nähe in einem Cluster erlaubt den schnellen und manchmal zufälligen Austausch von Ideen und ermöglicht dadurch Innovationen. Es ist ein Arbeitsmarkt für hochspezialisierte Arbeitskräfte entstanden, den es im ländlichen Raum kaum gibt. Entsprechend ziehen Akademiker eher in Städte.

Der Kanton St. Gallen versucht die gymnasiale Maturitätsquote anzuheben, was sich aber schwieriger gestaltet als gedacht. Warum?

Der Stellenwert eines Studiums oder einer Berufsbildung ist kulturell verankert. Es liegt in der Natur der Sache, dass man das, was man selber kennt, seinen Kindern weitergeben möchte.

Wie gross ist die Toleranz Studierter gegenüber Handwerkern und umgekehrt?

Vielleicht mag es Vorurteile geben. Aber ich habe den Eindruck, dass zwischen den Gruppen keine grossen Animositäten bestehen, zumal die Grenze immer durchlässiger wird. Tatsache ist, die Schweiz gilt als bestes Beispiel für die fruchtvolle Zusammenarbeit spezialisierter Arbeitskräfte. Es ist kein Nullsummenspiel – alle profitieren davon.

Matthias Ammann ist Bildungsexperte beim liberalen Think-Tank Avenir Suisse.

Dreiteilige Reportage

Die Zahl der Akademiker in der Schweiz steigt. In den Städten Zürich, Bern oder Genf hat fast jeder Zweite studiert. Bis 2045 werden rund 60 Prozent der Bevölkerung in der Schweiz einen tertiären Bildungsabschluss haben.

Was denken Nicht-Akademiker über diese gesellschaftliche Entwicklung? Und was bedeutet sie für unser Land? 20 Minuten beantwortet diese Fragen in einer dreiteiligen Reportage.

1. Was denken die Menschen eines Büezer-Dorfes über den Akademiker-Boom? Ein Besuch in der Berner Gemeinde Därstetten.

2. Wie ist es die einzige Akademikerin in einem Dorf zu sein? Interview mit der Därstettner Dorfärztin Monika Schürch.

3. Was bedeutet die steigende Akademikerrate für die Schweiz? Interview mit dem Bildungsökonomen Matthias Ammann von Avenir Suisse.

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