«Kriegsfeiglinge»: Die Schweiz hielt sie fest, die USA ehren sie jetzt
Aktualisiert

«Kriegsfeiglinge»Die Schweiz hielt sie fest, die USA ehren sie jetzt

Die US Air Force wird 142 Militärpiloten mit einer Medaille auszeichnen - sie waren in einem Schweizer Straflager interniert und wollen keine Feiglinge sein.

von
Martin Suter
New York

Sie mussten beinahe 70 Jahre warten. Doch jetzt erhalten Besatzungsmitglieder amerikanischer Kriegsflugzeuge die lang ersehnte Anerkennung dafür, dass sie im Zweiten Weltkrieg in einem Schweizer Straflager gefangen gehalten wurden. Vergangenen Monat entschied die US Air Force, 142 einst im Lager Wauwilermoos bei Sursee Internierte mit der Medaille für Kriegsgefangene auszuzeichnen.

«Das Wichtigste ist die Anerkennung», sagt Oberstleutnant James Misuraca zu «20 Minuten». Der heute 92-Jährige war 1944 als Bombenspezialist auf einer B-24 in Dübendorf notgelandet und hatte danach mehrere Wochen im Straflager Wauwilermoos bei Sursee verbracht. Die Medaille mache klar, sagt Misuraca, «dass wir das waren, was wir immer gesagt haben: Internierte, die im Krieg ihren Job taten wie alle anderen.»

Image von Feiglingen abschütteln

Die späte Auszeichnung verfolgt das Ziel, die Geehrten vom Image als Feiglinge zu befreien. Die Air Force hatte ihren Flugzeugbesatzungen im Krieg eingeschärft, im Notfall neutrale Länder anzusteuern. Bomber über Norddeutschland sollten in Schweden notlanden, jene über Süddeutschland in der Schweiz. Lange hielt sich jedoch der Verdacht, die Internierten hätten sich auf die Inseln des Friedens abgesetzt, um sich beim Skifahren zu vergnügen, während andere Aktivdienstleistende im Krieg ihr Leben riskierten.

Insgesamt waren 1517 amerikanische Flieger in der Schweiz interniert, da während des Kriegs 166 Flugzeuge der damaligen US Army Air Force auf Schweizer Territorium abstürzten oder notlandeten. In fünf weiteren Fällen retteten sich Besatzungen mit dem Fallschirm in die Schweiz, während ihre Flugzeuge jenseits der Grenze niedergingen. Nach der Haager Konvention von 1907 war die Schweiz als neutrales Land verpflichtet, die fremden Soldaten bis zum Kriegsende festzuhalten.

Lagerstrafe für Fluchtversuch

Üblicherweise seien die Bomberpiloten und Luftwaffensoldaten in leergeräumten Berghotels untergebracht worden, so etwa in Adelboden oder Davos-Platz, sagt der Army-Historiker Dwight Mears, der vielleicht beste Kenner der Schweizer Internierungsgeschichte im Zweiten Weltkrieg. Als sich die alliierten Truppen von Westen her der Schweizer Grenze näherten, versuchten viele Internierte, nach Frankreich zu fliehen, um zu ihren Verbänden zu stossen. Laut Mears griff der Schweizer Grenzschutz 183 Amerikaner beim Fluchtversuch auf. Davon seien im Jahr 1944 mindestens 161 Amerikaner zur Strafe ins Lager Wauwilermoos gebracht worden, schreibt Mears in einer unlängst veröffentlichten Studie.

Im Barackenlager Wauwilermoos herrschten gemäss Aussagen Betroffener harsche Bedingungen. Die Gefangenen schliefen auf hölzernen Kajütenbetten, die mit lausverseuchtem Stroh ausgelegt waren. Zur Beheizung der Baracke war nur ein einziger Holzofen vorhanden. Das Essen bestand aus wässriger Suppe mit Kartoffelscheiben, Kohl sowie Schwarzbrot. Es habe ihren Hunger nie gestillt, sagt Misuraca, der das Wauwilermoos mit deutschen Konzentrationslagern vergleicht.

Nazifreund als Lagerkommandant

Besonders negativ blieb den Betroffenen der Lagerleiter in Erinnerung, Hauptmann André Béguin. Der Kommandant sei bekennender Nazifreund gewesen, der die amerikanischen Häftlinge mit Verachtung behandelt habe, sagt Mears. Nach dem Krieg wurde Béguin zu dreieinhalb Jahren Gefängnis verurteilt und aus der Armee ausgeschlossen, weil er Geld von Gefangenen gestohlen hatte.

Bei seinen Forschungen stiess Mears auf den bisher ungenügend beschriebenen Sachverhalt, dass das Internationale Komitee vom Roten Kreuz (IKRK) das Lager Wauwilermoos nicht ungehindert besuchen konnte. Die Schweiz habe sich zuerst auf den Standpunkt gestellt, in einem neutralen, am Krieg unbeteiligten Land könne es keine Kriegsgefangenen geben. Daher stehe die Schweiz auch nicht in der Pflicht, IKRK-Inspektionen zuzulassen.

Das IKRK wurde behindert

Laut Mears hat General Henri Guisan 1942 in einen Kompromiss eingewilligt. Er habe aber darauf bestanden, dass die Inspektionsberichte zuerst von der Schweizer Armee zu prüfen seien, bevor das IKRK sie an die Herkunftsländer der Inhaftierten habe weiterleiten dürfen. Mears: «Es ist ironisch, dass die Schweiz als Wiege des IKRK und Ort seines Hauptsitzes die Inspektionen der Lager behinderte.»

Sämtliche 142 Medaillenempfänger verbrachten Zeit im Lager Wauwilermoos. Sie verdanken ihre Ehrung Dwight Mears, der im Bundesarchiv stöberte, Fakten zusammentrug und Petitionen beim US-Kongress einreichte. Der Forscher hat für seine Mission persönliche Gründe: Sein Grossvater George Mears war auch unter den zeitweiligen Lagerinsassen.

Doch ist der Grossvater längst gestorben - wie die allermeisten der nun Geehrten. Von den amerikanischen Wauwilermoos-Veteranen sind gerade noch zwölf am Leben.

So berichtete das CBS-Fernsehen über die späte Ehrung der Flieger:

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